Fridays for Future in Bremen Klimastreik der Generationen

Bremen erlebt eine der größten Demonstrationen seiner Stadtgeschichte. 30.000 Menschen demonstrieren friedlich für einen besseren Klimaschutz.
20.09.2019, 21:17
Lesedauer: 4 Min
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Klimastreik der Generationen
Von Marc Hagedorn

Die Diagnose von Doktor Timo Baum fällt alarmierend aus. 39 Grad Fieber attestiert der Bremer Arzt seinem Patienten. „Der Zustand ist sehr, sehr ernst“, sagt Doktor Baum, der grüne OP-Kleidung am Körper und ein Stethoskop um den Hals trägt. Er sucht jetzt jemanden, der dem Erkrankten helfen kann. Einen Helfer zu finden, ist an diesem Tag nicht schwer. Der Marktplatz ist voller Menschen. Zwischenzeitlich war er wegen Überfüllung sogar geschlossen. Trotzdem haben Baum und ein paar Kollegen es irgendwie geschafft, ein Krankenbett entlang der Straßenbahnschienen vors Rathaus zu schieben. Dort stehen sie nun mit mehr als 10.000 anderen, um unter dem Motto „Alle fürs Klima“ zu demonstrieren.

Patient Erde

Baums Patient ist eine Puppe. Ein aufblasbarer Globus ist der Kopf. Ein Stück Pappe schaut dort heraus, wo man sich den Mund vorstellen könnte. 39 Grad ist mit dickem Filzstift auf die Pappe geschrieben. Der Patient hängt am Tropf, er sieht wirklich nicht gesund aus. Aber an seinem Bett bildet sich rasch eine Menschenschlange. Und einer nach dem anderen verpasst dem Bettlägerigen nun eine Herzdruckmassage. Und? Ist der Patient noch zu retten? „Ja“, sagt Doktor Baum, „aber nur, wenn wir jetzt die Kurve kriegen.“

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So hört man es an diesem Tag immer wieder. Die Lage ist ernst, verdammt ernst sogar, aber es ist noch nicht zu spät. Das rufen die Redner von der Bühne den Menschen auf dem Marktplatz zu. Das haben vorhin die Demonstranten auf dem Weg hierhin in verschiedenen Varianten skandiert, und so steht es sinngemäß auch auf dem einen oder anderen Plakat, das hochgehalten wird.

Bremen erlebt an diesem Freitag eine der größten Demonstrationen der Stadtgeschichte. 30 000 Menschen waren es nach Schätzungen der Polizei. Die Organisatoren sprachen am Ende der Veranstaltung sogar von 40 000. Julius Schlichting ist sprachlos. Eigentlich ist Schlichting, einer der Anführer der Bremer Fridays-for-Future-Bewegung, nicht um Worte verlegen. Schlichting kann reden wie ein Buch, formuliert messerscharfe Sätze, wenn es um sein großes Lebensthema, den Klimawandel, geht. Jetzt sagt er nur: „Unfassbar.“ Und: „Krass.“ Und: „Enorm.“ Ganz im Geheimen hatten sie auf 15 000 Teilnehmer gehofft, das wäre eine Verdoppelung im Vergleich zur vergangenen Klima-Demo im Mai gewesen. Stattdessen so was. „Darauf waren wir nicht vorbereitet“, sagt Schlichting.

Menschenmassen beeindrucken Polizei und Veranstalter

Auch die Polizei wird überrascht von der Menge an Menschen. Aber sie begleitet den Zug ohne ernsthafte Zwischenfälle vom Bahnhofsvorplatz bis zum Marktplatz. Ärger gibt es dafür an anderer Stelle fernab des Demonstrationszuges. Als Polizisten vor der B 75 in Höhe Friesenwerder eine Gruppe von Blockierern aufhalten will, werden die Beamten überrannt. Verletzt wird angeblich niemand, aber die Polizei setzt „Zwangsmittel“ ein. Die Demonstranten sprechen von Pfefferspray. Auch in den Stunden zuvor war es immer wieder zu Verkehrsbehinderungen gekommen. Mitglieder der Gruppierung „Vielfalt block(t)“ störten den Verkehr schon am frühen Morgen im Kreuzungsbereich Osterstraße/Friedrich-Ebert-Straße. Zu Behinderungen kam es auch im Bereich Hemmstraße/Admiralstraße und am Utbremer Kreisel.

