Sorge um Schutz regionaler Lebensmittel

Kontra für Klaben aus Kentucky

Es gibt Spezialitäten, die sind spezieller als andere. Der Bremer Klaben zum Beispiel. Das könnte sich ändern, wenn im Zuge des Freihandelsabkommens regionale Produkte in den USA produziert werden könnten.
05.01.2015, 20:00
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Kontra für Klaben aus Kentucky
Von Christian Weth

Es gibt Spezialitäten, die sind spezieller als andere. Der Bremer Klaben zum Beispiel. Er genießt als regionales Lebensmittel einen besonderen Schutz: Nicht jeder darf ihn herstellen, schon gar nicht überall.

Das könnte sich ändern, wenn im Zuge des geplanten Freihandelsabkommens regionale Produkte in den Vereinigten Staaten produziert werden könnten. Der Klaben made in USA – eine Vorstellung, die Bremer Betriebe und Innung belustigt, aber auch mit Sorge erfüllt.

Stefan Schiebe hat es mal im Kopf überschlagen. Der Chef der Konditoreninnung Bremen/Oldenburg kommt Pi mal Daumen auf 15 Jahre. So lange habe es gedauert, den Bremer Klaben als regionale Spezialität schützen zu lassen. Anträge, viele Anträge seien gestellt worden, mal bei Behörden, mal bei der Europäischen Union, bis sie vor fünf Jahren den Klaben besonders klassifizierte. Seither darf er nur von bestimmen Betrieben, nach einer bestimmten Grundrezeptur und in einer bestimmten Region hergestellt werden.

Produkt mit regionaler Identität

Für Schiebe ist der Klaben ein Produkt, das für regionale Identität steht, wie der Dresdner Christstollen, die Aachener Printen, die Nürnberger Lebkuchen. Darum geht er fest davon aus, dass die Innung auf Bundesebene möglicherweise vor Gericht klagen wird, wenn es tatsächlich so kommt, wie es Agrarminister Christian Schmidt (CSU) nach Gesprächen über das geplante Freihandelsabkommen zwischen USA und EU angekündigt hat: dass nicht mehr jede Spezialität geschützt werden könne, wenn die Chancen eines freien Handels mit dem riesigen amerikanischen Markt genutzt werden sollen.

Der Innungschef fürchtet nicht nur einen Identitätsverlust, wenn der Schutz für den Klaben aufgehoben wird. Er rechnet ebenso mit Umsatzeinbußen für die Konditoren. „Wer den Klaben herstellen darf, kann mit dem Verkauf sein Geschäft deutlich ankurbeln.“ Nach seiner Liste sind es 19 Betriebe, die die Bremer Spezialität backen dürfen, auch wenn nicht alle aus Bremen kommen. Das Gebiet, in dem er laut EU-Verordnung produziert werden darf, schließt das niedersächsische Umland nicht aus. Der Radius misst 50 Kilometer rundum Bremen. So gibt es beispielsweise auch Bremer Klaben aus Verden.

Viele Spezialitäten aus der Hansestadt

Regionale Spezialitäten hat die Hansestadt viele zu bieten, das Kaffeebrot beispielsweise, den Bremer Labskaus, den Kluten, den Babbeler, eine menthol- beziehungsweise pfefferminzhaltige Zuckerstange. Doch geschützt sind nur zwei. Der Klaben eben und das Bremer Bier. Das hat die Beck’s Brauerei, heute Anheuser-Busch InBev, vor Jahren erwirkt, aber nur pro forma. Die sogenannte geschützte geografische Angabe, kurz: g.g.A., wird auf den Etiketten nicht genutzt. Aus einem simplen Grund, wie Unternehmenssprecher Oliver Bartelt sagt. „Es macht schlichtweg keinen Sinn: Unsere Produkte sind weltweit zu haben und werden weltweit hergestellt.“

Niedersachsen hat mehr regionale Produkte als Bremen, die einen Schutz genießen (siehe Liste). Insgesamt hat die EU 1249 Spezialitäten als regionale Besonderheit eingestuft und geschützt, darunter 79 aus Deutschland. Ihre Produktion wird kontrolliert und über die Hersteller in speziellen Registern Buch geführt. In ihnen ist vermerkt, wer was herstellen darf. Kommt es zu Verstößen, stellt etwa ein Unternehmen eine geschützte Spezialität her, obwohl es dafür nicht die erforderliche Erlaubnis hat, drohen Abmahnung und Bußgeld.

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Was die Gesundheitsbehörde, die die Produktion des Bremer Klaben überwacht, im Fall einer Aufhebung des Schutzes unternehmen will, kann Ressortsprecher Jens Schmidt nicht mit Sicherheit sagen. Er könne sich aber vorstellen, dass sie die Konditoreninnung unterstütze, wenn es hart auf hart komme und die Chancen für Bremer Klaben aus Kentucky steigen sollten. Dass es so weit kommt, mag Thomas Schlüter, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes, nicht glauben. „Welches Interesse sollten US-Firmen daran haben, ausgerechnet eine Bremer Spezialität zu produzieren?“ Das könnte doch nicht ernst gemeint sein.

Sorgen bereitet ihm ein Wegfall des regionales Schutzes genauso wenig wie Andreas Knigge von der gleichnamigen Konditorei in der Sögestraße. Von allen Betrieben stellt sie laut Innung die meisten Klaben her. „17 Tonnen allein in den Monaten Oktober, November, Dezember“, sagt Knigge. Er geht davon aus, dass sich durchsetzt, was sich schon immer durchgesetzt habe: „Qualität.“ Der Bremer Klaben komme nun mal aus Bremen. Gegessen werde er dagegen überall auf dem Globus. Schon längst werde das Backwerk nicht nur an Bremer und Bremen-Besucher verkauft, sondern ebenso an Ex-Bremer weltweit verschickt. Auch in die Vereinigten Staaten.

In Niedersachsen und Bremen genießen neun Lebensmittel den Schutz der EU:

Mal müssen bestimmte Auflagen etwa für die Produktion erfüllt sein, mal reicht es aus, wenn ein bestimmter Produktionsschritt in der jeweiligen Region erfolgt ist.

1. Göttinger Stracke (Rohwurst)
2. Göttinger Feldkieker (Rohwurst)
3. Lüneburger Heidekartoffel
4. Diepholzer Moorschnucke
5. Lüneburger Heidschnucke
6. Ammerländer Schinken
7. Ammerländer Dielenrauchschinken
8. Bremer Klaben
9. Bremer Bier

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