Lankenauer Höft

Knatsch am Höft

Rund um die Nutzung des Lankenauer Höfts in Woltmershausen gibt es Diskussionen, Vorwürfe und unterschiedliche Ansichten. Die Zwischenzeitzentrale versucht zu vermitteln.
21.07.2017, 20:27
Lesedauer: 4 Min
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Knatsch am Höft
Von Pascal Faltermann
Knatsch am Höft

Daniel Schnier (l.) und Anne Angenendt (oben, Mitte) von der Zwischenzeitzentrale mit Mitgliedern des Zucker-Vereins im Lankenauer Höft.

Frank Thomas Koch

Die einen nennen es „Lankenauer Love“, die anderen bezeichnen es als „Rosa Flora“. An der Zwischennutzungslösung für das Lankenauer Höft in Woltmershausen scheiden sich die Geister. Es ist ein Experiment, für das es zahlreiche Fürsprecher gibt, aber auch kritische Beobachter und strikte Gegner.

Der Verein Zucker versucht noch bis Oktober, das Gebäude gemeinsam mit Menschen aus dem Stadtteil zu beleben. Einige Veranstaltungen fanden bereits in den Räumen statt, zahlreiche weitere wie ein Stadtteilfest am 6. August sind geplant. Aber die Gräben zwischen den verschiedenen Parteien sind tief.

Die Vertreter der Zwischenzeitzentrale versuchen zu vermitteln. Aber nun gibt es sogar den Vorwurf, dass sich am äußersten Zipfel der Landzunge Linksextremisten treffen. Das Thema hat politische Brisanz: In der Bremischen Bürgerschaft gab es Mitte Mai von der CDU eine Anfrage zur Zukunft des Lankenauer Höfts.

Hetzkampagne im Internet

Es folgten weitere: Vertreter von Bürger in Wut (BIW) und der Alternative für Deutschland (AfD) stellten Anfragen, in denen sie sich explizit nach Verbindungen mit Personen oder Vorkommnissen zu den Ausschreitungen in Hamburg beim G20-Gipfel erkundigen.

Im Internet kursieren zudem Flugblätter und Texte, die den Zucker-Mitgliedern solche Verbindungen und die Unterstützung linksextremistischer Organisationen vorwerfen. Fragen gibt es zur Veranstaltung „Bremer Zipfeltreffen“ am 7. Juli, bei der für den Verein „Rote Hilfe“ gespendet worden sein soll, der vom Bremer Verfassungsschutz als extremistisch bezeichnet werde, hieß es.

Ein Sprecher des Bauressorts hat dazu Rücksprache mit der Polizei gehalten: An dem entsprechenden Abend sollen jedoch keine 20 Personen am Lankenauer Höft gewesen sein. „Es ist eine Hetzkampagne. Ich schäme mich für meinen Stadtteil“, sagt Beiratssprecherin Edith Wangenheim (SPD).

Ein schweres Erbe

Sie kann nicht verstehen, warum im Internet so stark Stimmung gegen die Mitglieder des Zucker-Vereins gemacht wird. Die jungen Menschen, die das Lankenauer Höft beleben und Kontakte in den Stadtteil knüpfen wollten, hätten ein schweres Erbe angetreten. Die Personen, mit denen sie Kontakt habe, hätten nichts mit Linksextremismus zu tun.

„Ich habe mich beim Ortsamt und bei der Umweltbehörde informiert. Dort liegen keine Beschwerden vor“, sagt Wangenheim. Nur eine Beschwerde über Lärm an der Rablinghauser Landstraße könne mit den Nutzern des Lankenauer Höfts in Verbindung gebracht werden.

Mitglieder des Vereins hätten alte Sofas und andere Möbel in die Räume gebracht, was das Bild verändere, so Wangenheim. „Dort sind aber nicht nur jüngere Menschen, ich sehe auch immer wieder Ältere, die ihren Kaffee auf dem Gelände trinken.“ Sie freue sich, dass für das Stadtteilfest am 6. August bereits zahlreiche Aktionen geplant sind.

