Ex-Bürgermeister von Bremen im Interview Koschnick: "Ein neues Gesicht musste her"

Altbürgermeister Hans Koschnick (SPD) spricht im Interview mit Frank Hethey unter anderem über seinen Rücktritt vor 30 Jahren und die aktuelle Flüchtlingskrise.
17.09.2015, 00:00
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Von Frank Hethey

Altbürgermeister Hans Koschnick (SPD) spricht im Interview mit Frank Hethey unter anderem über seinen Rücktritt vor 30 Jahren und die aktuelle Flüchtlingskrise.

Herr Koschnick, Ihr Rücktritt vor 30 Jahren war keine spontane Entscheidung. Muss man die Werftenkrise als Auslöser dafür sehen?

Hans Koschnick: Nein. Ein Teil meiner Politik wurde von der Partei nicht mehr voll mitgetragen. Zumindest nicht mehr im gleichen Umfange mitgetragen wie vorher. Aber das war nicht der tiefere Grund. Ich war über 20 Jahre dabei, jetzt musste ein neues Gesicht her. Das war meine eigene Entscheidung. Das war ein ganz normaler Vorgang.

Und daran konnte auch der überraschende Wahlsieg vom 25. September 1983 nichts ändern? Die SPD hatte mit 51,4 Prozent die absolute Mehrheit errungen und damit noch zwei Prozent mehr geholt als vier Jahre zuvor.

Nein. Für mich hat die Diskussion vorher eine entscheidende Rolle gespielt. Für mich war klar: Wenn man in der Werftenfrage nicht mehr die gleiche Unterstützung erfährt, wenn man da eine Diskussion hat über das Notwendige und weniger Notwendige, dann muss man Platz machen, dann müssen Jüngere ran und die Aufgabe lösen.

Weil es Differenzen mit der Landesparteiführung über opportune Wahlversprechen gab?

Die Kernfrage war doch: Kann man den Werftarbeitern noch ein Jobversprechen machen oder nicht? Ich wusste: Wir schaffen es nach den vielen Versuchen nicht mehr, die Werft zu retten. Und dann habe ich mich geweigert, den Leuten etwas zu versprechen, von dem ich wusste, ich kann’s nicht halten. Dass das Wahlergebnis nun ein Erfolg wurde, das war ja ein Zufall.

Sind Sie da nicht zu bescheiden? Der Wahlsieg war doch ein persönlicher Vertrauensbeweis für Sie.

Mag ja sein. Aber dagegen standen 2000 Arbeiter, die keinen Job mehr hatten. Wer will da von Vertrauensbeweis sprechen? Das ist höchstens ein Beweis dafür, dass man sich bemüht hat.

Haben Sie die AG-Weser-Pleite als persönliche Niederlage empfunden?

Nein. Aber als Niederlage in der Sache. Für mich war die Werftenfrage und ist die Werftenfrage auch heute noch von besonderer Bedeutung für eine Hafenstadt wie Bremen.

Hätten Sie sich da auch mehr Unterstützung gewünscht von den Unternehmensleitungen?

Dreimal dürfen Sie raten.

Dass Sie zur Mitte der Legislaturperiode zurückgetreten sind, dürfte pragmatische Gründe gehabt haben: Der Nachfolger sollte die Chance haben, sich einzuarbeiten.

Das war doch ganz selbstverständlich. Nur wenn’s nicht mehr klappt, kann man auch vorher zurücktreten. Aber wann immer es geht, ist es vernünftig, dem Nachfolger die Möglichkeit zu geben, sich im Amt einzuarbeiten.

Also ein geordneter Übergang?

So ist es. Wie bei Kaisen, der ist auch in der Mitte der Legislaturperiode zurückgetreten.

Ihr Nachfolger, Klaus Wedemeier, hat von einem „Bruch in Ihrer Biografie“ gesprochen. Nach der Werftenkrise seien Sie nicht mehr derselbe gewesen. Würden Sie das auch so sehen?

Ich war auch nicht mehr derselbe. Die Werftenpleite der AG Weser hat natürlich jeden mitgenommen, der die AG Weser aus direkter Nachbarschaft kannte. Denken Sie daran: Ich bin Gröpelinger! Es war sozusagen unsere Hauswerft. Und wenn da was kaputtgeht, ist man nicht mehr der gleiche. Man kann doch nicht einfach zur Tagesordnung übergehen, wenn Tausende Arbeiter ihren Job verlieren.

Hätte es denn noch andere Handlungsoptionen gegeben?

Wir konnten die Pleite nicht verhindern. Eigentümer war Krupp. Der wollte nicht mehr.

So viel zu Kaisens Ideal vom Bündnis von Arbeiter- und Kaufmannschaft, dass man an einem Strang zieht...

... wenn man konnte. Unter Kaisen ist Borgward kaputt gegangen.

