Bremer Desaster: Am 4. Juni 1945 explodierte ein Waffenlager im Polizeihaus am Wall Knall nach Kriegsende

Bremen. Am 4. Juni 1945 radelt der zehnjährige Manfred Müsegaes mit seinem Vater über den Stern in Richtung Walle.
05.06.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Corinna Tonner

Am 4. Juni 1945 radelt der zehnjährige Manfred Müsegaes mit seinem Vater über den Stern in Richtung Walle. Familie Müsegaes wohnt damals in der östlichen Vorstadt. Vater und Sohn wollen die Großmutter in Walle besuchen. „Wir hatten keine Jacken an, denn es war herrliches Wetter“, erinnert sich der heute 80-jährige Müsegaes. „Es war warm, blauer Himmel und Sonnenschein.“

Plötzlich kracht gegen 11 Uhr ein Donnerschlag durch die Ruinen der zerstörten Hansestadt. Vater und Sohn radeln gerade die Hollerallee entlang. „Das fanden wir nicht ungewöhnlich“, sagt Müsegaes. „Wir kannten die Knallerei noch vom Krieg – und der war erst seit ein paar Wochen vorbei.“ In Bremen endete der Krieg am 27. April 1945, nachdem die britischen Truppen die Stadt eingenommen hatten. Ein wichtiges Ziel der britischen und amerikanischen Besatzer: Die Waffen zu beseitigen, die sich überall in der Stadt fanden, Tausende von Bomben, Panzerfäusten, Handgranaten, See- und Landminen.

Eingesammelt wurden die Waffen unter anderem mit einem Pferdekarren, der quer durch die Stadt fuhr, um die explosive Ladung im Polizeihaus am Wall abzuliefern. Dort wurde die Munition unter Bewachung im Innenhof gelagert. Tag für Tag brachte ein voll beladener 2,5-Tonnen-Lkw die Waffen aus dem Polizeihaus nach Uphusen. Dort wurden sie gesprengt. „Dass das gut ging, war ein Wunder“, schrieb der damalige Leiter des Polizei-Sprengkommandos, Hans Köster. Die Besatzer, so Köster weiter, verfolgten ihr Ziel „mit großer Emsigkeit, um endlich die Gefahr der Fundmunition unter Kontrolle zu bekommen.“

Unglück tötet 45 Menschen

Doch dann kam es zur Katastrophe – nicht mit dem Pferdefuhrwerk, sondern im Polizeihaus selbst, wo rund ein bis zwei Tonnen scharfe Kampfmittel lagerten. Als das Lager explodierte, stürzte der gesamte Mitteltrakt im Innenteil des Gebäudes ein. Die Trümmer türmten sich bis in den ersten Stock, ein wüstes Bild der Zerstörung. Die Wucht der Detonation entlud sich durch den Dachstuhl und riss alles mit sich. Die Außenmauern des trutzigen Gebäudes von 1908 hatten der Druckwelle standgehalten. Durch die Explosion starben 45 Menschen, 32 wurden schwer verletzt.

Als der Explosions-Donner langsam verhallte, hatten Manfred Müsegaes und sein Vater, ein ehemaliger U-Boot-Fahrer, mit ihren Fahrrädern die Bürgerweide erreicht. „Auf einmal regnete eine riesige Rauchwolke auf uns herab“, erzählt Müsegaes. „Alles war voller Dreck, Staub und Papierschnipsel.“ Doch auch jetzt zeigte sein Vater keine nennenswerte Reaktion: „Das waren wir gewohnt.“

Die Papierschnipsel stammten aus den Büros im Polizeihaus, denn die Innenmauern im Hof wurden bis in den dritten Stock weggerissen. Die Büros waren auf einmal offen einsehbar – Schreibtische, Stühle, Wanduhren und Aktenregale standen mehr oder wenigen im Freien.

Auch der Vater seines Schulfreundes kam bei der Explosion ums Leben, erzählt Manfred Müsegaes. Es war der damals 41-jährige Wachtmeister Heinrich Diedrich Röper. Für Müsegaes war Röper ein Vorbild. Denn der Wachtmeister war vor Kriegsende auf Anweisung des Polizeipräsidenten zum Befehlsstab der Briten nach Thedinghausen gefahren. Er sollte eine kampflose Übergabe der Stadt anbieten, während sich der Kampfkommandant Bremens in einem Bunker am Bürgerpark verschanzt hatte. Röpers Mission blieb zwar ohne Erfolg, hinterließ jedoch einen bleibenden Eindruck. Kurz nach Kriegsende ereilte den 41-Jährigen das Schicksal: Die Explosion im Polizeihaus riss ihm die Beine weg. Röper starb noch vor Ort.

Wie konnte es zu der Explosion kommen? Darüber gebe es nur Spekulationen, sagt Andreas Rippert, heute Leiter des Kampfmittelräumdienstes der Bremer Polizei. Vielleicht eine Zigarette, die einen Brand auslöste? Oder es war so, wie Hans Köster es in seinen Erinnerungen beschrieb: „Von dem Sergeanten Zimmermann fanden wir auf dem Dach des Polizeihauses nur seinen Colt, sonst nichts. Wie später erzählt wurde, soll er einem anderen amerikanischen Soldaten eine Panzerfaust erklärt haben, wobei die Panzerfaust zündete, die Granate in die Sprengkammer flog und die erste Explosion hervorrief.“ Eine zweite, gewaltigere Explosion folgte.

Waffen waren allgegenwärtig

Falls eine der beiden Erklärungen für die Explosion zutrifft: Wie konnte es sein, dass in nächster Nähe eines Munitionslagers eine Zigarette geraucht oder mit einer Panzerfaust hantiert wurde? Schon damals wurde die Aufbewahrung der Waffen im Polizeihaus nah bei den Büros als gefährlich kritisiert: „Aber es fehlten die Alternativen für eine bewachte Lagerung“, erklärt Andreas Rippert – und Waffen waren nach dem Krieg allgegenwärtig.

Allein im Jahr 1945 wurden im Stadtgebiet Hunderttausende Waffen und Minen geräumt und vernichtet: 3000 Sprengbomben, 26 000 Brandbomben, 686 Seeminen, 40 000 Landminen, 3556 Panzerfäuste, 1 125 061 Granaten und 52 000 Kilo Kleinmunition. „Die Zahl der Waffen nahm erst nach 1949 deutlich ab“, erklärt Andreas Rippelt. „Das waren wilde Zeiten, da passierten immer wieder Unfälle“.

Die Aufräumarbeiten im Polizeihaus dauerten bis zum 29. Juni, das Gebäude wurde repariert. Die Instandsetzung inklusive eines neuen Daches wurde auf 130 000 Mark veranschlagt. Ein prominenter Zeuge des Unglücks war der später weltberühmte Schriftsteller Mario Puzo („Der Pate“), der als Besatzungssoldat in Bremen stationiert war und das Desaster aus nächster Nähe miterlebte.

In seinem Roman „Die dunkle Arena“ schrieb Puzo später über die Explosion: „Die Militärpolizei hatte das Gebiet bereits abgesperrt. Immer noch strömten deutsche Beamte mit staubbedeckten Gesichtern und Kleidern aus dem Haupttor. Einige Frauen, die offenbar einen Schock erlitten hatten, weinten hysterisch.“ Im Innenhof, in dem die Rettungskräfte fieberhaft nach Überlebenden suchten, „schwebte der zu Staub zerfetzte Beton in der sonnenbeschienenen Luft und färbte Haar und Kleidung in sanftem Herabfallen weiß.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+