Bildung in Bremen

Kompetent und kostenlos

Das Café Pax der Friedensgemeinde ist kein gewöhnliches Café: Hier helfen mehrere pensionierte Lehrer ehrenamtlich jungen Leuten bei den Hausaufgaben.
22.04.2018, 19:47
Lesedauer: 5 Min
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Von Elke Hoesmann
Kompetent und kostenlos

Der ehemalige Mathematik-Lehrer Bernhard Arnold bei der Hausaufgabenhilfe in der Friedensgemeinde. Ihm missfällt, dass die Mathe-Aufgaben für Schüler oft stark textlastig sind.

Christina Kuhaupt

Durch die großen Fensterscheiben prallt Sonnenlicht ins Café Pax der Friedensgemeinde. Besucher treten in einen offenen, lang gestreckten Raum mit viel Platz für Tische und einen Tresen, an dem es Kaffee und Kuchen gibt; der Blick wandert in einen grünen Innenhof. Das Café an der Kirche ist kein gewöhnliches Café und Bernhard Arnold kein Kaffeegast.

Arnold (74) kommt, um anderen etwas beizubringen. Er hat viele Jahre Mathematik und Physik an Bremer Schulen unterrichtet. Im kirchlichen Begegnungszentrum hilft der Pensionär jeden Mittwoch jungen Leuten bei den Hausaufgaben. Seit zehn Jahren schon, ehrenamtlich und kostenlos. Wer Rat braucht, kann wählen: Neben Arnold bieten drei weitere pensionierte Lehrer ihre Dienste an – auch ehrenamtlich.

Mathematik, Deutsch, Englisch, das sind die Fächer, die bei Hausaufgaben die meisten Probleme bereiten, sagen sie. Auf Arnolds Mathehilfe setzen besonders viele Schüler. „Er wird manchmal regelrecht umlagert“, sagt eine frühere Deutschlehrerin. Häufig treibt die Angst vor anstehenden Klassenarbeiten oder Abi-Prüfungen die Jugendlichen ins Café Pax. Sie können spontan kommen.

Nachfrage geht zurück

Die Hausaufgabenhilfe soll kein kontinuierlicher Wiederholungsunterricht sein, sagt Arnold. Es geht darum, den aktuellen Unterrichtsstoff zu durchdringen. Grundschüler sehen selten vorbei. Erst ab Klasse 7 bis kurz vor dem Abitur suchen junge Bremer fachlichen Rat im Café – Mädchen wie Jungen, viele mit ausländischen Wurzeln, auch geflüchtete Jugendliche.

Aber es gibt Nachmittage, da lässt sich kein Schüler blicken. Die Nachfrage gehe zurück, berichten die Helfer. Ein Grund könnte sein, dass der Schulunterricht oft länger als früher dauert und die Kinder danach erschöpft sind, vermutet Arnold. Auch müssen sich Schüler aus entfernteren Stadtteilen mächtig sputen, um das Café im Viertel rechtzeitig zu erreichen.

Die Hausaufgabenhilfe beginnt um 15 Uhr und dauert nur zwei Stunden. Manche kommen ein- bis zweimal hierher und dann nie wieder, andere sind länger dabei. Wie die junge Kurdin, der Arnold bei der Abi-Vorbereitung geholfen hat. Inzwischen studiert sie, und ihre jüngere Schwester Medya freut sich nun über seine Unterstützung in Mathe.

Bernhard Arnold öffnet die Tür zu einem kleineren Raum des Gemeindehauses. Ein mächtiger Konferenztisch prangt im Zimmer, hier ist es ruhiger als im Café, wo gerade Eltern mit ihren vier- bis fünfjährigen Kindern eintreffen. Die Kleinen singen gleich nebenan im Kinderchor und sorgen jetzt für Gewusel. Medya kommt herein, eine fröhliche 18-Jährige mit Pferdeschwanz.

Sie duzt Arnold und er sie, die beiden mögen sich, lachen zusammen. Weil Arnold immer häufiger Schülern mit Migrationshintergrund hilft, weiß er, wo sie Probleme haben könnten. Und das nicht nur im Fach Deutsch: Auch Mathematik falle ihnen oft schwerer, sagt er. Mit mangelnder Intelligenz habe das natürlich nichts zu tun. Eher mit langen und komplizierten Texten für die Matheaufgaben.

Solche Texte müssten Schüler, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, erst einmal verstehen, bevor sie zu rechnen anfangen. „Ihr mathematisches Potenzial können sie gar nicht voll ausschöpfen.“ Arnold sieht darin ein grundsätzliches Problem der modernen Schulmathematik.

"Man muss erst begreifen, was eigentlich berechnet werden soll"

Vor rund 20 Jahren sei man von der rein mathematischen Aufgabenstellung zu längeren Textaufgaben übergegangen. Darin würden oft Alltagssituationen geschildert, und dies so ausführlich, dass Schüler mit Sprachdefiziten an den Texten scheiterten. Eine teuer erkaufte Änderung, findet der Pädagoge. Bei Medya steht heute Vektorrechnung an.

