Kraftwerk steht von Juni bis Anfang August still / Zwei Monate Ruhe Kohlenzüge machen Sommerpause

Bremen-Nord. Ab Juni haben die Anwohner der Wohnsiedlungen entlang der Bahnstrecke durch Bremen-Nord zwei Monate Ruhe vor den Kohlenzügen. Das Kraftwerk Farge steht für eine große Revision still.
28.05.2014, 06:00
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Von CHARLOTTE SCHUMACHER

Ab Juni haben die Anwohner der Wohnsiedlungen entlang der Bahnstrecke durch Bremen-Nord zwei Monate Ruhe vor den Kohlenzügen. Das Kraftwerk Farge, das seit 2012 per Schienenverkehr mit Kohle beliefert wird, steht für eine große Revision still.

Trotz der verbesserten Transportzeiten durch eine Fahrplanänderung der Kohlenzüge Ende 2013 fühlen sich viele Bürger nach wie vor belästigt, wenn laute und schmutzige Kohlenzüge achtmal am Tag, nur wenige Meter von Haus und Garten entfernt, durch Bremen-Nord rumpeln.

„Der erste Zug fährt hier gegen viertel vor sieben vorbei, aber man hört ihn, sobald er in Vegesack angeheizt wird. So ist das viermal am Tag, und dann kommen die Züge ja auch wieder entladen zurückgerumpelt“, sagt Hillern Töllner aus der Borchshöher Straße. Er und seine Nachbarn fühlen sich durch die täglichen Kohlelieferungen nach Farge immer noch stark belästigt. „So etwas Vorsintflutliches wie diese Diesellokomotiven habe ich noch nicht gesehen. Die verursachen, abgesehen von dem Dreck durch die offenen Waggons, einen unaushaltbaren Krach, wenn sie hier vorbei fahren“, erklärt er.

„Mein ganzes Haus vibriert, wenn der Kohlenzug kommt“, bestätigt auch die Nachbarin Sofie Derow. Neben dem verursachten Krach scheinen die Transportzüge einen schmierigen bläulichen Schimmer auf den Gartenmöbeln und Häusern der Anwohner zu hinterlassen. „Wir müssen jedes halbe Jahr jemanden bestellen, der die gesamte Giebelhauswand von dem Dreck befreit. Das kostet viel Geld, nur damit unser Haus nicht kaputt geht“, erzählt das Ehepaar Kromareck, dessen Heim direkt neben der Schienen steht. „Wir haben unser Haus schätzen lassen. Da sind uns die Gesichtszüge entglitten. Natürlich fuhr ausgerechnet dann auch noch ein Kohlenzug vorbei. Das treibt den Wert der anliegenden Häuser nach unten und bedeutet einen Verzicht von Tausenden von Euros. Alles nur weil das Kraftwerk Farge über den Schienenverkehr mit Kohle beliefert werden will“, beschweren sie sich.

„Wir können keine Wäsche draußen aufhängen, ohne dass sie durch schwarze Staubpartikel wieder schmutzig wird. Generell kann man sich nicht im Garten aufhalten, wenn ein Kohlenzug vorbeifährt. Das quietscht so stark in den Ohren und verursacht schwarze Wolken, sodass man reingehen muss“, erzählen die Anwohner.

Noch bevor die Fuhren 2012 starteten, war die Motivation der Bürger groß, sich zu wehren. „Wir haben uns versammelt und im Stadthaus getroffen, mit Politikern gesprochen und eine Bürgerinitiative gegen die Kohlenfuhren gegründet, aber am Ende hat nichts geholfen.“ Irgendwann resigniere man dann einfach. „Aber wir wollen auf keinen Fall, dass man denkt, wir hätten uns an die Situation gewöhnt“, erklärt Wolfgang Schmidt-Tabe. Niemand könne verstehen, weshalb das Kraftwerk nicht weiter per Schiff beliefert wird, so wie es vor den Kohlenzügen der Fall war. „Das kostet angeblich nicht wesentlich mehr, und wir würden nicht länger belästigt werden“, ergänzt Schmidt-Tabe. „Wie kann es sein, dass man mit seinem Auto ohne Umweltplakette nicht mehr in die Stadt fahren darf, aber große, die Umwelt schädigende Kohlenzüge können hier mitten durch die Wohnsiedlungen rumpeln?“, äußert er sein Unverständnis. Besonders stört die Anwohner, dass sie keine klaren Aussagen vom Kraftwerk bekommen. „Ich habe das Gefühl, die wollen uns besänftigen, damit wir Ruhe geben. Jetzt steht wieder der Sommer vor der Tür, und wir können noch nicht einmal die Fenster aufmachen“, beschwert sich Anwohnerin Ines Lickrau.

Zwei Monate keine Kohlelieferung

Diesbezüglich kommt aus Farge Entwarnung: „Zwischen Anfang Juni und Anfang August steht das Kraftwerk Farge für eine große Revision still. Während dieser Zeit wird es keine Kohlebelieferung geben.“ Dennoch sei einer der Standortvorteile von Farge, dass das Kraftwerk sowohl mit dem Schiff als auch mit der Bahn angefahren werden könne, erklärt Kraftwerksleiter Marco Meyer. „Diese Option werden wir uns auch künftig offen halten und den jeweils für das Kraftwerk günstigsten Weg wählen. So können wir Kosten im Betrieb optimieren und auf den steigenden wirtschaftlichen Druck reagieren, dem das Kraftwerk insbesondere durch den zunehmenden Ausbau erneuerbarer Energien ausgesetzt ist“, bezieht er Position.

Man verstehe die Verärgerung der Anwohner, deshalb habe man 2013 eine Fahrplanänderung herbeigeführt, sodass der erste Zug erst um sieben Uhr in Farge entladen werde, heißt es in einer Stellungnahme. Für die beiden Hauptprobleme der Anwohner, Krach und Dreck, fühlt sich das Kraftwerk nicht in der Verantwortung. „Für den Transport selbst und das dafür eingesetzte Material ist unser jeweiliger Logistikpartner zuständig“, erklärt Meyer.

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