Bremen-Süd Kleinflieger: Hoffnung auf Entlastung

Bremen-Süd. Anwohner im Bremer Süden beschweren sich seit vielen Jahren über lärmende Kleinflieger, die dicht über ihren Wohngebieten kreisen. Doch nun scheint Bewegung in die verhärteten Fronten zu kommen.
18.08.2013, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Karin Mörtel

Bremen-Süd. Anwohner im Bremer Süden beschweren sich seit vielen Jahren über lärmende Kleinflieger, die dicht über ihren Wohngebieten kreisen. Die meisten dieser Flugzeuge dienen der Ausbildung von Piloten, die bei der Lufthansa-Flugschule am Bremer Flughafen lernen. Doch nun scheint Bewegung in die verhärteten Fronten zu kommen: Seit einigen Monaten gibt es konstruktive Gespräche zwischen Flugschule, Lärmschutzaktivisten und der Bremer Lärmschutzbeauftragten. Ein erster Schritt, der Hoffnung macht.

Und schon wieder fliegt eine kleine Maschine brummend über den Garten der Familie Bösch. Hanne Bösch sieht auf ihre Armbanduhr. "Das ist für heute hoffentlich das letzte Mal gewesen", sagt sie und blickt in den Himmel, bis das Geräusch verebbt ist. Gemeinsam mit Ehemann Peter lebt sie in Habenhausen. Fluglärm ist für das Paar zur Normalität geworden, schließlich leben sie nur etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernt vom Flughafengelände des City-Airport Bremen.

Doch besonders nervenaufreibend finden sie die Geräusche, die die Kleinflieger verursachen, die tiefer als die großen Maschinen über den Wohngebieten kreisen. Das war auch der Grund, warum sie sich seit einiger Zeit in der "Vereinigung zum Schutz Fluglärmgeschädigter" (VSF) engagieren. Zwei Monate lang – den März und den Juni 2013 – hat Peter Bösch sich die Mühe gemacht, sämtliche kreisende Flugbewegungen kleiner Flugzeuge in Bremen zu dokumentieren. Die Daten zu Maschinentyp, Betreiber und Routen hat er sich im Internet zusammengesucht.

"Den größten Anteil hat dabei die Flugschule der Lufthansa, die mit bis zu fünf Flugzeugen im Einsatz ist", erklärt Bösch. Im ersten untersuchten Monat waren es insgesamt 308 Runden, davon 264 von der Flugschule. Im Juni waren es noch 264, nur 15 Runden davon drehten andere Kleinflieger. Nur am Sonntag gibt es keine Ausbildungsflüge.

Die Auflistung von Peter Bösch dokumentiert: An manchen Tagen kreisen einzelne Schulungsmaschinen fünf oder sogar zehn Mal über Bremen, bevor sie wieder landen. "Am 20. Juni waren es 21 Runden von fünf verschiedenen Flügen der Flugschule, da kommt man nicht zur Ruhe", sagt die Obervielanderin. Denn das Gebiet, das besonders intensiv in Höhen unter 1000 Meter überflogen wird, ist der Bremer Süden mit Huchting, den flughafennahen Teilen der Neustadt sowie Obervieland. Das zeigt die Auswertung der sogenannten Flugspuren, die wie rote Kreise über dem Bremer Stadtgebiet liegen.

Rechtlich dagegen vorgehen können die Fluglärmgegner allerdings nicht, sondern sich nur im Beschwerdeportal des Senators für Bau-, Umwelt und Verkehr zu einzelnen besonders lauten Flugbewegungen melden. Denn die Flüge abseits der für große Maschinen ausgehandelten Flugrouten, die möglichst viel Lärmbelastung von der Wohnbevölkerung fernhalten sollen, sind gesetzlich erlaubt. "Wir können nur inständig darum bitten, mehr Rücksicht zu nehmen", sagt Hanna Bösch.

Die Sprecherin Uta Dressel der Lufthansa-Flight-Training erläutert dazu: "Die Pilotenausbildung richtet sich nach den behördlichen Bestimmungen unter anderem des Luftfahrtbundesamtes, des Bundesministeriums für Verkehr, diversen europäischen Richtlinien und des Landes Bremen." Platzrunden seien in der Ausbildung fest vorgeschrieben, wobei ein Teil dieser Runden in unmittelbarer Nähe der Start- und Landebahn, das heißt als sehr enges Rechteck mit einer Ausdehnung von wenigen Kilometern, geflogen wird.

"LFT hat diese Platzrunden nach Sichtflugregeln inzwischen stark limitiert, insbesondere in den Abendstunden", teilt Dressel mit. Das Flugtraining werde bereits so oft wie möglich außerhalb Bremens absolviert. Dazu gebe es eine Anweisung, die Anzahl der Anflüge auf Bremen im Rahmen der Ausbildungserfordernisse auf ein Minimum zu beschränken.

Auch für die vollständige Umrüstung der Schulflugzeugsflotte auf modernere und leise Flugzeuge vom Typ Cessna Citation CJ1+ habe die LFT in den vergangenen Jahren etwa 30 Millionen Euro investiert. "An der Messstelle in Habenhausen kommt nicht ungewöhnlich hoher Lärm dieser Maschinen an", sagt die Bremer Lärmschutzbeauftragte Anja Gätjen dazu. Allerdings seien dennoch viele Beschwerden über das Internetportal eingegangen, weshalb sie auch den Dialog mit der Flugschule sucht. "Ich kann nur vermittelnd eingreifen und versuchen, durch Gespräche eine Lärmminderung zu erreichen."

Neu entstandener Dialog

Auch Hanne Bösch und andere Aktive der VSF setzen große Hoffnung in einen neu entstandenen Dialog. "Verantwortliche der Flugschule waren im Mai sehr offen für unser Anliegen, und ich war überrascht, dass sie tatsächlich alle Beschwerden lesen, die die Menschen im Internet schreiben", sagt Hanne Bösch. Nur die konkreten Taten, also die spürbare Reduzierung der ungeliebten Platzrunden fehlen dem Vorsitzenden der Bremer Fluglärmkommission, Ralf Bohr, bislang noch. "Sie wollen prüfen, was möglich ist, nach großen Zugeständnissen klingt das erst einmal nicht", sagt Bohr. Er hofft, dass Wege gefunden werden, die Platzrunden nahezu komplett auf andere Flughäfen zu verlagern, bei denen nicht so viele Anwohner von dem Lärm betroffen sind. "Der Flughafen in Bremen heißt nicht umsonst ,City Airport‘, denn er befindet sich in dicht besiedeltem Gebiet."

Dennoch sei er froh, dass erste Gespräche stattfinden. "Ob das zu einer tatsächlichen Entlastung der Anwohner führt, müssen wir abwarten", bleibt Bohr skeptisch. Die LFT begrüße den Dialog mit den Vertretern der betroffenen Kommunen, des Senats und des Flughafens Bremen und werde auch weiterhin im Rahmen der behördlichen Möglichkeiten zu einer Lärmminderung beitragen, versichert die LFT-Sprecherin.

Eine Einschränkung gibt es aber doch: Eine bestmögliche Pilotenausbildung habe bei LFT allerhöchste Priorität und werde das auch in Zukunft haben. "Zugeständnisse auf Kosten der Ausbildungsqualität darf und wird es nicht geben."

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