KLEINE HELLE: EINE SCHULE, DIE ES NICHT MEHR GIBT, FEIERT JUBILÄUM

Das Treppenhaus, die Flure, die Klassenzimmer, die Aula – alles war den rund 600 Ehemaligen noch so vertraut. Doch ihre Schule gibt es nicht mehr.
02.06.2016, 00:00
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Von Erika Thies

Freundliche Übernahme

Das Treppenhaus, die Flure, die Klassenzimmer, die Aula – alles war den rund 600 Ehemaligen noch so vertraut. Doch ihre Schule gibt es nicht mehr. Denn da, wo bis einmal das Gymnasium Kleine Helle gewesen war, zog 1988 das Alte Gymnasium (AG) ein. Weshalb dessen Direktorin Angela Köhler in ihrer herzlichen Begrüßung auch behauptete: „Ich stehe vor Ihnen und verkörpere gewissermaßen den Feind.“ Was ihr keiner abnahm, da alle wussten: Genauso tapfer wie damals das Gymnasium Kleine Helle das eigene Ende zu verhindern suchte, hat sich gleichzeitig das AG dagegen gesträubt, aus der Dechanatstraße wegzuziehen.

Die Idee, das 100-jährige Bestehen ihrer seit mehr als einem Vierteljahrhundert nicht mehr bestehenden Schule zu feiern, sei ihnen zunächst eher spaßig vorgekommen, sagte Gabriele Rogge vom Vorbereitungsteam. Sie hat, wie die meisten in dieser achtköpfigen Gruppe, einst an der Kleinen Helle unterrichtet. Bei zahlreichen Arbeitstreffen nahmen die geplante Feier und das Jubiläumsbuch dann nach und nach immer konkretere Formen an, und die Liste der Anmeldungen wurde lang und länger.

Nun saßen die beiden, deren Kleine-Helle-Zeiten am längsten her waren, in der ersten Reihe: die 96-jährige Lotte Noam, geborene Dahn, und Lieselotte Müller, geborene Heyn, die 1943 das Abitur an der Kleinen Helle bestanden hat. Lieselotte Müller hatte ihren Mann mitgebracht. Das Ehepaar, das in Bremen wohnt, feierte kürzlich seine Eiserne Hochzeit. Lotte Noam, die aus der Schweiz angereist war, hielt eine bewegende Rede – voller Liebe zu ihrer Geburtsstadt und voller Lob für ihre alte Schule. „Wir wählen, wen wir wollen“, hatten Mitschülerinnen trotzig gesagt, als Lotte von ihnen noch 1936 zur Klassensprecherin gewählt geworden war. Natürlich half es nichts. Die Wahl wurde annulliert.

Anning Lehmensiek, eine frühere Lehrerin an der Kleinen Helle, hat über Lotte und weitere 13 Schülerinnen mit jüdischen Eltern oder einem jüdischen Elternteil eine Broschüre geschrieben. Auszüge daraus stehen in der Festschrift. Lotte Dahn emigrierte im Oktober 1938 zusammen mit ihrem Vater nach Palästina – und genoss da endlich, wie sie jetzt in der Aula ihrer alten Schule sagte, „das Glück, dazuzugehören, wie alle anderen zu sein“.

Ehemalige gestalten Programm

Dass die Kleine Helle mehr als 70 Jahre lang eine sehr besondere Schule gewesen sein muss, ist im Rahmen eines über dreistündigen Programms wieder sehr deutlich geworden. Eckhard Petri (Abitur 1976) spielte Saxofon. Petra Knöner (Abitur 1980) sang noch einmal das Lied von der roten Tinte. Nikolai Putscher (Abitur 1980) erinnerte das Publikum an ziemlich wilde Zeiten. Und Günther Gerlach, der 1981 Direktor geworden war, hielt spitzbübisch lächelnd eine doppelbödige Rede.

Wie aber sollte sich in einer solchen Veranstaltung jemand behaupten, der für eine Bildungsbehörde sprach, die diese Schule einst zum Tode verurteilt hatte? Michael Huesmann als ihr Vertreter überbrachte „sehr, sehr herzliche Grüße“ von seiner Senatorin, verwies auch auf die große Bedeutung von Kontinuität – und ging schon bald. Das Auditorium applaudierte in diesem besonderen Falle ausnahmsweise ziemlich kurz.

Viel Lob gab es immer wieder für das inzwischen in dem Gebäude ansässige Alte Gymnasium, dessen Gastfreundschaft sich auch in tätiger Mithilfe zeigte. In der Aula spielte das von Eve-Marie Hadamovsky geleitete Schulorchester. Auf den Gängen wurden Namensschilder verteilt und die Festschrift zum Kauf angeboten, und überall sah man hinter den Tresen freundliche, junge Gesichter.