Jens Rucki bekommt davon nichts mit. Eigentlich säße der Ingenieur an diesem Morgen in seinem Büro und würde an Plänen für Kläranlagen, Solarparks und Windkraftanlagen arbeiten. Heute aber geht er demonstrieren. Er hat ein Dutzend Kollegen im Schlepptau, sie tragen Schilder bei sich, die sie als „Ingenieure for Future“ ausweisen. Die Firmenleitung in Lilienthal hat ihnen frei gegeben, und jetzt sagt Rucki: „Fridays for Future ist uns eine Herzenssache. Wir freuen uns, dass wir diesmal dabei sein dürfen.“

Und das ist an diesem Tag tatsächlich neu. Angefangen hat Fridays for Future als reine Schülerbewegung, inzwischen, so heißt es, sei der Protest in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Der Demonstrationszug durch Bremen liefert die Bilder zu dieser Behauptung. Eine Frau, offenbar die Großmutter, drückt ihrem Enkel eine Sonnenblume in die Hand. Dann soll er sich vor den Demonstrationszug stellen, damit sie ein Foto machen kann. Der Junge tut es eher widerwillig, aber gut, er macht‘s. Deutlich engagierter ist die sechste Klasse der Waldorfschule Touler Straße bei der Sache. Nach Leibeskräften singen die Schüler „Wir sind klein, aber laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“.

So oder so ähnlich sieht das alle paar Meter aus. Menschen, die singen, Menschen, die Plakate gebastelt haben, notfalls wird noch während der Demo am Straßenrand der Edding gezückt. Die Slogans sind kreativ, einer hat geschrieben: „Ich bin so sauer, ich hab sogar ein Schild dabei.“ Wie sauer die Politiker an diesem Tag sind, weiß man nicht. Die Bremer Organisatoren haben sie ausdrücklich ausgeladen. Tatsächlich sind nicht viele Politiker zu entdecken. Einige können, selbst wenn sie gewollt hätten, nicht in Bremen sein, wie etwa Bürgermeister Andreas Bovenschulte (SPD) und Maike Schaefer (Grüne). Die Beiden sind im Bundesrat in Berlin. Bildungssenatorin Claudia Bogedan (SPD) ist der Ausladung gefolgt, sie bleibt der Demo fern. „Aber nicht, weil sie sauer ist, sondern weil sie den Wunsch der Organisatoren respektiert“, heißt es aus dem Bildungsressort.

Demonstration beeindruckt

Die Demonstranten bahnen sich derweil weiter ihren Weg. Ein Radfahrer, das frische Gemüse im Fahrradkorb, tritt an der Kreuzung am Wall noch fix in die Pedale, bevor der Aufmarsch die Straße blockiert. Er tut gut daran, denn während die Ersten gleich schon am Brill sind, sind die Letzten am Bahnhof noch nicht einmal gestartet. Der Umzug ist ein Spektakel. In den Häusern entlang der Strecke lehnen Menschen oben in den geöffneten Fenstern. Angestellte haben ihre Büros verlassen, um mit dem Handy Fotos zu machen.

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Auf dem Marktplatz spricht später Karen Wiltshire. Die Wissenschaftlerin ist ein führender Kopf der Scientists-for-Future-Bewegung. Sie kritisiert die Politik, aber sie macht den Menschen Mut. „Wir haben das Wissen und die Technologie, um an der CO₂-Schraube zu drehen“, sagt die irische Umweltwissenschaftlerin, „lassen wir uns nicht einreden, dass wir nichts machen können. Wir können.“ Die Menschen jubeln. Es gibt Hoffnung. „Wir müssen jetzt nur schnell die Kurve kriegen“, würde Doktor Baum sagen.

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