Wieder Borstenvieh in Bremen Oberneuland

Knast-Künstler liefern Schweine

Die Bildhauerwerkstatt des Bremer Gefängnisses versorgt den Lür-Kropp-Hof mit Tierskulpturen. Das passt zu dem 200 Jahre alten, reetgedeckten Fachwerkhaus, das heute als Eventlocation genutzt wird.
08.07.2018, 07:00
Lesedauer: 4 Min
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Knast-Künstler liefern Schweine
Von Detlev Scheil
Knast-Künstler liefern Schweine

Freuen sich über die neue Schweinefamilie auf dem Lür-Kropp-Hof: Rolf Facklam (v. l.), Günter Block und Stefanie Supplieth.

PETRA STUBBE

Der Lür-Kropp-Hof in Oberneuland hat wieder Schweine: eine stattlliche Sau und fünf niedliche Ferkel. Allerdings sind nicht die beliebten Bunten Bentheimer zurückgekehrt. Der Hof hatte die Schweinehaltung vor einigen Jahren wegen des großen Aufwandes aufgegeben. Die neuen Schweine grunzen nicht, fressen nicht und bewegen sich auch nicht – sie sind aber für die Ewigkeit. Es ist eine rosige Keramik-Schweinebande aus der Bildhauerwerkstatt der Justizvollzugsanstalt (JVA) Oslebshausen.

Rolf Gerhard Facklam, Vorstand der ­Lür-Kropp-Stiftung sowie Günter Block und Stefanie Supplieth von der JVA-Bildhauerwerkstatt präsentierten jetzt auf dem Hof an der Rockwinkeler Landstraße die neuen Skulpturen. „Wir arbeiten bereits zum dritten Mal mit der JVA-Bildhauerwerkstatt zusammen, es macht großen Spaß“, sagte Facklam. Im ­vergangenen Jahr hatte die Bildhauerwerkstatt eine (Verkaufs-)Ausstellung auf dem ­Traditionshof gezeigt, die sehr erfolgreich ­verlief. Außerdem beauftragte die Lür-Kropp-Stiftung die Einrichtung mit dem Anfertigen eines großen Reliefs, das inzwischen den ­Eingang des Areals schmückt. Weil das gut ­ankam, hatte Facklam dann die Idee für die Schweine-Familie, die nun am Auslauf des ­alten Schweinestalls ihren Platz gefunden hat.

Anerkennung für Häftlinge

Stefanie Supplieth freut sich sehr über die Zusammenarbeit: „Ich finde diesen Ort mit seinen beeindruckenden alten Bäumen so schön. Und unsere Schweine passen hier richtig gut hin.“ An der Sau und den Ferkeln haben nach Angaben Supplieths überwiegend muslimische Jugendliche in der JVA gearbeitet. Laut Koran dürfen Muslime zwar kein Schweinefleisch essen, aber gegen diese künstlerische Aufgabe hätten die Jugendlichen keine Bedenken gehabt, berichtet Supplieth. Die Künstlerin stellte einige Vorlagen und Ton als Ausgangsmaterial zur Verfügung, dann konnten die insgesamt acht Jugendlichen loslegen und „ihre“ Figuren in Aufbautechnik modellieren. Jeden Werktag arbeiteten sie von 8 bis 15 Uhr daran. „Die Inhaftierten, die sonst außerhalb stehen, haben durch solch ein Projekt der Kunst im öffentlichen Raum die Chance, plötzlich einen positiven Platz in der Gesellschaft und Anerkennung zu bekommen“, sagt Supplieth.

Als alle Beteiligten mit den entstandenen Tierfiguren zufrieden waren, wurden diese in den Brennofen geschoben und schlussendlich glasiert und noch einmal gebrannt. Der Transport nach Oberneuland sei nicht ganz einfach gewesen, denn die Hohlfiguren wurden mit Beton gefüllt, sodass allein die Sau rund 150 Kilogramm auf die Waage bringt.

