Kommentar über längere Weihnachtsferien

Nicht zu Ende gedacht

Zwei Unionspolitiker haben angeregt, die Weihnachtsferien zum Schutz vor Corona-Infektionen in der kalten Jahreszeit zu verlängern. Der Vorschlag ist nicht zu Ende gedacht, meint Mario Nagel.
14.10.2020, 05:00
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Von Mario Nagel
Nicht zu Ende gedacht

Solange ein Präsenzunterricht möglich ist, sollte er auch abgehalten werden.

Gregor Fischer/DPA

Der Vorschlag scheint aus der Hüfte geschossen: Der Hamburger CDU-Chef und Bundestagsabgeordnete Christoph Ploß und sein bayrischer Fraktionskollege Stephan Pilsinger haben angeregt, angesichts der steigenden Infiziertenzahlen die Weihnachtsferien um bis zu vier Wochen zu verlängern. Im Gegenzug könnten die Oster- oder Sommerferien entsprechend gekürzt werden. Doch Elternverbände, Lehrer-Gewerkschaften und Politiker unterschiedlicher Parteien üben scharfe Kritik. Zu Recht, denn der Vorschlag der beiden Unionspolitiker ist nicht zu Ende gedacht.

Schon während des Lockdown hatte sich gezeigt, dass eine pauschale Schulschließung nicht einmal eine kurzfristige Lösung ist. Vor allem Schulkinder aus finanziell schwierigen Verhältnissen lernten unter erschwerte Bedingungen: Viele verfügten nicht über den nötigen Platz oder gar einen eigenen Laptop, einige von ihnen mussten auch mal auf die Geschwister aufpassen. Wenn Präsenzunterricht möglich ist, sollte dieser auch unbedingt erteilt werden. Vor allem, damit schwächere Schüler nicht weiter abgehängt werden.

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Die meisten Eltern haben im Frühjahr ungewollt ihre Urlaubstage verbraucht, um ihre Kinder zu Hause betreuen. Bei verlängerten Weihnachtsferien müsste das wieder geschehen. Zum einen würden Eltern damit erneut der Chance beraubt, ihre wohlverdienten freien Tage zu nehmen, wenn sie es wollen oder brauchen. Zum anderen fielen die freien Tage in eine Jahreszeit, in die Auswahl an Aktivitäten unter freiem Himmel sehr begrenzt sind. Die Gefahr, dass sich das Virus an Schulen verbreitet, würde sich also zum Beispiel auf Hallenspielplätze oder Bowling-Center verlagern.

Es ist auch keine Option, im Gegenzug die Oster- oder Sommerferien zu verkürzen. Dass die Pandemie im kommenden Sommer bewältigt sein wird, gilt als unwahrscheinlich. Im März, spätestens im Juni wird die Forderung nach einer Verlängerung der Ferien also erneut aufkommen.

Es scheint, als ginge es den Unionspolitikern nur um viel Aufmerksamkeit mit wenig Aufwand. Die beiden Abgeordneten bieten eine Lösung an, die am Schreibtisch logisch erscheint, in der Praxis aber viele Probleme verursacht. Der Vorschlag, die Weihnachtsferien zu verlängern, ist deshalb überflüssig. Umso erstaunlicher ist es, dass die Kultusministerkonferenz das Thema am Freitag aufgreifen will.

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