Leerstehende Parzellen

Kleingärtner halten nichts von SPD-Vorstoß

Im Bremer Westen stehen viele Parzellen leer. Doch von dem Vorstoß der SPD, die Flächen für den Wohnungsbau zu nutzen, halten die Kleingärtner nicht viel: Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert.
28.05.2017, 19:30
Lesedauer: 4 Min
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Kleingärtner halten nichts von SPD-Vorstoß
Von Kristin Hermann

Im Bremer Westen stehen viele Parzellen leer. Doch von dem Vorstoß der SPD, die Flächen für den Wohnungsbau zu nutzen, halten die Kleingärtner nicht viel: Die Eigentumsverhältnisse sind kompliziert.

Sechs Jahre wohnt in dem Kaisenhaus im Milanweg schon niemand mehr. Trotzdem sind noch all die Sachen da, in denen der Besitzer vor seinem Tod gelebt hat. Die Betten sind bezogen, die Bücher stehen im Regal und die Hemden und Hosen hängen im Kleiderschrank. Auf einer Postkarte auf dem Boden schreibt ein Freund oder Familienmitglied des Hausbesitzers einen Gruß aus London.

Die Sachen deuten an, dass hier einmal Leben stattgefunden hat, doch davon ist nicht viel übrig geblieben. Die Luft ist abgestanden und Schimmel und Verfall haben die Bausubstanz angegriffen. So wie dieses Kaisenhaus verfallen noch viele weitere der Bauten, die der damalige Bürgermeister Wilhelm Kaisen aufgrund der Wohnungsnot in den Kleingärtengebieten zum dauernden Wohnen bauen ließ.

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Das Kaisenhaus im Milanweg gehört zu dem Vereinsgelände des Kleingartenvereins Union in Walle. Hier gibt es noch weitere der Behelfshäuser, an denen die Zeit frisst. Hinzu kommen viele Parzellen und Flächen, die leer stehen. Bei Union sind es mehr als 50 Parzellen von insgesamt etwa 300 Grundstücken. Der Verein hat mit einem Generationsproblem zu kämpfen. Die Parzellen, die keinen Strom-und Wasseranschluss haben, werden die Funktionäre nach Aufgabe der alten Pächter so gut wie gar nicht los, erzählt Fritz Sudmann, der über die Finanzen von Union wacht.

SPD will Flächen für Wohnungsbau nutzen

Das Vereinsgelände in Walle gehört zu jenen Gebieten, die sich die SPD-Fraktion als potenzielles Bauland vorstellen kann. Alle Jahre wieder rücken die Kleingärtner in den Fokus der Politik. Der baupolitische Sprecher der Fraktion, Jürgen Pohlmann, hatte vorgeschlagen, brachliegende Kleingartenflächen für den Wohnungsbau zu nutzen. Etwa 16 000 Lauben gehören zum Landesverband der Gartenfreunde. Für 350 davon finden die Vereine in den vergangenen zwei Jahren partout keine Nachmieter. Viele davon stehen im Bremer Westen.

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Von dem Vorstoß der SPD-Fraktion halten die Kleingärtner jedoch nicht viel. Nicht, dass sie sich nicht grundsätzlich vorstellen könnten, Flächen umzuwandeln. „Doch es wird nie mit den Leuten gesprochen, die sich hier auskennen“, sagt August Judel, Vorsitzender des Landesverbandes. „Dass man sich Teile der Parzellen als Baugrund vorstellen kann, haben wir aus der Zeitung erfahren“, sagt Fritz Sudmann.

Judel räumt ein, dass es im Bremer Westen Vereine mit massiven Problemen gäbe. Der Verein Gute Gemeinschaft in Gröpelingen etwa liegt zwischen Autobahn und Eisenbahn. Mit dem Rad oder zu Fuß sei er nur schwer zu erreichen. „Da will aber auch niemand dauerhaft wohnen“, gibt Judel zu bedenken.

Viele Flächen sind in Privatbesitz

Zudem sei eine solche Maßnahme auch rechtlich schwer durchzusetzen, da der Grund, auf dem die Lauben stehen, nicht der Stadt allein gehören würde. Das Gebiet der Vereine sei durchmischt. „Neben dem stadteigenen Land, das wir verpachten, gibt es auch noch Fläche, die in Privatbesitz ist und Bauernland“, sagt Judel. Zudem müssten die Kleingärtner von der Stadt adäquat entschädigt werden. Der Landesvorsitzende der Gartenfreunde kann die politischen Vorstöße deshalb nicht mehr richtig ernst nehmen. „Es wird alle paar Jahre diese Idee vorgebracht, doch konkret daran gearbeitet wird nicht“, sagt er.

Viele der Parzellisten hätten zudem ein Problem damit, dass die Stadt nichts gegen die verrottenden Kaisenhäuser unternimmt, obwohl eigentlich festgelegt worden war, dass diese abgerissen werden müssen. 1100 Kaisenhäuser gibt es nach Angaben der Baubehörde noch in Bremen. Etwa die Hälfte davon sei bewohnt, die andere Hälfte stehe leer, der Großteil davon in Walle, Findorff und Gröpelingen. „Die Stadt hat in den vergangenen Jahren bereits 350 Häuser abgerissen“, sagt Jens Tittmann, Sprecher der Baubehörde. Doch aktuell sei das Verfahren aufgrund der schwierigen Haushaltslage Bremens auf unbestimmte Zeit gestoppt worden.

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Für die Vereinsmitglieder von Union ist nicht nachvollziehbar, warum die Stadt nicht erst einmal etwas gegen die maroden Häuser tut, gleichzeitig einzelne Politiker aber mit weiteren Vorstößen kämen. „Die Vereine belasten diese Grundstücke. Sie sind ein Schandfleck“, sagt Fritz Sudmann. Die direkt angrenzenden Nachbarn hätten bereits einen Sichtschutz angebracht, weil das Grundstück zuwuchert und die Optik stört.

Pohlmann will sich mit Kleingärtnern treffen

Vor anderthalb Jahren haben die Kleingärtner für einen Entwicklungsplan der Gebiete mehrere Ideen aufgeschrieben, wie man die Zukunft der Vereine gestalten könnte. „Seitdem ist nicht viel passiert“, sagt August Judel. Das soll sich nun ändern. Jürgen Pohlmann kündigt auf Nachfrage des WESER-KURIER an, sich zeitnah mit den Kleingärtnern treffen zu wollen. „Es soll nichts über den Kopf der Vereine hinweg entschieden werden“, sagt er. Zudem wolle er den Entwicklungsplan wieder in die entsprechenden Deputationen bringen.

Die anderen Fraktionen hatten auf den Vorstoß des baupolitischen Sprechers überwiegend mit Kritik reagiert. Die Grünen nannten die Idee „kontraproduktiv“. Erst kürzlich habe das Bremer „Bündnis für Wohnen“ unter der Leitung von Bürgermeister Carsten Sieling (SPD) eine vorhandene Bauflächenreserve im Volumen von 27 000 Wohneinheiten festgestellt. Auch die Fraktion der Linken sprach sich gegen die Initiative von Pohlmann aus. Nur die CDU begrüßte den Vorschlag des SPD-Politikers Pohlmann.

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