Trend auch in Bremen Kleingarten erlebt Renaissance

Bremen. Gemüse im eigenen Garten anzubauen, wird immer beliebter. Deswegen sind auch in Bremen Parzellen begehrt. Doch nicht jeder Wunsch nach dem eigenen Beet kann in Erfüllung gehen.
21.04.2013, 16:21
Lesedauer: 4 Min
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Von Karina Skwirblies

Bremen. Gemüse aus dem eigenen Garten zu essen, hat einen besonderen Reiz. Wer ungewöhnliche Kartoffeln, aromatische Tomaten oder frische Kräuter essen möchte, kann sich nicht immer im Supermarkt bedienen. Sondern muss selber anbauen. Parzellen in Bremen sind begehrt, die Wartelisten lang.

Gartenarbeit ist gesund für Leib und Seele. Das haben Untersuchungen gezeigt. Mit den Händen in der Erde zu wühlen, Pflanzen zu setzen, Unkraut zu jäten oder Kirschen zu ernten, macht gute Laune, baut Stress ab und stärkt die Immunabwehr. Zugleich werden die Muskeln so vielseitig wie bei kaum einer Sportart trainiert, und die frische Luft trägt ein Übriges zur Gesundheit bei. „Der Garten hält mich fit und gesund“, meint auch Hartmut Clemen, Landesfachberater für das Kleingartenwesen in Bremen.

Selbst nach Jahrzehnten der Gartenarbeit kenne er keine Rückenschmerzen. Hartmut Clemen ist im Beratungszentrum der Bremer Gartenfreunde „Floratrium“ Ansprechpartner für alle Fragen rund um den Garten. Wer einen Rat sucht, dem steht er mit seiner 35-jährigen Erfahrung als Landschaftsgärtner zur Verfügung.

„Der Kleingarten erlebt im urbanen Raum eine Renaissance“, berichtet Hartmut Clemen. „Beim Kleingartenverein auf dem Stadtwerder existiert eine Warteliste mit 200 Personen. Jährlich kündigen aber nur 17 Parzellenbesitzer ihren Garten. Diese Situation findet man auch in Berlin oder Frankfurt.“ Das Interesse am eigenen Garten habe deutlich zugenommen. Die Bremer hätten mit ihrem Parzellenwesen ein absolutes Privileg, ist Clemen überzeugt. „Für so einen geringen Pachtzins in zentraler Lage einen Garten bewirtschaften zu können, ist einmalig.“

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Wenn er auf die vielen Möglichkeiten des Gemüseanbaus zu sprechen kommt, gerät der Gärtner ins Schwärmen. „Das ist besser, als wenn man im Supermarkt oder im Ökoladen einkauft. Dort findet man überall dasselbe Gemüse. Die Kartoffel- oder Tomatensorten sind beschränkt. Bei den Äpfeln ist es extrem, sie schmecken alle gleich.“ Doch allein bei den Kartoffeln und Tomaten gebe es Hunderte von Sorten. „Sie sind geschmacklich alle verschieden. Das ist eine Freude auch für den Gourmet.“

An einem der ersten schönen Sonnentage arbeitet Hartmut Clemen an den Beeten im „Floratrium“. In der Hand hält er 50 Tüten mit Tomatensamen. „Hier habe ich 50 verschiedene Sorten, in jeder Tüte eine andere. Und das ist nur eine kleine Auswahl. Als Hobbygärtner hat man die Möglichkeit, eine viel größere Artenvielfalt zu bekommen.“ Bei den Kartoffeln werde der Unterschied noch deutlicher. Da gibt es rote, gelbe, violette und blaue. Ein Anblick, der auch auf dem Teller erstaunt. „Wenn man mal violette Kartoffeln oder gelbe Bete mit grünem Spinat aus demeigenen Garten kombiniert – das ist einmalig.“

Noch ist es für viele Pflanzen zu früh, um ins Freiland gesetzt zu werden. In diesem Jahr ist wegen der kalten Witterung alles verzögert. „Wir sind einen ganzen Monat hinterher“, erzählt Hartmut Clemen. „Die dicken Bohnen sind erst am 10. April in die Erde gekommen. Normalerweise passiert dies einen Monat früher. Dabei sind die dicken Bohnen nicht so anspruchsvoll und vertragen einstellige Temperaturen, die Tomaten dagegen benötigen zweistellige.“

„Pflanze nie vor der Kalten Sophie“, lautet ein Sprichwort, das sich auf die letzte der fünf Eisheiligen bezieht. Die Kalte Sophie ist am 15. Mai, bis dahin kann es noch Frost geben, der für junge Gemüsepflanzen gefährlich werden kann. Mit Tomaten, Gurken und anderen Pflanzen sollte man noch warten. Zwiebeln, Radieschen, Schnittlauch, dicke Bohnen oder Kohlrabi vertragen dagegen durchaus auch kältere Temperaturen.

