Kolumbarium mit 1213 Urnenplätzen

Ein Friedhof in der Kirche der St. Elisabeth-Gemeinde

Das neue Kolumbarium der St. Elisabeth-Gemeinde in Hastedt ist ein großer Wurf geworden. Hinter Lehmwänden verbergen sich in der Kirche 1213 Urnenplätze.
08.04.2020, 08:22
Lesedauer: 4 Min
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Ein Friedhof in der Kirche der St. Elisabeth-Gemeinde
Von Jürgen Hinrichs
Ein Friedhof in der Kirche der St. Elisabeth-Gemeinde

Die Urnenfächer im Kolumbarium sind unterschiedlich angeordnet. Es gibt Einzel- und Doppelplätze.

Frank Thomas Koch

Über den Friedhof in die Kirche. So kennt man das, nichts Ungewöhnliches. Anders und auch wieder nicht ist es bei den Katholiken von St. Elisabeth in Hastedt. Auch dort gibt es den Friedhof und die Kirche, nur dass beides jetzt unter einem Dach vereint ist. Die Gemeinde hat in ihren Mauern ein Kolumbarium errichten lassen, eine Grabstätte für Urnen. Vor anderthalb Wochen sollte Einweihung sein, der Bischof hatte sich angekündigt. Doch dann machte Corona einen Strich durch die Rechnung. So muss die Öffentlichkeit noch ein wenig warten, bis sie dieses einzigartige Bauwerk und die von Grund auf renovierte Kirche bestaunen darf.

Es sind Wände aus Lehm, „Stampflehm“, erklärt Dirk Meyer, Pfarrer bei St. Elisabeth, „das war ein immenser Aufwand.“ Allein die Verschalung. Die Wände stehen ein wenig schräg und sind an ihren Ecken abgerundet. Nullachtfünfzehn ist das wahrlich nicht. Zwei Monate lang haben Spezialisten aus Österreich den Lehm geduldig in vielen kleinen Schichten in die Holzfächer gestampft. Als das endlich erledigt war und die Verschalung abgenommen werden konnte, brauchte es noch einige Zeit, bis die Wände trocken waren. Zuletzt die Feinarbeit an der Oberfläche, schleifen und polieren.

Struktur mit porösen Stellen

Das Ergebnis ist so, dass beim Betrachter sofort der Drang entsteht, mit den Fingern drüber zu gleiten. Die Struktur mit ihren porösen Stellen zu erkunden. Den Lehm zu spüren. Das ist Urgrund, Leben also, wo die Toten sind. „Die Urnenbeisetzung wird so auch zu einer Erdbestattung“, sagt Meyer. Es kommt noch etwas Anderes hinzu. Die Wände aus Lehm muten in ihrer Machart ähnlich an wie der Stein von Altar, Tabernakel und Taufbecken in der Kirche. Es ergänzt sich.

Entstanden sind drei halboffene, von Tageslicht beschienene Räume, in deren Inneren die Kammern für die Urnen liegen. Einzel- und Doppelplätze, insgesamt 1213. Die Fächer liegen nicht übereinander, wie man das von anderen Kolumbarien kennt. Es gibt keine strenge Anordnung. „Das wollten wir nicht, keine Spinde wie im Schwimmbad“, sagt der Pfarrer. Vor das einzelne Fach wird ein Messingblech geschraubt, sobald der Urnenplatz vergeben ist. Die einheitliche Gravur verrät später den Namen und das Geburts- und Sterbedatum des Verstorbenen. Wer die Grabstelle besuchen will und noch nicht weiß, wo sie ist, kann den Namen in einen Computer eingeben und wird zum entsprechenden Fach geführt.

