Bremer Literaturpreis Kluge Wutrede vom Preisträger

Marcel Beyer, der im Rathaus mit dem Bremer Literaturpreis ausgezeichnet worden ist, lebt in Dresden und leidet an Pegida. Daher widmete er seine Dankesrede zur geharnischten Abrechnung mit der Bewegung um.
26.01.2015, 16:50
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Kluge Wutrede vom Preisträger
Von Hendrik Werner

So eine aktuelle politische Stellungsnahme gab es in der Geschichte des Bremer Literaturpreises selten.

Marcel Beyer, der die mit 20.000 Euro dotierte Ehrung am Montag in der Oberen Rathaushalle erhielt, ging harsch ins Gericht mit den vorgeblich patriotischen Demonstranten in seiner Heimatstadt: „Mit Wollust lassen sie sich einpeitschen, und je vulgärer der Abend wird, desto wohliger glühen ihre Äuglein“, sagte Beyer, der seine Abrechnung mit Versen aus der „Göttlichen Komödie“ illustrierte. Auf diese Weise wurden Dantes horrende Höllenvisionen mit Dresdener Gegenwart aufgeladen: „Denn dumpfes Heulen, grauenvolle Reden und des Zornes Laute sind derzeit nichts Ungewöhnliches auf den Plätzen der Stadt, in der ich lebe.“

Zuvor hatte Beyer in gebotener Drastik das nur bedingt lyriktaugliche Vokabular der Pegida-Anhänger vorgeführt, deren Wirklichkeitsbild sich laut Preisträger aus „Verschwörungstheorieportalen, Fernsehtalkshows und Fantasyromanverfilmungen“ speist. Seine kluge Wutrede im Rathaus war ein sinniger Auftakt der wenig später einen Gedichtbandwurf entfernt anhebenden Demonstration für eine demokratische und weltoffene Gesellschaft.

Am 137. Geburtstag des weltanschaulich ambivalenten Bremer Dichters Rudolf Alexander Schröder, dessen Andenken der Bremer Literaturpreis zugeeignet ist, äußerte Marcel Beyer neben Widerworten auch Fürsprache. Die galt vormaligen Preisträgern, die seine Weltwahrnehmung verändert haben – darunter Paul Celan und Friederike Mayröcker. Mit ihren Werken sei er ebenso aufgewachsen wie „in der selbstverständlichen Annahme, alles deutschnationale Geplärre liege weitgehend hinter uns“. Pegida belehrt ihn eines Schlechteren.

Dazu passte, dass der Bürgermeister eingangs den Segen der Literatur gerühmt hatte. „Wer viel liest“, sagte Jens Böhrnsen (SPD) mit Blick auf Pegida, „ist für einfache Losungen nicht so leicht empfänglich.“

Wie komplex (und doch eingängig) lyrische Lösungen sein können, legte Literaturkritiker Lothar Müller dar, der die Laudatio auf Marcel Beyer hielt. Den Titel von dessen belobigtem Band, „Graphit“, las er als Allegorie des Schreibens, den Arbeitsbereich des Autors folgerichtig als „Bleistiftgebiet der Literatur“, als zu skizzierendes Wortfeld. Marcel Beyer, dieser „Wörterbuch-Junkie“, bilde vorzugsweise und vorzüglich die Schrecken der Geschichte ab. Seine Liebe zum Schwarzweißfilm wie auch jene zur Schwarzweißfotografie decke sich mit seinem Instrument, das Vergangene zu erkunden; in den so gezogenen Schriftspuren stecke „das Graphit, die Zwischenwelt zwischen Schwarz und Weiß, das Grau“. In diesem Sinne sei in den Gedichten des Marcel Beyer „noch immer Schwarz-Weiß die Farbe der Geschichte, das Graphit des Dokumentarischen“. Marcel Beyers Wappentier wiederum sei die Wespe, weil er die Sprache aufstachle und oftmals wider den Stachel löcke.

Was zu beweisen war: Besagte Entgegnung des Preisträgers vereinte unter allen Ansprachen den größten Beifall auf sich, weil sie zugleich doppelbödig und direkt war, undiplomatisch und meinungsstark. An diesen Nachdruck konnte der zweite Teil des Redenreigens naturgemäß nicht anschließen. Literaturkritiker Roman Bucheli, wie Lothar Müller von der Rudolf-Alexander-Stiftung als Juror eingesetzt, würdigte Nadja Küchenmeister, die den mit 6000 Euro dotierten Förderpreis zum Bremer Literaturpreis zuerkannt bekommen hatte. Sie sei eine „Virtuosin des Unspektakulären“, ihre im belobigten Band „Unter dem Wacholder“ versammelte Lyrik berge ein „hohes Potenzial der Beunruhigung“.

Nicht in allen Punkten mochte man Roman Buchelis akademisch unterfütterten Ausführungen folgen; sowohl die für Nadja Küchenmeisters Lyrik veranschlagten intertextuellen Korrespondenzen als auch der ihr wohlwollend unterstellte politische Gestus schienen mehr behauptet denn nachgewiesen. Tatsächlich wies die Dankesrede der in der DDR aufgewachsenen Förderpreisträgerin gesellschaftliche Belange allenfalls als randständiges Motiv ihrer Gedichte aus. Mehr als an einem politischen Unterfutter scheint ihr, die in Bremen vor allem poststrukturalistische Denker als Quellen der Inspiration namhaft machte, an der ästhetischen Grundierung ihrer Texte gelegen. So blitzten in ihrer kurzen Poetologie ein Faible für das Sammeln, eine melancholisch umflorte Liebe zu Gegenständen sowie eine formale Hinwendung zum Stückwerk auf. Als programmatisch für diese Neigungen zitierte Küchenmeister neben dem Kulturhistoriker Walter Benjamin, mit dem sie das Pathos des Bewahrenwollens teilt, einen zentralen Satz aus T.S. Eliots Gedicht „The Waste Land“ (1922): „These fragments I have shored against my ruins.“

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