Die 18-Jährige liest die Aufgabe vor, sie spricht fließend deutsch, aber Arnold fragt vorsichtig nach. „Windschief. Das ist ein ulkiges Wort, soll ich erklären, woher es kommt?“ Sie nickt. Er hantiert mit Lineal und Bleistift, um besser erläutern zu können, skizziert auch auf Papier, klärt weitere Begriffe wie Richtungs- und Stützvektor, fragt, ob sie verstanden hat, lobt sie. Will sie noch ein Beispiel rechnen? „Okay, Bernhard.“

Bei einer Hausaufgabe stutzt der Pädagoge, auch er habe den schwierigen Text nicht gleich verstanden, sagt er. „Die Aufgabe ist einfach, aber man muss erst begreifen, was eigentlich berechnet werden soll.“ Eine gute halbe Stunde stecken die beiden die Köpfe noch über den Büchern zusammen, dann bittet Medya um eine kurze Pause, und Arnold holt sich einen Kaffee.

Mathe-Noten deutlich besser

Er schätze es, sagt er, einem Schüler etwas gründlich erklären zu können und nicht mehr vor einer Klasse mit 30 Jugendlichen stehen zu müssen. Nach seiner Pensionierung gab er Nachhilfe – bis ihn die Friedensgemeinde bat, die Hausaufgabenhilfe zu verstärken. Mathe hat Medya früher gehasst, erzählt sie. Ihre Lehrer konnten nicht gut erklären, deswegen kam sie auf Rat ihrer Schwester zu Arnold ins Café.

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Und seitdem seien ihre Mathe-Noten deutlich besser, sagt die Abiturientin und strahlt. Von ihrem Café-Lehrer ist die junge Kurdin begeistert: „Bernhard sagt nichts vor, ich muss selber denken. Er bringt mir bei, wie ich das, was ich gelernt habe, anwenden kann.“ Inzwischen macht ihr Mathe sogar ein bisschen Spaß, erzählt sie. Auch ihre Freundin nutze die Hausaufgabenhilfe an der Humboldtstraße. „Es lohnt sich wirklich.“

Die Ehrenamtlichen dort möchten nicht nur fit für die Schule machen. Sie wollen auch Ängste nehmen, ihren Schützlingen aus akuten Nöten helfen, sie motivieren. Manchmal berichten Schüler von häuslichen Problemen, sagt Arnold. Aber nicht sofort, erst müssen sie Vertrauen gefasst haben. Und es kommt auch vor, dass er mit einem Lehrer telefoniert. „Jedoch nur, wenn der Schüler darum gebeten hat.“

Selten Gespräche mit Lehrern

Ein Grund für Anrufe könnten widersprüchliche Angaben bei den Hausaufgaben sein. Arnold bleibt in diesem Punkt vage, hält sich mit Kritik am Schulunterricht zurück, schließlich war er selbst Lehrer und weiß um die hohe Arbeitsbelastung. Überhaupt sprechen die Hausaufgabenhelfer der Gemeinde selten mit Lehrern. Das soll auch so bleiben, sagt Arnold.

„Wir sind autonom gegenüber den Schulen.“ Ganz anders verhalten sich meist die Schülerhelfer der Freiwilligen-Agentur Bremen. Diese Ehrenamtlichen kommen in die Grundschulen und kümmern sich in Absprache mit den Klassenlehrern um Kinder. Lesehelfer und ihre Schützlinge etwa gehen parallel zum Unterricht zeitweise in einen anderen Raum. Auch die freiwilligen „Doppeldenker“ kooperieren mit Lehrkräften, wenn sie Bremer Erst- und Zweitklässlern die Welt der Zahlen vermitteln.

Hausaufgabenhilfe sucht Unterstützung

Schüler schätzen alle Formen der Unterstützung. Besonders, wenn ihre Familien in finanziell angespannten Verhältnissen leben und teure Nachhilfe nicht bezahlbar ist. Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) setzt deshalb schon seit geraumer Zeit auf ehrenamtliche Hausaufgabenhilfe. Inzwischen bieten mindestens fünf Gemeinden und Projekte diese Hilfestellung. Die genaue Zahl lässt sich laut BEK nicht ermitteln, weil die ihr angeschlossenen Kirchengemeinden selbst verantwortlich für solche Angebote sind.

Nach Unterstützung sucht derzeit die Hausaufgabenhilfe in der Heilig-Geist-Kirche (Vahr): Wegen der vielen Kinder, die kommen, wünscht sich die Gemeinde weitere ehrenamtliche Helfer. Dagegen sehen sich die vier Betreuer in der Friedensgemeinde gut aufgestellt. „Diese Sorgen haben wir nicht“, sagt Arnold. Er winkt Medya zum Abschied zu, auch für ihn ist jetzt Schluss hier, nächsten Mittwoch aber schaut er Schülern wieder über die Schulter, im Café Pax.

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