Reisetagebuch Ecuador Teil 4 Kleine Erwachsene - Die Kinder in Ecuador

Tumbaco . Das Verhalten der Kinder hier in Ecuador hat mich vom ersten Moment an stark beeindruckt. Sie sind fast wie kleine Erwachsene, übernehmen Verantwortung für die jüngeren Kinder und helfen ihren Eltern.
24.04.2010, 15:48
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Von Ronja Bomhoff

Tumbaco . Das Verhalten der Kinder hier in Ecuador hat mich vom ersten Moment an stark beeindruckt. Schon als mich der mittlerweile elfjährige Nico, mit dem ich hier lebe, und seine zwölfjährige Cousine Emilia bei meiner Ankunft mit einem Küsschen auf die Wange begrüßten, habe ich mich gewundert. So begrüßen sich hier die Erwachsenen und ich war erstaunt, dass ich auch von einem Kind so empfangen werde. In den nächsten Tagen merkte ich aber, dass die Kinder in Ecuador wirklich erwachsener sind als bei uns.

Nico ist erst elf. Doch er passt auf seinen zweijährigen Cousin Benjamin auf, wie ein Erwachsener. Wenn Benjamin was anstellt, schimpft Nico mit ihm und wird auch als Autoritätsperson wahrgenommen. Die zwölfjährige Emilia kommt mir fast vor wie eine Erwachsene. Sie macht zwar auch Dinge, die typisch für eine Zwölfjährige sind, aber sie hilft ihrer Mutter auch ganz selbstverständlich bei der Erziehung ihres jüngeren Bruders.

Nachmittags sind hier im Haus der Familie immer zwei Kinder auf die Großmutter Carmen aufpasst: Der vierjährige José-Maria und seine Schwester Camilla, sie ist sechs. Camilla hat eine unglaubliche Autorität gegenüber José. Wenn José bockig ist und etwas nicht will, dann schafft sie es, ihn ganz ruhig und mit guten Argumenten dazu zu überreden. Ihr gelingt es besser ihren Bruder zu beruhigen oder zur Vernunft zu bringen, als mir.

Auch in der Schule, in der ich arbeite, war ich schon am ersten Tag von den Kindern beeindruckt. Als ich nach meiner ersten 20-minütigen Busfahrt aus dem Schulbus ausstieg, nahm mich schon das erste Kind an die Hand. Es dauerte etwa eine Stunde, bis mich das erste Kind umarmte.

Mein erster Tag in der Schule war ein Mittwoch und mittwochs gehen wir immer in den Bergen spazieren. Die Mädchen bombardierten mich auf dem Spaziergang mit Fragen. Dass ich nur wenig verstand, oft nachfragte und auch nur gebrochen spanisch mit ihnen sprechen konnte, schien sie nicht zu stören.

Wir sind in einer kleinen Gruppe, in der ich die einzige Erwachsene war, von dem normalen Weg abgegangen und  über steile Hänge zu unserem Ziel gelaufen. Eine nicht ganz ungefährliche Aktion, aber die Kinder haben gegenseitig auf sich aufgepasst, sich an schwierigen Stellen geholfen und aufeinander gewartet.

Dieses Verhalten ist ganz typisch für die Kinder in der Schule, wie ich in den folgenden Tagen gemerkt habe. Einige Kinder in der Schule sind körperlich oder geistig behindert, aber niemand wird ausgegrenzt, keiner muss ein Einzelgänger sein. Die größeren Kinder passen auf die Kleinen auf und alle spielen zusammen.

Die Kinder weinen wenig. Selbst wenn sie auf Steinen hinfallen oder einen Fußball ins Gesicht bekommen, weinen sie nicht. Wenn ein Kind doch mal ein anderes haut, sprechen die Lehrerinnen ganz ruhig mit ihnen und fragen sie, warum sie das getan haben, statt nur mit den Kindern zu schimpfen.

Die Kinder in Ecuador sind verantwortungsbewusster, ruhiger und solidarischer als bei uns in Deutschland. Ich glaube das liegt daran, dass sie ernster genommen werden. Sie sind halt nicht „nur“ Kinder, sondern junge Erwachsene, deren Meinungen und Motive wichtig sind.

Ihnen wird mehr zugetraut. Auch kleine Kinder sollen für sich selbst Verantwortung übernehmen oder auf andere Kinder aufpassen können. Kinder sind hier ein Segen. Die Eltern nennen ihre Kinder „mi amor“ (meine Liebe), aber trotzdem sind sie auch etwas Normales.

Sie bekommen nicht ständig die ganze Aufmerksamkeit ihrer Eltern und sie werden nicht so verhätschelt wie bei uns. Ich bin von den Erziehungsmethoden der Ecuadorianer überzeugt. Der Erfolg gibt ihnen Recht.

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