Weil die Aula des Alten Gymnasiums nicht annähernd Platz für 600 Personen bietet, waren auch in zwei großen Flure und einer Turnhalle noch Stühle aufgestellt worden. Die von Klaus Lies souverän geleitete Veranstaltung wurde dorthin übertragen, und alle, denen da die Zeit vielleicht doch etwas zu lang wurde, machten sich vielleicht schon ein bisschen früher auf den Weg zum Treffen ihres Abiturjahrgangs. Nicht nur in Raum 113 (1953 bis 1960) standen an der Tafel später Texte wie: „Hanne und Heilwig. Wir sind ab 15 Uhr im Café Stecker.“ Oder: „An Heide und Irmgard. Wir sind in der Mühle am Wall. Gruß Anke.“

Zum Abschluss der Feier wurde noch ein Kanon gesungen worden: „Dona nobis pacem“. Gib uns Frieden. Den hatte sich 1999 die ehemalige Kleine-Helle-Direktorin Erika Opelt-Stoevesandt gewünscht, als Bürgermeister Henning Scherf die ihr Senatsmedaille für Kunst und Wissenschaft überreichte. In dem vergeblichen Kampf um den Fortbestand der Kleinen Helle war sie seine schärfste Konkurrentin gewesen.

Ungekürzt ist der Text von Anning Lehmensiek über die von den Nazis verfolgten Schülerinnen der Kleinen Helle für vier Euro über die Verfasserin (Albrecht-Dürer-Straße 16, 28209 Bremen) zu beziehen.

Licht und Schatten in der Jubiläumsschrift

Auch wenn eine traditionsreiche Schule schon fast 30 Jahre nicht mehr existiert, kann man sich über ihr Verschwinden noch herzhaft empören. Die sehr gelungene Jubiläumsschrift „100 Jahre Kleine Helle“ liefert dafür den Beweis. In der Einleitung wird die Schließung der traditionsreichen bremischen Bildungseinrichtung noch einmal nachdrücklich als Willkürakt gebrandmarkt, als eine der „Sünden der bremischen Schulpolitik“, begangen in Zeiten, als „Lernfabriken“ in Mode kamen.

Auf den Aufschrei zu Anfang folgen zahlreiche, sehr fundierte und immer wieder auch unterhaltsame Kapitel, beginnend mit der „Geburtsstunde“ und endend mit einem unverdrossenen „Die Kleine Helle lebt weiter“. Das Weiterleben zeigt sich beispielsweise in der alljährlichen Kohl-und-Pinkel-Fahrt des einstigen Kollegiums.

Die „Geburtsstunde“ der Schule schlug, als die Bürgerschaft 1912 mit großer Mehrheit den Antrag annahm, wonach Bremen erstmals eine staatliche höhere Mädchenschule bekommen sollte, samt angeschlossener Studienanstalt zur Vorbereitung auf das Abitur. Die feierliche Eröffnung erfolgte mitten im Ersten Weltkrieg: am 4. April 1916.

Zu dem 146 Seiten umfassenden, größerformatigen, reich bebilderten Band trugen viele bei, die mal an der Kleinen Helle unterrichteten oder unterrichtet wurden. Immer wieder sind aber auch ältere Originaltexte eingestreut. Über die Zeit von 1916 bis 1949 berichtet, in einem 1956 verfassten Text, die erste Direktorin: Mathilde Plate alias „Königin Mathilde“, die dann ab 1949 in Elisabeth Forck und ab 1963 Erika Opelt-Stoevesandt würdige Nachfolgerinnen fand.

Erika Opelt-Stoevesandt (1919–2013) hatte sich 1981, mit den Entwicklungen im bremischen Schulwesen immer unzufriedener, früh pensionieren lassen. Schon sechs Wochen später übernahm sie – für sechs Jahre – die Leitung des von ihr mitbegründeten privaten Ökumenischen Gymnasiums in Oberneuland. Im Jubiläumsheft ihrer früheren Schule ist sie mit einem kritischen Rückblick vertreten, für den sie alte Tageskalender nochmals durchgesehen hatte. Dabei, schrieb sie, sei ihr das Herz warm geworden, aber „gleichzeitig erfüllten mich Trauer und Zorn, daß die Kleine Helle, eine erfolgreiche und traditionsreiche Schule, aufgelöst wird zugunsten einer Reform, die aber – gewollt oder ungewollt – in erster Linie nicht den jungen Menschen, sondern einer Ideologie dient“.

Die Jubiläumsschrift, von der vorsichtshalber zunächst nur 200 Exemplare gedruckt worden sind, kostet 20 Euro. Wer daran interessiert ist, wende sich an: Klaus Lies, Kiesselbachstraße 26, 28329 Bremen, Telefon 40 43 91.

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