Einzigartig in Europa

Was einst in der JVA Oslebshausen als Modellprojekt begann, besteht seit nunmehr 40 Jahren und ist in Deutschland und auch ganz Europa einzigartig. Zum Jubiläum ist ein Katalogbuch erschienen, das die Geschichte und Gegenwart der Bildhauerwerkstatt dokumentiert. Der scheidende erste Vorsitzende des Trägervereins „Mauern öffnen“, Hans-Henning Hoff aus Schwachhausen, stellte das Werk unlängst während einer Jubiläumsfeierstunde im Rathaus vor. Allein die zahlreichen Abbildungen, die das vielfältige, äußerst fantasievolle Schaffen der Bildhauerwerkstatt widerspiegeln, machen das Buch zu einem Erlebnis. Inhaltlich deckt es auch die Geschichte von „Kunst im öffentlichen Raum“ in Bremen ab, bei der die Hansestadt in den 70er-Jahren bundesweit eine Vorreiterrolle übernahm.

Mitgearbeitet an dem Buch haben neben Vertretern des Trägervereins auch JVA-Leiter Carsten Bauer, die beteiligten Künstlerinnen und Künstler Martina Benz, Cordula Prieser, Stefanie Supplieth, Klaus Effern, Andreas Kremsler und Holger Voigts. Frank Bottari und Werner Hock als frühere Mitarbeiter der Kulturbehörde sowie Christiane Lenhard, ehemalige Leiterin der Grundschule Mahndorf, und Helmut Junk, ehemaliger Leiter des Hauses Meedland auf Langeoog, haben als Vertreter von Auftraggebern der Bildhauerwerkstatt Beiträge verfasst. In Interviews kommen außerdem zu Wort: der „Gründungsvater“ Professor Siegfried Neuenhausen, Rose Pfister vom Kulturressort und der ehemalige Justiz-Staatsrat Matthias Stauch.

Bildhauerwerkstatt ergänzt Arbeitsplätze

Die Bildhauerwerkstatt in der JVA wurde eingerichtet als eine Ergänzung zu den üblichen Arbeitsplätzen in einem Gefängnis. Die Gefangenen, die dort montags bis freitags vom Morgen bis zum Nachmittag arbeiten, werden von wechselnden Teams aus dem Pool von insgesamt elf freien Künstlerinnen und Künstlern angeleitet. Abgesehen von festen Aufträgen gibt es keine inhaltlichen Vorgaben für die Arbeiten, die Insassen erstellen mithilfe der Künstlerinnen und Künstler die Skulpturen nach eigenen Entwürfen und Ideen. Die meisten der in der Werkstatt entstandenen Werke sind in der Hansestadt im öffentlichen Raum aufgestellt, wie etwa die Skulpturen auf dem Grünstreifen vor der JVA. Das Buch enthält auch eine interessante Chronologie von rund 100 großen Projekten im öffentlichen Raum von 1978 bis heute.

In der Regel zweimal im Jahr stehen Kunstwerke der Gefangenen aus der Bildhauerwerkstatt zum Verkauf: Im Sommer und vor Weihnachten veranstaltet die frei zugängliche Außenwerkstatt in der Sonne­mannstraße 5 eigene Ausstellungen. Die Termine finden sich auf der Internetseite des Trägervereins: www.mauern-oeffnen.de. In diesem Jahr wird zum 40-jährigen ­Bestehen ab 31. August bis zum 26. September eine Skulpturenausstellung im Haus der Bremischen Bürgerschaft, Am Markt, gezeigt.

Weitere Informationen

Das Buch „Mauern öffnen. 40 Jahre Bildhauerwerkstatt der JVA Bremen, hat 140 Seiten, ist im Bremer Verlag Open Space erschienen, kostet 20 Euro, und kann bestellt werden per E-Mail an mauern.oeffnen@nord-com.net.

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