Nach Keim-Skandal am Klinikum Bremen-Mitte Klinikum Bremen-Mitte schließt Entbindungsstation

Bremen. Ratlosigkeit und Entsetzen über die neuesten Entwicklungen im Hygiene-Skandal im Klinikum Bremen-Mitte. Alle Hintergründe in unserem Dossier.
29.02.2012, 14:18
Lesedauer: 3 Min
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Bremen. Bremens Gesundheitssenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) hat den Chef der Gesundheit Nord, Diethelm Hansen, von seinen Aufgaben entbunden.

Die Senatorin begründete ihre Entscheidung mit einem „schleichenden Vertrauensverlust“ in Diethelm Hansen als Geschäftsführer des Klinikverbundes und der „Erschütterung über das Krisenmanagement, das er zwar nicht allein zu verantworten habe, aber federführend.“ Die Freistellung sei unbefristet. Auch der Hygienebeauftragte Axel Kappler ist von seinen Aufgaben entbunden worden. Der jetzige Vize-Geschäftsführer des Klinikverbunds, Tomislav Gmajnic, wird die Leitung bis auf Weiteres kommissarisch übernehmen.

Zwei weitere Todesfälle

Jürgens-Pieper hatte kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen, denn im Klinikum Bremen-Mitte sind erneut zwei Säuglinge an Blutvergiftung gestorben, wie am Mittwochmorgen bekannt wurde. Ob ein Zusammenhang mit den erneut aufgetretenen resistenten Keimen besteht, war zunächst nicht klar.Eines der Kinder sei durch eine Not-Operation zur Welt gebracht worden und von Anfang an sehr krank und schwach gewesen, sagte die Senatorin. Das zweite Baby sei in der 36. Schwangerschaftswoche zur Welt gekommen.

Jürgens-Pieper kündigte an, die Station zu schließen. Die Nachfrage der Journalisten, ob die Station dauerhaft geschlossen werden soll, ließ die Senatorin offen, fügte allerdings hinzu: „Aber es wird wohl kein Vertrauen wieder hergestellt werden können.“

"Ziemlich viele Fälle" am Klinikum Mitte

Ende vergangener Woche waren erneut multiresistente Darmkeime bei drei Frühchen auf der Station nachgewiesen worden. Im vergangenen Jahr waren drei Neugeborene an Infektionen mit den Bakterien gestorben und mehrere schwer erkrankt. Die Neugeborenen-Intensivstation der Klinik war daraufhin vorübergehend geschlossen, desinfiziert und umgebaut worden.

Am Dienstag war zudem bekannt geworden, dass der gefährliche Keim bereits mindestens seit 2009 in der Klinik vorhanden war. Ein spezialisiertes Labor in Bochum hatte eine aufbewahrte Probe aus diesem Jahr untersucht und die genetische Übereinstimmung mit den aktuellen Klebsiella-Bakterien bestätigt. Außerdem seien erst jetzt in den Akten weitere ältere Klebsiella-Fälle gefunden worden. Jürgens-Pieper zeigte sich darüber sehr verärgert. "Das ist ein Punkt, der mich erschüttert hat." Sie habe den verantwortlichen Hygieniker von seiner Aufgabe entbunden. Ob es sich dabei nur um Besiedlungen, Infektionen oder gar Todesfälle handle, müsse nun aufgeklärt werden.

Nach dem erneuten Nachweis des genetisch identischen Keims hatte Sozialsenatorin Renate Jürgens-Pieper (SPD) am Freitag einen Aufnahmestopp verhängt. Die Verlegung der Station an ein anderes Krankenhaus wird geprüft.

CDU: Längst fälliger Schritt

Bürgermeister Jens Böhrnsen und Bürgermeisterin Karoline Linnert stellten sich einer gemeinsamen Stellungnahme hinter Jürgens-Pieper. Sie habe die volle Unterstützung - auch in Bezug die von ihr getroffenen personellen Entscheidungen. "Warum Unterlagen über Keimbesiedelungen aus zurückliegenden Jahren erst jetzt gefunden wurden, muss dringend aufgeklärt werden. Es ist nicht hinnehmbar, dass insoweit dem Parlamentarischen Untersuchungsausschuss der Bremischen Bürgerschaft bislang noch nicht alle Akten vorliegen. Dies muss so schnell wie möglich nachgeholt werden."

Die CDU bezeichnete die Freistellung des Geno-Chefs Hansen und des Hygienbeauftragten Kappler als längst fälligen Schritt. Hansen sei für die schnelle Wiederöffnung der Frühchenstation verantwortlich, Kappler habe monatelang Rückstellproben des Keim-Ausbruchs aus dem Jahr 2009 übersehen, sagte CDU-Fraktionschef Thomas Röwekamp.

Der CDU-Gesundheitsexperte Rainer Bensch forderte, die Geschäftsführung des Klinikums und des Klinikverbunds Gesundheit Nord (Geno) auszutauschen. "Die gesamte Geno-Politik muss auf den Prüfstand." Das gelte auch für den 230 Millionen Euro teuren Teilneubau.

Peter Erlansson, gesundheitspolitischer Sprecher der Linkspartei, bezeichnete die Freistellung Hansens ebenfalls als überfälligen Schritt. Zugleich kritisierte er die Zentralisierung im bremischen Klinikwesen als medizinischen wie betriebswirtschaftlichen Unsinn, mit dem die Schädigung von Patienten als Kollateralschaden in Kauf genommen worden sei – nicht nur auf der Frühgeborenen-Station.

Zustimmung für die Freistellung von Hansen und Käppler äußerten auch die Grünen: "Wer in einer solch dramatischen Situation nicht erkennt, dass er alles für die rasche und vollständige Aufklärung tun muss, ist seiner Aufgabe nicht gewachsen", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin Kirsten Kappert-Gonther. Statt überhasteter Schritte geht es jetzt um eine gründliche Fehleranalyse. Möglicherweise steht am Ende eine Neuaufstellung der kommunalen Kliniken."

Die FDP forderte unterdessen den Rücktritt der Senatorin: "Frau Jürgens-Pieper ist mit ihrer Aufgabe völlig überfordert, sagte der gesundheitspolitsche Sprecher der Partei, Ralf Schlegel. "Von einem Krisenmanagement kann man zu keiner Phase sprechen. Bisher hat die Senatorin nur Bauernopfer gebracht. Es ist Zeit, dass sie selber ihren Hut nimmt."

(dpa/ach/jop/bib)

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