So prächtig das Ergebnis bei der Ernte ist, so mühsam ist mitunter die Arbeit. „Im Garten scheint nicht nur die Sonne“, warnt Clemen. „Ich muss auch mal mit Gummistiefeln in der nassen Erde arbeiten.“ Ein eigener Garten bedeute ein große Verbindlichkeit. „Ich muss meinen Sommerurlaub danach planen. Ich kann nicht einfach wegfahren, und wenn ich wiederkomme, ist alles vertrocknet. Die Leute sollten sich nicht überfordern. Manche Neupächter kommen begeistert zu mir und wollen 1000 Quadratmeter bearbeiten. Das ist viel zu viel. 300 Quadratmeter reicht erst mal, das ist viel Arbeit.“

Hartmut Clemen beobachtet, dass das Wissen um das Gärtnern immer mehr verloren geht. „Die Kenntnisse sind nicht mehr da. Sie werden zu wenig gepflegt.“ Außerdem hätten die Leute die Geduld zur Natur verloren: „Ein Garten ist nie fertig.“ Wer in der Stadt keinen eigenen Garten hat, muss auf das Vergnügen von frischen Lebensmitteln trotzdem nicht verzichten. Selbst auf dem Balkon gedeihen Küchenkräuter, Tomaten oder Zwiebeln. Angela Staab wohnt in Schwachhausen und zieht seit vielen Jahren auf ihrem Balkon frische Kräuter. Rosmarin, Zitronenmelisse, Thymian, Blaues Basilikum, Petersilie, Schnittlauch und andere Kräuter gedeihen in ihren Balkonkästen. „Ich koche gerne“, erzählt sie. „Und wenn ich einen Salat mache, muss ich nicht lange überlegen, sondern gehe raus und zupfe mir was ab.“ Manche Sorten gebe es im Supermarkt nicht. „Frisches Oregano oder Blaues Basilikum kann ich nicht kaufen.“

Wie sieht es jedoch bei eigenen Erzeugnissen mit der Schadstoffbelastung aus? Eine Antriebsfeder fürs Hobbygärtnern sind immer auch Lebensmittelskandale und Pestizidrückstände auf konventionell angebautem Gemüse gewesen. Eine Studie der Technischen Universität Berlin hatte im vergangenen Sommer für Aufregung gesorgt. Die Forscherin Ina Säumel hatte im Wissenschaftsjournal „Environmental Pollution“ veröffentlicht, dass in verkehrsreichen Innenstadtgebieten angebautes Gemüse zum Teil erheblich mit Schadstoffen belastet war. Im Vergleich mit Supermarktgemüse wies es ein Vielfaches an Schwermetallen wie Zink, Blei, Kupfer, Nickel oder Kadmium auf. Teilweise wurden EU-Grenzwerte überschritten. Dies galt vor allem für Pflanzen, die direkt an viel befahrenen Straßen angebaut wurden. Schon eine Mauer, eine Hecke oder eine größere Entfernung von der Straße senkten die Schadstoffbelastung.

Für Bremen liegen dazu keine Daten vor. Von der Gesundheitsbehörde waren keine Informationen zu erhalten. Die Umweltbehörde legt ihren Fokus auf die Belastung des Bodens und des Grundwassers. Zum Start der Gartensaison hat sie jetzt vor verschmutztem Grundwasser gewarnt, das gesundheitsschädigend sei.

24 Stellen in Bremen wurden von der Behörde als risikoreich eingestuft. Hier sollten Gartenbesitzer das Brunnenwasser nicht nutzen. Zu Schadstoffen aus der Luft gab die Umweltbehörde keine Auskunft. An den zehn Messstellen in Bremen wird die Konzentration von Schwefeldioxid, Kohlenmonoxid, Stickstoffdioxid, Feinstaub und Ozon gemessen, Schwermetalle jedoch nicht.

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