Schnelle Lösung mit einfachen Mitteln

Etwas anders sieht Beiratsmitglied Waldemar Seidler (CDU) die Zwischennutzung: „Es ist eine katastrophale, notdürftige Lösung.“ Dort sei händeringend nach einer schnellen Lösung mit einfachen Mitteln gesucht worden. Zwar erkenne er die Bemühungen der Vereinsmitglieder an.

Auch das dort entstandene Café sei in Ordnung. „Es ist aber nicht das, was sich die Menschen hier vorstellen. Die meisten aus dem Stadtteil wollen ein Restaurant mit gutbürgerlicher Küche. Wie früher“, sagt Seidler. Aus diesem Grund seien viele Menschen in Woltmershausen aufgebracht.

Bremen Ports und das Wirtschaftsressort hätten hier investieren wollen, doch das sei nicht passiert. „Ich fühle mich getäuscht“, so Seidler. Die CDU habe im Beirat die Zwischennutzung nur mit einem „zugedrückten Auge“ gebilligt. Für Oktober erwartet Seidler, dass Gastronomen vorgestellt werden, die das Lankenauer Höft betreiben wollen.

Hoch komplizierte Sachlage

Einer weiteren Zwischennutzung werde die CDU nicht zustimmen. Wenn es mit dem Lärm nach Partys so weitergehe, dann werde er eine neue Beiratssitzung einberufen, sagt Seidler. Es seien „Welten, die da aufeinandertreffen“. Daniel Schnier, Ingenieur der Architektur, und Stadtkuratorin Anne Angenendt von der Zwischenzeitzentrale wissen um die schwierige Situation des früheren Restaurants am Neustädter Hafen.

„Es ist nicht nur eine sehr komplexe Sachlage, sondern eine hoch komplizierte“, sagt Schnier. An diesem Ort fehle es im Prinzip an Zeit und an Geld, um etwas zu entwickeln. Aus der Zwischennutzungslösung sollte laut Schnier eine „Handreichung an den Stadtteil" werden.

Es sollte ein Ort entstehen, den alle Bewohner des Stadtteils nutzen. Auch aus diesem Grund gebe es das zweiwöchige Plenum der Betreiber, zu dem jeder kommen könne. Die Stadtteilbesucher könnten als Zuhörer erscheinen oder auch als Organisatoren von Kulturveranstaltungen, so Schnier.

Mehr als ein Instrument der Stadtentwicklung

„Die Stadt braucht temporäre Kulturprojekte wie das Lankenauer Höft“, sagt Anne Angenendt. Bremen zähle nicht zu den attraktiven „Schwarmstädten“, die qualifizierte Berufseinsteiger anzögen. Immer wieder sei davon die Rede, dass junge Menschen und Absolventen der Hochschule und der Universität die Stadt verließen, weil ihnen die beruflichen Perspektiven fehlten, aber auch die Orte für subkulturelle, selbst organisierte Räume, die einer freien Szene zur Verfügung stehen.

Zwischennutzungen stellten mehr dar als ein Instrument der Stadtentwicklung. „Sie ermöglichen spannende Experimentierräume auf Zeit“, sagt Angenendt. Dadurch würden Räume, Konzepte und Gruppenkonstellationen erprobt. „Leute lernen sich kennen und planen unterschiedliche Projekte in anderen Kontexten.

Es muss ein Gefühl von Offenheit seitens der Stadtverwaltung in vielen Gremien vorhanden sein, und da ist jeder als Bürger selbst verantwortlich“, sagt Schnier. „Wir waren heilfroh, dass es die Leute des Zucker gab“, sagt Stadtplaner Tom Lecke-Lopatta. Es sei aber auch klar gewesen, dass diese Situation mit neuen Impulsen Diskussionen auslöse.

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