Experte prüft Alltag in Spielhallen Kontrollen beim Glücksspiel lückenhaft

Mehr als 400 000 Menschen in Deutschland sind spielsüchtig. Umso erstaunlicher, dass die Barrieren fürs Zocken sehr gering sind. Das geht aus einer Studie des Bremer Psychologen Gerhard Meyer hervor.
10.11.2014, 19:40
Lesedauer: 3 Min
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Kontrollen beim Glücksspiel lückenhaft
Von Felix Frank

Mehr als 400 000 Menschen in Deutschland sind spielsüchtig, etwa noch einmal so viele gefährdet. Die Glücksspielsucht: ein längst bekanntes gesellschaftliches Problem. Umso erstaunlicher, dass die Barrieren fürs Zocken in Spielhallen immer noch sehr gering sind. Das geht aus einer praxisnahen Studie des Bremer Psychologen Gerhard Meyer hervor.

30 Psychologie-Studierende der Universität Bremen gingen in Bremens Spielhöhlen – allerdings einzig und allein zu Forschungszwecken. Unerkannt besuchten sie 29 der insgesamt 111 Bremer Spielhallen, um die Einhaltung der Glücksspielgesetze zu prüfen.

In einem experimentellen Praxistest unter der Leitung von Gerhard Meyer, Leiter der Abteilung Glücksspielforschung des Instituts für Psychologie und Kognitionsforschung an der Uni Bremen, simulierten die Studierenden verhaltensauffällige Spielsüchtige. Ziel der Untersuchung war es, zu überprüfen, inwiefern Mitarbeiter die gesetzlichen Vorgaben einhalten.

Leichter Zugang zu Spielautomaten

Ein Ergebnis der Studie „Spieler- und Jugendschutz in Spielhallen: Ein Praxistest“: In nur 18 der untersuchten 29 Standorte war es für die Probanden möglich, sich – im Sinne des Selbstschutzes – sperren zu lassen. Noch gravierender: Neun von zehn gesperrten Spielern bekamen problemlos Zugang zu den Geldspielautomaten.

Und: Auf erkennbare Merkmale problematischen Spielverhaltens zeigte das Personal lediglich in sechs von 112 Fällen angemessene Reaktionen. Ernüchternd fiel auch die Ausweiskontrolle aus: Lediglich 26 Prozent der 20- bis 25-jährigen Testspieler mussten ihr Dokument vorzeigen.

„Das sind harte Fakten. Die Spielerschutzmaßnahmen sind sehr niedrig“, sagt Gerhard Meyer. Dabei sei doch im Bremer Glückspielgesetz verankert, dass Spielhallen-Mitarbeiter Spielsüchtige an der Spielteilnahme hindern sollen. Verstöße werden sogar mit einer Geldstrafe von bis zu 50 000 Euro geahndet.

Die Angestellten müssten eigentlich bestens vorbereitet sein: Laut Glücksspielstaatsvertrag gibt es Schulungen in der Früherkennung von Spielsüchtigen – die Realität sah im Praxistext anders aus. Nachdem die Testspieler ihr Geld verzockt hatten, wurden einige sogar von den Mitarbeitern zu Pfandleihern in der näheren Umgebung geschickt.

Meyer gibt aber nicht in erster Linie den Angestellten die Schuld, sondern den Spielhallen-Betreibern: „Ein großer Anteil der Einnahmen kommt von Problemspielern. Viele Betreiber denken eher an ihre Gewinnzahlen als an die soziale Verantwortung. Wenn die Betriebe den Schutz ernst nehmen, kann das mit Einnahmerückgängen verbunden sein.“

Keine flächendeckenden Sperren in Bremen möglich

Zudem sieht der Glücksspielexperte ein regionales Problem: In Bremen könne man sich in einer Spielhalle nur für diesen einzelnen Standort sperren lassen. Und so fordert Meyer die Möglichkeit einer flächendeckenden Sperre wie in Hessen. „Das ist auch für Bremen anzustreben, da muss im Bremer Glücksspielgesetz nachgebessert werden.“ Die Erneuerung der Spielverordnung, die in wenigen Monaten in Kraft tritt, wartet mit Verschärfungen auf, sei aber nur „ein erster Schritt in die richtige Richtung“, sagt Experte Meyer.

So kann man sich vor Glücksspielsucht schützen

Wie sieht auffälliges Spielverhalten aus? Professor Gerhard Meyer von der Universität Bremen spricht von neun Symptomen für eine Diagnose Spielsucht. Glücksspiel als Lebensinhalt, Kontrollverlust oder das Hinterherjagen von Verlusten seien drei beispielhafte Anzeichen. „Sind mindestens vier Symptome erkennbar, spricht man von pathologischem, süchtigem Spielverhalten; bei zwei oder drei von gefährdetem Spielverhalten“, so Meyer. Grund fürs Zocken sei in erster Linie der Gewinnanreiz, aber auch die Flucht vor Alltagsproblemen. Und wie kann man sich vor der Spielsucht schützen? „Man sollte sich über die Gewinnwahrscheinlichkeiten informieren und sich zeitliche sowie finanzielle Limits setzen“, sagt Meyer. Sollte dies nicht gelingen, sei Gefahr im Verzug. Zudem weist der Psychologie-Professor auf die Hilfe der Bremer Fachstelle Glücksspielsucht und der zentralen Beratungsstellen hin.

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