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Der Architekt, Jürgen Hinse vom Büro Ahrens und Pörtner aus Hilter am Teutoburger Wald, hatte sich in einem Wettbewerb durchgesetzt. Seine Ideen überzeugten, zunächst auf den Skizzen und jetzt in der Praxis. Er hat einen Friedhof gebaut, auf dem sich auch solche Menschen bestatten lassen können, die nicht dem katholischen Glauben angehören oder konfessionslos sind. „Worauf wir allerdings bestehen, ist eine Trauerfeier nach christlichem Ritus“, betont Meyer. Die Urnengräber haben eine Laufzeit von 20 Jahren. Wer danach nicht verlängern möchte, kann die Überreste seines Angehörigen einem Gemeinschaftsgrab überantworten, das an die Rückwand der Kirche gebaut wurde und ebenfalls aus Lehm entsteht. Die Asche wird dort hinein gestreut.

In Osnabrück, dem Sitz des Bistums, existiert bereits eine Kolumbariumskirche. Von dort kommt die Anregung, weiter geleitet vom langjährigen Bremer Propst Martin Schomaker, der jetzt direkt beim Bischof seinen Dienst tut. Zwei Gedanken dabei, der eine religiös und politisch, der andere profan. „Wir erinnern uns an jeden Toten mit seinem Namen“, erklärt Meyer. Seine Kirche hat große Probleme damit, dass Bremen im neuen Bestattungsgesetz erlaubt, die Asche der Verstorbenen zu verstreuen. Sie wendet sich auch gegen anonyme Bestattungen. Das Kolumbarium, ursprünglich die Bezeichnung für einen Taubenschlag, soll einen Kontrapunkt setzen und gleichzeitig dem Wunsch nach alternativen Bestattungsformen entsprechen: die Toten in der Mitte der Gemeinde, unter den Menschen, bei den Taufen, Hochzeiten, Trauerfeiern und Gottesdiensten. Als Teil vom Ganzen.

Urnenplätze sollen Renovierung der Kirche finanzieren

Der profane Grund, das ist das Geld. Der Pfarrer macht kein Hehl daraus: „Die Kirche musste 50 Jahre nach ihrer Erbauung dringend renoviert werden. Wir mussten uns überlegen, woher wir die Mittel bekommen.“ Wie überall in den Gemeinden schrumpft die Zahl der Mitglieder, bei St. Elisabeth sind es nur noch rund 2000. Die Gottesdienste sind entsprechend schwach besucht, und warum dann bei schwindenden Einnahmen noch eine Kirche vorhalten? Andere in der Stadt wurden schon geschlossen. Das Kolumbarium bietet die Möglichkeit, aus diesem Dilemma herauszukommen. Erstens besetzt es eine Fläche, die nicht mehr benötigt wird. Die Sitzplätze sind von 176 auf 121 reduziert worden. Und zweitens trägt es durch den Verkauf der Urnenplätze zur Finanzierung der Renovierungskosten bei. „Wir haben für alles zusammen 1,6 Millionen Euro ausgegeben“, sagt Meyer.

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Genau ein Jahr haben die Arbeiten gedauert. Von Ostern bis Ostern. Die Schieferplatten auf dem Boden sind herausgenommen, überarbeitet und neu verlegt worden. Die Räume der Sakristei wurden neu strukturiert. Alles hat einen Anstrich bekommen, auch die mit Holz vertäfelte Decke. Es gibt neue Lautsprecher- und Beleuchtungsanlagen, die per Computer gesteuert werden. Ein Lichtkünstler hat für die unterschiedlichen Anlässe im Kirchenalltag Szenarien entwickelt. Ob Chorkonzert, Meditation, Karfreitag, oder Taufe – die Beleuchtung ist immer wieder eine andere. Im Programm ist auch der „Sonntag in Farbe“, da wird’s besonders bunt.

St. Elisabeth ist die erste Kirche in Bremen, die in ihren Mauern einen Friedhof aufgenommen hat. Ein weiteres Kolumbarium gibt es auf dem Riensberger Friedhof, dort allerdings als eigenständigen Bau. Die katholische Gemeinde in Hastedt gehört seit 2007 zur weitaus größeren Pfarrei St. Johann, sie hat damals ihre Eigenständigkeit verloren. Das Unverwechselbare ist nun wieder da. Die wegen ihrer zeltartigen Form auch so schon außergewöhnliche Kirche in der Suhrfeldstraße könnte zum Wallfahrtsort werden.

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