Studenten sollen verhindern, dass der Werdersee nach Bollerwagen-Touren voller Müll ist Kohl-Scouts unterwegs

Bremen. Wo eine Kohltour am Bremer Werdersee lang gezogen ist, verrät oft die Spur des Mülls: Zerbrochene Flaschen, leere Plastikbecher, Taschentücher und Teebeutel – denn diese müssen für den Weitwurf herhalten, einem der vielen amüsanten Wettkämpfe bei Kohlfahrten. Im Winter ziehen überall im Nordwesten Kohlfans mit Bollerwagen und viel Alkohol durch die Gegend.
27.01.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Irena Güttel und Kathrin Aldenhoff

Wo eine Kohltour am Bremer Werdersee lang gezogen ist, verrät oft die Spur des Mülls: Zerbrochene Flaschen, leere Plastikbecher, Taschentücher und Teebeutel – denn diese müssen für den Weitwurf herhalten, einem der vielen amüsanten Wettkämpfe bei Kohlfahrten. Im Winter ziehen überall im Nordwesten Kohlfans mit Bollerwagen und viel Alkohol durch die Gegend. Das ist seit Jahrzehnten gute Tradition, doch so manche Gesellschaft lässt es inzwischen zu doll krachen. Zum Ärger der Anwohner.

Bergeweise Müll, stundenlang laute Musik und Betrunkene, die in Kleingärten pinkeln – mit dem Alkoholpegel sinkt die Hemmschwelle der Kohl-Ausflügler am Werdersee. Dann – oder am besten schon vorher – sind Julia Webner und Oliver Schulz gefragt. Jeden Sonnabend fahren die beiden Studenten den rund 54 Hektar großen See mit dem Fahrrad ab. „Kohl-Scout“ steht in grüner Schrift auf ihrer Brust geschrieben. Ihre Aufgabe: Sie verteilen Müllbeutel an die Kohlfahrten, machen auf Papierkörbe und öffentliche Toiletten aufmerksam. Dazu gibt es einen Flyer, der ein paar Verhaltensregeln vermitteln soll – aber bloß nicht mit erhobenem Zeigefinger, das ist Gerhard Bomhoff wichtig.

Die Kohl-Scouts waren eine Idee des Werdersee-Vereins, dessen Vorsitzender Gerhard Bomhoff ist. An einem Sonnabend sind schon mal bis zu 80 Kohltouren am Werdersee unterwegs. Spielverderber oder eine Art Sittenpolizei wollen er und sein Verein trotzdem nicht sein. Sie wollen lediglich mehr Rücksichtnahme, darauf sollen die Scouts von Januar bis Anfang April aufmerksam machen. „Beim Müll sind die Leute schon einsichtig“, kann Webner aus ihren ersten Erfahrungen berichten. „Die Lautstärke der Musik ist dagegen noch ein Problem.“ Am Ende hänge natürlich alles vom Alkoholpegel ab. „Umso später es wird, umso mehr blöde Sprüche kommen.“

Finanziert werden die Kohl-Scouts von Umweltsenator Joachim Lohse (Grüne). Man habe mit ihnen bisher sehr gute Erfahrungen gemacht, sagt Lohses Sprecher Jens Tittmann. Plastikbecher, Taschentücher, Schnapsflaschen: An manchen Orten in der Stadt landet in den Wintermonaten wegen der Kohlfahrten mehr Müll als sonst. Das sei nicht dramatisch, aber ein Problem seien die Schnapsflaschen: „Wenn die kaputt gehen, ist das nicht nur eine widerliche Umweltverschmutzung, sondern es wird auch noch gefährlich.“

Der Bürgerpark hat vor ein paar Monaten auf den Ärger mit den Kohltouren reagiert: „Das hat im letzten Jahr Ausmaße angenommen, die nicht mehr tolerierbar waren“, sagt Direktor Tim Großmann. 20 bis 30 Gruppen seien jedes Wochenende durch den Park gezogen, hätten Abfall liegen lassen und andere Besucher mit lauter Musik und Gegröle gestört. Einmal hätten Betrunkene sogar Flaschen ins Tiergehege geworfen. Damit ist jetzt Schluss: Seit Oktober gilt in dem privat finanzierten Park ein Alkoholverbot. „Am Sonnabend ist es jetzt deutlich ruhiger“, sagt Großmann.

Drei bis vier Kohltouren habe die Parkstreife am vergangenen Wochenende angesprochen und gebeten, den Park zu verlassen. Die Parkstreife übernehmen ein Sicherheitsdienst und Mitarbeiter der Bürgerparkverwaltung – und die sind in Zivil unterwegs. Manchmal spreche er auch selbst Kohltouren an, sagt der Parkdirektor. „Am Gesichtsausdruck sehe ich, dass die meisten von dem Alkoholverbot wissen.“ Nur manche Gruppen von außerhalb hätten noch nichts vom Alkoholverbot im Bürgerpark gehört.

Die meisten reagierten verständnisvoll, wenn sie gebeten werden, den Park zu verlassen, sagt Großmann. Wenn sich eine Gruppe mal wirklich weigern sollte, mit ihrem Bollerwagen den Park zu verlassen, dann würde die Parkstreife die Polizei rufen. Die würde dann helfen, das Hausrecht der Bürgerparkverwaltung durchzusetzen. Bisher kam das aber nicht vor. Großmann ist mit dem Alkoholverbot sehr zufrieden. Viele Besucher sagen: Endlich ist es am Wochenende wieder ruhiger im Park.

Eine solche Handhabe hat die Stadt am Werdersee nicht. Silke Küker von der Leitstelle „Saubere Stadt“ kämpft schon länger gegen die Müllberge, die in der Grillsaison anfallen. Nach lauen Sommerabenden verschandeln Einweggrills, leere Verpackungen und Brandlöcher die Wiesen. Die Stadt hat deshalb mehr Container aufgestellt, grillen ist nur noch in bestimmten Bereichen erlaubt. Doch nun werde auch die Wintersaison zum Problem, sagt Küker.

Mit diesem Eindruck ist sie nicht allein. „Früher waren die Kohlfahrten gesitteter. Es fließt schon sehr viel Alkohol“, sagt die Wirtin Angela Giese. Sie betreibt mit ihrer Familie das Lokal „Der Kuhhirte“ am Werdersee, wo viele Gruppen nach ihrer Bollerwagentour zum Grünkohlessen einkehren. Dort und in anderen Restaurants in der Nähe des Sees können die Kohlfahrer ihren Müll abgeben. Auch die Bollerwagenverleiher nehmen nach der Tour das Gefährt inklusive Abfall zurück. Mehr Service geht kaum noch. Doch am Ende hängt alles von der Einsicht der Kohlgesellschaft ab.

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