Hörende und Gehörlose entwickeln im „second.hand.theater“ ein Stück zum Thema Träume

Kommunikation geht auch ohne Laute

Auch ohne Laute funktioniert Kommunikation, ebenso das Theaterspiel: Im Horner Gehörlosenfreizeitheim proben seit September neun Amateur-Schauspieler ein Stück zum Thema Träume. Am Wochenende hat es Premiere. Das Besondere: Fünf Hörende und vier Nicht-Hörende agieren gemeinsam in einem Projekt, das für die beiden Leiterinnen zur Abschlussarbeit ihres Studiums wird.
27.03.2014, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Rainer Kabbert
Kommunikation geht auch ohne Laute

Sie finden nicht zueinander: Petra Igersky aus Arsten und Joachim Koetzle aus Peterswerder bei den Proben zu „WachGeklopft“. Im Ensemble aber gelingt die Verständigung zwischen Hörenden und Gehörlosen fast unproblematisch.

Petra Stubbe

Auch ohne Laute funktioniert Kommunikation, ebenso das Theaterspiel: Im Horner Gehörlosenfreizeitheim proben seit September neun Amateur-Schauspieler ein Stück zum Thema Träume. Am Wochenende hat es Premiere. Das Besondere: Fünf Hörende und vier Nicht-Hörende agieren gemeinsam in einem Projekt, das für die beiden Leiterinnen zur Abschlussarbeit ihres Studiums wird.

Probenarbeit im Gehörlosenfreizeitheim. Die Schauspieler sitzen in einer Reihe auf Stühlen, mit überkreuzten Beinen, Kaugummis im Mund, Blasen zerplatzen auf den Lippen. Clara Müllenmeister aus Walle stellt sich auf den Sitz, breitet die Arme schwungvoll aus zu langen Flügelschlägen eines Vogels. Nadine Zehner streicht lustvoll über ihren Körper, mit geschlossenen Augen. Jalloul Bader stellt sich breit auf, trommelt mit den Fäusten kraftvoll gegen seine vorgestreckte Brust, so wie King Kong. Silvia Zehner beendet die Traum-Sequenzen und lässt einen roten Luftballon mit lautem Knall zerplatzen.

Schon seit September vergangenen Jahres studiert das „second.hand.theater.bremen“ in der Schwachhauser Heerstraße ein Stück zum Thema Träume ein. Die können wahr werden, zerplatzen wie Kaugummis oder den Alltag in rosarotes Licht färben. Was letztendlich auf die Bühne kommt, gestalten vor allem die Akteure, weniger die beiden Projektleiterinnen Annika Jobski und Annika Meyer. Die beiden Studentinnen haben das Theater gegründet und bauen auf den kreativen Einfallsreichtum des Ensembles.

„Die Inhalte kommen von den Schauspielern, ihren Einfällen und Biografien“, betont Annika Jobski, die seit 2009 Gebärdensprache und Germanistik an der Uni Hamburg studiert. Annika Meyer aus der Neustadt, seit 2010 Studentin der Theaterpädagogik an der Hochschule für Künste in Ottersberg, sieht genau darin den Kern ihres inklusiven Theaterprojekts: gemeinsam ein Stück entwickeln, ohne den Schauspielern von außen etwas überzustülpen.

Einfach ist das nicht, denn vier der neun Schauspieler sind gehörlos. Regieanweisungen gibt es zweisprachig. In der Besprechung zur Kaugummi-Szene redet Annika Meyer mit dem Team gleichzeitig mit Körperhaltung, Gesichtsmimik und schwungvollen Handkonfigurationen wie mit lauten Worten. Sie beherrscht die Gebärdensprache, interessierte sich dafür schon in der Schulzeit und beschäftigt sich nun auch noch wissenschaftlich mit der Poetik dieser Sprachform. Zu Beginn des Projekts hatten sie im Probenraum noch ein Laptop stehen, mit einem Lexikon zur Gebärdensprache. Aber der Computer, sagt Annika Jobski lächelnd, blieb fast ungenutzt. Meist genügten zum gegenseitigen Verständnis die Dynamik der Mimik und Handrotationen.