Es gab Anfeindungen gegen Ihre Person von Seiten der Gewerkschaften. Das muss schmerzhaft für Sie gewesen sein, für Sie als Gewerkschafter.

Die hatten das Problem: Wie können wir den Laden retten? Es ging um ihre Kollegen, um ihre Mitarbeiter. Und es ging darum: Hoffentlich schafft er das! Aber sie wussten natürlich, dass ich kein Eigentümer war.

Aber Sie sind ja trotzdem persönlich verantwortlich gemacht worden.

Ja, gut, gut. Aber die Bevölkerung hat mich trotzdem gewählt. Was die Menschen gedacht haben, hat sich am Wahlergebnis gezeigt.

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre Amtszeit als Bürgermeister, auf welche Dinge sind Sie wirklich stolz?

Jedenfalls nicht auf den Untergang der AG Weser. Aber wir haben Daimler-Benz aufgebaut. Da haben wir die gleiche Zahl der Arbeitskräfte, die wir bei der Borgward-Pleite verloren hatten, dann wiederbekommen, wenn auch mit einiger Verspätung. Wir haben die Universität gebaut. Und wir haben die modernen Hafenanlagen in Bremerhaven gebaut.

Damit blieb Bremen konkurrenzfähig.

Natürlich! Denn wohin sind die Containerschiffe gefahren? Doch nicht nach Bremen! Die sind nach Hamburg gegangen oder nach Amsterdam. Oder Rotterdam. Wir haben den Verkehr nach Bremerhaven gezogen.

Werfen wir noch einen Blick auf die Flüchtlingskrise. Kein unbekanntes Thema für Sie, weil Sie nach Ihrer Zeit als Bürgermeister als EU-Beauftragter in Mostar tätig waren und danach als Flüchtlingsbeauftragter der Bundesregierung auch noch mit Flüchtlingsfragen zu tun hatten. Was für Optionen sehen Sie heute für die Politik?

Grundsätzlich hätten wir sehr viel früher reagieren müssen auf das, was sich im Nahen Osten abspielt. Aber wir können nicht verhindern, dass im Nahen Osten Kriege ausbrechen, wenn die Partner in einer Region sich in die Wolle kriegen. Egal, wie wir in Berlin dazu stehen, die Syrer und die anderen hätten sich weitergeprügelt.

Und wie sieht es aus mit den sogenannten Wirtschaftsflüchtlingen? Die hat es streng genommen auch in früheren Zeiten schon gegeben: Deutsche, die nach Amerika ausgewandert sind...

Weil die Menschen überall Kohldampf geschoben haben. Es ist immer schon dasselbe! Da ist vieles Wiederholung. Und kann sich hinziehen: Die Völkerwanderung dauerte über 1000 Jahre. Es werden immer Menschen kommen.

Und jetzt werden erste Rufe nach einem Einwanderungsgesetz laut.

Das brauchen wir auch, damit wir klare Regeln haben. Wie viele Ausnahmen sind gemacht worden, um Sportler oder Künstler zu gewinnen, die deutsche Staatsbürgerschaft anzunehmen. Der nächste, der kam, hörte dann aber: Du gehörst nicht zu uns, du wirst nicht aufgenommen.

Eben darum die Forderung nach einem Einwanderungsgesetz als Ergänzung zur Asylgesetzgebung.

Aber es klingt einfacher als es ist. Wenn ich als Betroffener Angst in der Hose habe, dann renne ich. Und warte nicht, bis andere eine Lösung gefunden haben. Wer auf dem Balkan war, weiß, was es bedeutet, wenn sich Volksgruppen in die Wolle kriegen. Deswegen ist es nicht eine politische Frage allein, nicht allein eine Frage der Sicherheit. Es ist auch die Frage: Kann ich mich in dieser Umwelt noch wohl fühlen? Oder muss ich weg?

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Zur Person: Hans Koschnick trat am 17. September 1985 als Bürgermeister und Präsident des Senats zurück. Damit ging eine 18-jährige Amtszeit zu Ende: Im November 1967 hatte der populäre SPD-Politiker die Nachfolge seines glücklosen Vorgängers Willy Dehnkamp angetreten. Bereits 1963 war er unter Wilhelm Kaisen zum Innensenator aufgestiegen. Auch nach seinem Rücktritt als Bürgermeister blieb der heute 86-jährige Koschnick auf der politischen Bühne aktiv, etwa als EU-Beauftragter für Mostar in Bosnien-Herzegowina (1994 bis 1996), Beauftragter der Bundesregierung für Flüchtlingsrückkehr in Bosnien und Herzegowina (1998/99) und als Vorsitzender des Lenkungsausschusses für Flüchtlingsfragen im Stabilitätspakt für Südosteuropa (2000/01).

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