Betreiber arbeiten an Alternativen

Bremer Kohlfahrtsaison steht vor dem Aus

Steht der Winter vor der Tür, steigt die Vorfreude auf die Kohlfahrt-Saison. Doch in diesem Jahr bieten die Gaststätten wohl höchstens eingeschränkte Feiermöglichkeiten. Doch Alternativen sind in Arbeit.
17.10.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Bremer Kohlfahrtsaison steht vor dem Aus
Von Simon Wilke
Bremer Kohlfahrtsaison steht vor dem Aus

Kohlfahrten gehörten in den Wintermonaten zum Stadtbild. In dieser Kohlsaison könnte das anders sein.

Ingo Wagner /dpa

Sobald die Temperaturen sinken, steigt bei vielen Bremerinnen und Bremern die Vorfreude auf die Kohlsaison. Nicht nur, aber vor allem wegen feuchtfröhlicher Spaziergänge, üppiger Büffets und voller Tanzflächen, kurzum, wegen der obligatorischen Kohlfahrten, die vor allem zwischen Dezember und März stattfinden. Doch derzeit ist fraglich, ob auch in den kommenden Monaten kleine und große Gruppen ihre Bollerwagen zu den Gasthäusern ziehen werden.

Die Ausgangslage ist denkbar schlecht: Für den privaten Spaziergang zum Lokal gilt, dass nicht mehr als fünf Personen aus verschiedenen Haushalten zusammenkommen dürfen. In gastronomischen Betrieben sind zwar weiterhin maximal 100 Personen erlaubt, allerdings nur, wenn die Hygienevorschriften, vor allem Abstandsregeln, eingehalten werden. Immer unter dem Vorbehalt: Stand heute. Wie wahrscheinlich ist es da, dass die beliebten Gaststätten wie Der Kuhhirte auf dem Stadtwerder, Das Haus am Walde am Stadtwald oder der Friesenhof in Bremens Altstadt überhaupt ihre Tore öffnen?

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Im Ressort von Ulrich Mäurer, dem für die Durchsetzung von Corona-Beschränkungen zuständigen SPD-Innensenator, will man so weit noch nicht in die Zukunft blicken. Wie sich die Pandemie in den kommenden Wochen entwickele, sei schlicht nicht vorhersehbar, sagt eine Sprecherin. Auch, weil die derzeit geltenden Maßnahmen ja gerade dazu dienen sollen, das Infektionsgeschehen unter den Schwellenwert von 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen zu drücken. Soll wohl heißen: Gelingt es, die Neuerkrankungen auf ein niedriges Niveau zu bringen, wären auch Kohlfahrten denkbar. Aber, schränkt die Sprecherin ein, die Lage sei dynamisch. Über eine Anpassung bestehender Maßnahmen werde laufend entschieden.

Für die Inhaber der Kohl-Lokalitäten bedeutet das vor allem eines: fehlende Planungssicherheit. Und weil ihre Ausrichtung mit großem Aufwand verbunden ist, hat das Haus am Walde bereits frühzeitig entschieden, sämtliche Kohl-Partys abzusagen. Zu bitter sei es, wenn die Planungen durch neue Beschränkungen durchkreuzt würden und man stornieren müsste, sagt Geschäftsführer Walter Gildemeister.

Verluste durch Personalreduktion auffangen

„Schmerzhaft“ nennt er die Entscheidung deshalb, weil die Kohlsaison ein wesentliches Standbein in der Winter-Saison ist und weil die Verluste wohl nicht anders aufzufangen sein werden als durch Personalreduktion. Doch Groll auf die politischen Entscheider hegt Gildemeister keineswegs. Es gelte stattdessen, die Situation zu akzeptieren und sich der problematischen Lage zu stellen.

Ähnlich sieht es Hilko Otten, Geschäftsführer des Friesenhofs und der Schüttinger Gasthausbrauerei. Als Veranstalter trage man die Verantwortung für seine Gäste und Mitarbeiter, und deren Gesundheit habe schlicht Vorrang vor Privatvergnügen wie Stadionbesuchen oder eben auch Feiern nach Kohltouren. Am Ende gelte es, die jetzige Situation gut zu meistern und nicht durch Sorg- und Disziplinlosigkeiten aufs Spiel zu setzen, was im vergangenen halben Jahr erreicht wurde.

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Im Friesenhof und Schüttinger wird es trotzdem Kohlessen geben – unter Einhaltung der geltenden Hygienevorschriften. Und derzeit halte man auch noch an den Planungen für die anschließenden Feiern fest. Dies jedoch nur unter Vorbehalt: „Wir informieren unsere Gäste über mögliche Einschränkungen. Sollten Musik und Tanz nicht möglich sein, gibt es das Geld zurück“, erklärt Otten. Das sei zwar auch für ihn ein wirtschaftlicher Schaden, gerade weil nicht mit einem florierenden Weihnachtsgeschäft zu rechnen sei, aber die Gastronomen hätten verstanden, dass es zurzeit nicht anders gehe.

Grünkohl to go

Beim Kuhhirten macht man sich derweil Gedanken, welche Alternativen man bieten könnte, falls die Kohlfahrt-Saison komplett entfällt. Veranstaltungsleiterin Andrea Clabes ist deshalb froh, dass das Lokal über einen großen Außenbereich verfügt. Ihre Idee: Grünkohl to go, falls die Tanzflächen geschlossen bleiben müssen. Doch auch im Lokal soll interessierten Gruppen gegebenenfalls ein Alternativprogramm geboten werden. „Wir wissen noch nicht wie genau, aber vielleicht bieten wir auch Karaoke oder Beruferaten an, wenn es mit der Kohl-Party nicht klappt“, sagt sie.

Klar ist allerdings, dass die geltenden Hygieneregeln immer beachtet werden müssen. Gar nicht leicht, wenn unter normalen Umständen über die Saison verteilt etwa 6500 Kohlfahrerinnen und -fahrer einkehren. Auch sie geht darum davon aus, dass das Kohlgeschäft ein großes Loch in die Bilanz reißen wird. Und trotzdem: Sollten sich vor dem Lokal größere Gruppen bilden, müsse man dazwischengrätschen, sagt Clabes. Das sei schließlich auch im Sinne der Gäste.

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Doch nicht nur Gaststätten-Betreiber, auch diejenigen, die für die musikalische Untermalung der Kohl-Partys zuständig sind, haben mit der Ungewissheit zu kämpfen. Marcel Hencke ist einer von ihnen. Sein Veranstaltungskalender als selbstständiger DJ wird unter normalen Umständen lange im Voraus geplant, und gerade zum Jahresbeginn nehmen Kohlfahrten dort regelmäßig einen Platz ein. Ob das in der kommenden Saison aber so bleibt, darauf mag er sich nicht verlassen. Denn gebuchte Feiern im Oktober, November und Dezember seien sämtlich abgesagt worden, sagt er, „wirklich alle.“

Doch wäre es nicht möglich, die Partys notfalls nach draußen zu verlagern? Hencke ist skeptisch. Wie das funktionieren könne, wisse er nicht. Gerade für die empfindliche Elektronik seien die winterlichen Temperaturen problematisch. Er plant deshalb nur noch von Monat zu Monat. Und zumindest die Kohlfahrt-Termine im kommenden Jahr seien bislang noch nicht gecancelt. „Außerdem“, sagt Hencke, „stirbt die Hoffnung zuletzt.“

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