Stadtgespräch: Richard David Precht ist der Popstar unter den Philosophen

Klug und clever

Richard David Precht – ein Philosoph, der mit seinen Auftritten auf der Bühne und im Fernsehen zum Popstar geworden ist. Seine Bücher sind Kassenschlager. Doch der Erfolg bringt ihm auch Kritik ein. Smarter Typ, sagen viele, aber auch sehr seicht. Im Gespräch vor seinem Auftritt am vergangenen Montagabend im Theater am Goetheplatz erzählt Precht von seiner Sicht auf sich selbst.
19.11.2014, 00:00
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Klug und clever
Von Jürgen Hinrichs
Klug und clever

Richard David Precht kurz vor seinem Auftritt im Theater am Goetheplatz. Auf Touren bringt er sich mit Sekt und Schokolade.

Frank Thomas Koch

Richard David Precht – ein Philosoph, der mit seinen Auftritten auf der Bühne und im Fernsehen zum Popstar geworden ist. Seine Bücher sind Kassenschlager. Doch der Erfolg bringt ihm auch Kritik ein. Smarter Typ, sagen viele, aber auch sehr seicht. Im Gespräch vor seinem Auftritt am vergangenen Montagabend im Theater am Goetheplatz erzählt Precht von seiner Sicht auf sich selbst.

Er kommt spät, der Zug hat ihn im Stich gelassen auf der Fahrt nach Bremen. Richard David Precht wirkt deshalb zunächst etwas gehetzt, als er das Theater betritt, um auf der Bühne mit dem Mikrofon in der Hand gemeinsam mit den Technikern den Sound zu regeln. „Die Bürgschaft“, eine Ballade von Schiller – Precht spricht zur Probe die ersten Strophen, und wie er das tut, daran merkt man, dass er jetzt drin ist in Ort und Geschehen. Den Fokus auf die Aufgabe gerichtet, anderthalb Stunden Vortrag vor einigen Hundert Zuhörern. So schnell geht das, ein Profi, keine Hetze mehr, und Zeit für ein Gespräch in der Garderobe nimmt er sich auch noch.

Precht will in Bremen über Bildung sprechen, er könnte sich aber genauso gut die Digitalisierung vornehmen, Marktwirtschaft, die Krise in der Ukraine oder den Unterschied zwischen Mensch und Tier. Hat er alles drauf, kein Problem. Sag ihm ein Thema, und er findet sich rein. Auch wenn es kompliziert ist, oder gerade dann.

Der 49-Jährige sucht den einfachen Nenner, dafür ist er als Autor, Bühnenredner und Talkgast berühmt geworden. Sein Philosophen-Kollege Peter Sloterdijk hat ihn deshalb mal einen „Popularisator“ genannt. „Seine Klientel gleicht eher der von André Rieu, den hören auch vor allem Damen über fünfzig in spätidealistischer Stimmung“, wetterte der Altmeister. Prechts Antwort, ganz ruhig: „Ich schätze ihn sehr.“ Sloterdijk sei beleidigt gewesen, weil er im ZDF seine Sendung verloren habe und auf gleichem Platz jetzt „Precht“ ausgestrahlt werde. „Ist doch klar, dass man sich darüber ärgert.“

50 Vorträge im Jahr, seine Arbeit als Professor, die Auftritte im Fernsehen („so viel ist das gar nicht“) – woher nimmt so einer sich noch die Zeit, um nachzudenken, er hat in Köln und Luxemburg ja auch noch Familie. „Sie werden’s nicht glauben, aber hauptsächlich sitze ich zu Hause und denke und schreibe.“ Gerade ist es ein Werk mit weit über 1000 Seiten, drei Bände, die er in Arbeit hat. „Worüber, sage ich nicht.“

Wie eine Rechtfertigung klingt das nicht. Precht, scheint es, will niemandem etwas beweisen. Seine Seriosität als Wissenschaftler schon überhaupt nicht, die steht für ihn außer Frage. „Es sind ja nicht meine Kollegen, die mich kritisieren, es sind die Journalisten im Feuilleton.“ Ihnen, da hat er recht, ist das irgendwie verdächtig, wenn ein Philosoph so viel Popularität gewinnt. So jemandem, lautet der Vorwurf, muss die Tiefe des Gedankens fehlen, der bohrt nur dünne Bretter. Und hat, wie ungerecht!, auch noch Erfolg damit. Sein Buch „Wer bin ich – und wenn ja, wie viele“ ist auf der Welt mehr als eine Million mal verkauft worden

Eine Viertelstunde noch bis zum Auftritt, durch den Lautsprecher in der Garderobe wird die Zeit angesagt. Precht hat sich Schokolade bringen lassen und einen Piccolo „Ich muss mich dopen, mein Blutdruck.“ Mit Schwung auf die Bühne, ohne Manuskript oder andere Hilfsmittel. 90 Minuten aus dem Stegreif, „na ja, für die ersten drei, vier Minuten überlege ich mir was“. Ein Profi eben, von Aufregung keine Spur.

Im Scheinwerferlicht wird er dann seine Botschaft vortragen. Der Mann hat Sendungsbewusstsein, das sagt er selbst: „Stimmt, ich möchte die Gesellschaft verändern.“ Seine Eltern seien auch so gewesen, nur dass sie sich dabei einer Ideologie verschrieben hätten.

Marxisten im Kampf gegen den Kapitalismus.

Ihm ist das fremd, so ein geschlossenes Weltbild. „Das würde meine Intelligenz beleidigen.“ Offen sein, offen bleiben – „ich mag es lieber zerfleddert“. Und so, dass die Themen wechseln. „Der Philosoph ist kein Experte, der die hundert wichtigsten Antworten weiß“, sagt Precht. Er sieht seine Rolle und die seiner Kollegen anders: „Wir wollen anderen Menschen dabei helfen, intelligent über sich selbst nachzudenken.“

Wie das geht, und wo? „Bestimmt nicht im Elfenbeinturm!“ Ziel der Philosophen sei, auf möglichst viele Menschen einzuwirken. Schon Sokrates habe so gelehrt. „Wir müssen, wenn wir unsere Sache ernst nehmen, populär sein wollen.“ So wie an diesem Abend auf der Bühne des Theaters. Precht, das sagt er noch einmal, will sich einmischen, der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten, sie voranbringen – „wenn wir Philosophen es nicht tun, überlassen wir das den Journalisten und Ökonomen, und das wäre doch schade.“

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