Clan-Gewalt ebbt nicht ab Konfliktherd Grohner Düne

Nach dem Aufmarsch von 20 bis 30 Personen vor der Grohner Düne ist weiterhin offen, was hinter der drohenden Auseinandersetzung steckt. Von Drogen ist inoffiziell die Rede, und von verletzter Ehre.
08.04.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Konfliktherd Grohner Düne
Von Patricia Brandt

Bei Fehden zwischen Clans ist die Polizei oft machtlos. Am Wochenende hat ein Aufmarsch von 20 bis 30 Personen vor der Grohner Düne zwar für ein Polizeiaufgebot gesorgt: Was hinter den lautstarken Drohungen gegen einzelne Bewohner des Wohnkomplexes steckte, war auch am Dienstag noch offen. Zumindest gab es von offizieller Seite keine Mitteilungen zu den Hintergründen. Nach nicht bestätigten Informationen der NORDDEUTSCHEN ging es um eine nicht bezahlte Drogenlieferung. Die Rede ist von mehreren Kilo Rauschgift. Die Polizei ließ dies auf Nachfrage offen.

Wie berichtet, war die eine Gruppe mit Eisenstangen, Baseballschlägern und Messern am Sonnabend kurz vor Mitternacht bewaffnet in der Bydolekstraße aufgetaucht. Bereits vier Stunden zuvor wurde nach Darstellung des Polizeisprechers Dirk Siemering ein 23-Jähriger aus der Grohner Düne angegriffen. Der Mann hatte gegenüber den Beamten angegeben, mit Reizgas besprüht worden zu sein. Warum es in dem Streit zwischen den beteiligten Familien geht, wollte Siemering nicht sagen: „Das ist Gegenstand der Ermittlungen. Bisher haben wir nur die Aussage der Familie aus der Bydolekstraße.“

Innerhalb des Polizeiapparats gibt es auch Stimmen, die davon ausgehen, dass bei der Clan-Fehde in Grohn verletzte Ehrgefühle eine Rolle gespielt haben könnten. Beteiligt waren demnach Familien mit kosovo-albanischem Hintergrund. Für die Beamten stellt es sich augenscheinlich als äußerst schwierig dar, Einsichten in die hierarchischen Strukturen der ethnischen Gruppen zu gewinnen. „Es ist teilweise unmöglich“, so ein Beamter hinter vorgehaltener Hand. Für einen weiteren Mitarbeiter der Polizeiinspektion Bremen-Nord steht fest: „Wir reden hier von Leuten, die nicht die geringste Achtung vor den Gesetzen unseres Staates haben und die das den Polizeibeamten auch ins Gesicht sagen.“ Der Streit zwischen den Konfliktparteien vom Wochenende schwele schon eine ganze Weile. „Es gibt da latente Meinungsverschiedenheiten, die dann urplötzlich in aller Härte ausbrechen können.“

Polizeisprecher Dirk Siemering kündigte im Zusammenhang mit dem Aufmarsch vom Wochenende an, die Beteiligten zur Räson rufen zu wollen. Es werde darüber hinaus ein internes Gespräch mit dem Vegesacker Inspektionsleiter Kevin Hamann zur Grohner Düne geben. Ob die Polizei verstärkt Streife rund um den Betonkomplex gehen werde, sagte Siemering nicht. Nur so viel: Die Polizei schöpfe die ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten bei Sicherheitsfragen voll aus.

Es war nicht das erste Mal, dass sich bewaffnete Gruppen in der Grohner Düne gegenübergestanden haben. Im Juli 2012 stand eine Massenschlägerei kurz bevor, als sich bis zu 100 gewaltbereite Angehörige unterschiedlicher ethnischer Gruppen im Innenhof der Düne gegenüberstanden. Eine Woche später wurde ein Mann krankenhausreif geschlagen. Bereits mehrfach kam es in der Großwohnanlage zu Durchsuchungsmaßnahmen im Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität. Und auch als Bremen Anfang März wegen einer Terrorwarnung bundesweit im Blickpunkt stand, spielte die Grohner Düne eine Rolle. Dort durchsuchten Einsatzkräfte die Wohnung eines Verdächtigen.

Für das Innenressort stellt der jüngste Aufmarsch von bewaffneten Personen das „normale Einsatzgeschehen der Polizei“ dar. Der Vorfall sei jedenfalls kein Anlass, das bisherige Vorgehen zu überdenken. Auch die Sozialbehörde fühlte sich am Dienstag nicht zuständig. Die Federführung für die „Pro-Düne-Anschlussprojekte“ liege bei Bau und Umwelt, sagte Sozialressortsprecher-Sprecher Bernd Schneider.

In den vergangenen Jahren hat es bereits mehrere Anläufe der senatorischen Behörde gegeben, die Kriminalität in der Grohner Düne durch einen ressortübergreifenden Ansatz einzudämmen und zurückzudrängen. 2013 wurden im Rahmen des Integrationsprojektes „Pro Düne“ eigens zwei Planstellen geschaffen. Deren Inhaber sollten gezielt der Abkapselung bestimmter Familienclans als Ausgangspunkt für kriminelle Karrieren entgegenwirken.

Das Konzept hatte eine präventive Stoßrichtung. Es nannte auch Ross und Reiter, nämlich Strukturen aus dem Bereich der kurdisch-libanesischen Mhallamiye, die in der polizeilichen Kriminalstatistik deutlich überrepräsentiert sind. Später wurde diese klare Ausrichtung verwässert. Aus dem Innenressort war seinerzeit inoffiziell zu hören, die Sozialbehörde habe den kriminalpräventiven Schwerpunkt und die klare Benennung von Zielgruppen als diskriminierend empfunden und in dieser Form nicht mittragen wollen. Im September 2014 wurde „Pro Düne“ auch formal beendet. Übrig blieb ein Katalog von Vorschlägen zur Verbesserung der sozialen Situation in der Großwohnanlage. Stichworte waren unter anderem: Beschäftigungsangebote für gering Qualifizierte und eine Belebung des Innenhofs.

Zurzeit gibt es keinen Handlungsfaden für die Senatsressorts. Seit sich im August 2014 eine Staatsräterunde vorgenommen hat, die sozialen und städtebaulichen Probleme in der Anlage zu entschärfen, sei wenig passiert, kritisiert die CDU-Abgeordnete Silvia Neumeyer. „Eigentlich ist gar nichts passiert, obwohl das Thema so hoch bei der Staatsräterunde angesiedelt war.“ Alles warte auf ein Entwicklungskonzept, das das Planungsbüro „plan-werk Stadt“ für die Großwohnanlage bis Mitte 2015 vorlegen soll. 30 000 Euro waren dafür zur Verfügung gestellt worden. Silvia Neumeyer hätte es lieber gesehen, wenn seit Aufkommen der Diskussion im Mai vergangenen Jahres bereits erste Vorschläge zur Verbesserung der Situation umgesetzt worden wären. „Einer der Vorschläge war es, die regionale Wirtschaft anzusprechen; Ausbildungsplätze zur Verfügung zu stellen. Jetzt ist wieder ein Ausbildungsjahr um.“

Der SPD-Bürgerschaftsabgeordnete Klaus Möhle bedauert vor dem Hintergrund der jüngsten Ereignisse einmal mehr, dass die Gewoba die Düne im vergangenen Jahr nicht gekauft hat. In diesem Fall hätte Bremen nach dem Vorbild Osterholz-Tenevers die Situation in Grohn entschärfen können, meint Möhle. „Bei einem privaten Eigentümer ist es nicht so einfach, ein Bein an die Erde zu bekommen.“

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