King-Kong-Performance

Auch die Schauspieler kommunizieren nonverbal, Petra Igersky aus Arsten und Silvia Zehner aus Osterholz-Scharmbeck als gehörlose Menschen in der Gebärdensprache. Inga Gottschlich kommentiert die King-Kong-Performance von Jalloul Bader in Zeichensprache und lauter Rede. Sie gestikulieren – und alle lachen.

Den Probenabend durchzieht eine Spur von Heiterkeit. Petra Igersky spricht von schöner Zusammenarbeit im Team, auch mit den Hörenden. Sie spricht nicht klar, aber gut verständlich von lustigen Momenten im „second.hand.theater.bremen“ und davon, wie sie den anderen Gebärdensprache beibringt. Wie auch ihrer Tochter, die seit Geburt gehörlose Eltern hat und zweisprachig aufgewachsen ist.

Auch Joachim Koetzle aus Peterswerder gehört zu den Lernenden. Anfangs erlebte er sich wie behindert, als er den Gehörlosen begegnete und sich kaum verständlich machen konnte. Nach zwei Volkshochschulkursen zur Gebärdensprache funktioniert die Verständigung viel besser. Die „intensive Arbeit“ im „second.hand.theater.bremen“ macht ihm „wahnsinnig viel Spaß“ – nicht weniger als in der Gruppe, in der er zuvor 26 Jahre Theatererfahrungen sammelte. Spaß hat er auch in der Szene mit Petra Igersky, in der sie tastend aufeinander zugehen, sich näher, aber doch nicht zueinander kommen. Joachim Koetzle trommelt verzweifelt gegen eine imaginäre Wand. So weckt er Assoziationen an den Pantomimen Marcel Marceau, der in seiner Käfig-Nummer ebenso mit imaginären Barrieren kämpfte.

Gestik, Mimik und Körperhaltung auf der second.hand.theater-Bühne erinnern auch ein wenig an die Stummfilme der 20er-Jahre, ebenso an den Film „The Artist“, der 2012 mit fünf Oscars ausgezeichnet wurde. Wenn Ton-Sprache fehlt oder nur sparsam eingesetzt wird, rücken andere theatrale Mittel in den Vordergrund. Annika Meyer spricht von bildhaftem Theater, in dem performative Stilmittel überwiegen und Körperrhythmen ein große Rolle spielen. „In unserem Theaterspiel sollen alle Sinne angesprochen werden.“ Also kommt auch Lautsprache zu Gehör. Und Musik.

Am Wochenende ist Premiere im Gehörlosenfreizeitheim, weitere Aufführungen in Bremen und Hamburg sind in Planung. Im Publikum werden auch Dozenten sitzen, die Annika Jobski und Annika Meyer ausgebildet haben: Das Projekt ist die Bachelor-Abschlussarbeit der beiden.

Der Verein des Gehörlosenfreizeitheims hat das Team unterstützt, ebenso Sponsoren. Unterstützung für ein Stück, das für Hörende wie Gehörlose gedacht ist: „Jeder soll von der Vorstellung mitnehmen, was ihn berührt“, fordert Annika Jobski. Und Annika Meyer wünscht sich die aktuelle Produktion als Beginn einer weiterführenden kreativen Kooperation von Hörenden und Gehörlosen in Bremen.

„WachGeklopft – Träume lauern purpurrot“ wird am Sonnabend, 29. März, 19 Uhr sowie am Sonntag, 30. März, um 16 Uhr aufgeführt. Das Gehörlosenfreizeitheim ist an der Schwachhauser Heerstraße 266. Der Eintritt kostet fünf Euro. Kartenreservierungen und Informationen im Internet unter second.hand.theater@gmail.com sowie unter www.facebook.com/second.hand.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+