Schuldneratlas Deutschland Knapp 14 Prozent aller Bremer sind überschuldet

Bremerhaven hat auch 2017 wieder die höchste Überschuldungsquote bundesweit - das geht aus dem Schuldneratlas hervor. Die Stadt Bremen verbesserte sich leicht, doch bei den Bundesländern bildet Bremen das Schlusslicht.
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Knapp 14 Prozent aller Bremer sind überschuldet
Von Jan Oppel

Von allen Bundesländern Deutschlands hat Bremen den größten Anteil an überschuldeten Privatpersonen. Bei den Erwachsenen sind es etwa 14 Prozent, deren Einnahmen zu gering sind, um die monatlichen Ausgaben bestreiten zu können. Im kleinsten Bundesland waren das zuletzt 80.000 Menschen. Das geht aus dem Schuldneratlas Deutschland 2017 hervor, den die Wirtschaftsauskunftei Creditreform am Donnerstag veröffentlicht hat.

Die Stadt mit der höchsten Überschuldungsquote war auch in diesem Jahr Bremerhaven. Hier liegt der Wert nahezu unverändert im Vergleich zum Vorjahr bei 20,79 Prozent. Das entspricht 19.600 Menschen. Bei jedem fünften Erwachsenen in Bremerhaven sind damit die Gesamtausgaben höher als die Einnahmen. Die Seestadt hält seit Jahren die rote Laterne.

Experten: Zahlen steigen weiter an

Peter Dahlke aus der Geschäftsleitung von Creditreform Bremen glaubt nicht, dass sich die Überschuldungsquote in der nächsten Zeit bessern wird. „Trotz der guten volkswirtschaftlichen Prognosen halten wir einen dauerhaften Rückgang für unwahrscheinlich“, sagt er. Das Problem: Wer einmal überschuldet sei, werde dieses Problem so schnell nicht wieder los. Die Experten von Credit­reform gehen davon aus, dass die Überschuldungszahlen sogar noch weiter ansteigen werden.

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Im Bremer Stadtgebiet variiert die Quote derer, die überschuldet sind, je nach Ortsteil. Am höchsten ist ihr Anteil in Gröpelingens Ortsteilen Ohlenhof und Oslebshausen. Hier sind mehr als 24 Prozent der Einwohner überschuldet, das ist etwa jeder Vierte. Die niedrigste Überschuldungsquote verzeichnet Schwachhausen: In den Ortsteilen Riensberg und Neu-Schwachhausen ist die sie mit gut 4,4 Prozent am geringsten. Arsten und Habenhausen folgen auf Rang zwei, dahinter Oberneuland.

Unachtsamer Konsum kann in Schuldenfalle führen

In Niedersachsen ist fast jeder zehnte Erwachsene überschuldet. In Bremens Nachbarland hat Wilhelmshaven mit gut 17 Prozent die höchste Überschuldungsquote. Der Durchschnitt für die Bundesländer liegt bei 10 Prozent. Mehr als 6,9 Millionen Menschen, die älter als 18 Jahre sind, können somit ihre Rechnungen nicht mehr bezahlen. Die Zahl der Überschuldeten sei im Vergleich zum Vorjahr um rund 65.000 weiter gestiegen. Das Gesamtvolumen der Schulden bezifferten die Experten auf rund 209 Milliarden Euro. Betroffene stehen im Schnitt mit etwa 30.000 Euro in der Kreide. Am geringsten war die Überschuldung erneut in Bayern (7,47 Prozent) und Baden-Württemberg (8,31 Prozent).

Die Gründe für eine Überschuldung haben sich in den vergangenen Jahren aufgrund der guten Konjunktur spürbar verändert. Zwar ist nach wie vor Arbeitslosigkeit der Hauptauslöser, wie das Statistische Bundesamt herausfand. Doch ganz so dominierend wie noch vor einigen Jahren ist das Thema in Zeiten des Fachkräftemangels nicht mehr. Stattdessen gewannen in den vergangenen Jahren Erkrankungen, Suchtprobleme und Unfälle, aber auch unwirtschaftliche Haushaltsführung immer größere Bedeutung als Auslöser für Überschuldungsfälle. Auch der unachtsame Konsum spiele dabei eine Rolle, sagt Verena Dahlke von Creditreform Bremen. Dieser sei oft Einstieg in die „Überschuldungsspirale“. Zwar stellen Männer nach wie das Gros der überschuldeten Personen. Doch von den neuen Fällen entfielen 2017 etwa 60 Prozent auf Frauen.

Die Konjunktur brummt, die Zahl der Arbeitslosen ist auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gesunken – und dennoch können immer mehr Menschen in Deutschland ihre Schulden nicht bezahlen. Dabei ist Überschuldung längst nicht mehr allein ein Problem der Geringverdiener. In diesem Jahr stammten laut Creditreform praktisch alle neuen Überschuldungsfälle aus der Mittelschicht. Die Zahl der Fälle aus den „gehobeneren Schichten“ und den „unteren Schichten“ habe dagegen leicht abgenommen, berichten die Experten. Gerade für die Betroffenen aus der Mittelschicht ist es aber sehr schwer, mit den persönlichen und sozialen Auswirkungen der Überschuldung umzugehen, so das Ergebnis einer Studie der Universität Duisburg-Essen. Denn Überschuldung gelte in der Mittelschicht als Stigma. Die Folge sei häufig eine – oft aufgrund von Scham – selbst gewählte soziale Isolation der Betroffenen.

Um das Problem in den Griff zu bekommen, setzen die Experten auch auf einen offeneren Umgang mit dem Thema. „Das fängt in der Schule an“, sagt Peter Dahlke. Finanzkompetenz sei ebenso wichtig wie Erdkunde oder andere Fächer.

++ Dieser Artikel wurde am 9. November 2017 um 22:57 Uhr aktualisiert. ++

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