Mehrere Fälle in Bremen

Krähen attackieren Menschen

Bremen. Es ist wieder die Zeit der Krähenattacken. Wie in jedem späten Frühjahr gehen die Vögel auf Menschen los, weil sie ihre Brut gefährdet sehen. Zwei Fälle in dieser Woche, die beweisen, wie aggressiv die Vögel werden können.
08.06.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Krähen attackieren Menschen
Von Jürgen Hinrichs

Es ist wieder die Zeit der Krähenattacken. Wie in jedem späten Frühjahr gehen die Vögel auf Menschen los, weil sie ihre Brut gefährdet sehen. Zwei Fälle in dieser Woche, die beweisen, wie aggressiv die Vögel werden können.

Bremen. In Bremen gibt es nach Schätzungen der Umweltbehörde rund 3000 Rabenkrähen. Ein Maximalbestand, denn mehr Platz zum Brüten ist nicht da. Sind die Küken im Frühjahr erst einmal geschlüpft, kommt es immer wieder zu Attacken der Eltern, die ihre Jungtiere gefährdet sehen. Die Krähen gehen auch auf Menschen los. So wie in dieser Woche.

Halb sieben am Morgen, das Wetter ist schön, und Ellen Gutschmidt macht sich auf den Weg; sie will joggen gehen. Alles gut auf den ersten Metern, doch dann passiert es, an der Kleinen Weser gegenüber vom Teerhof: "Eine kam von vorn, eine von hinten", erzählt die 29-Jährige. Krähen im Sturzflug, sie fliegen Attacke. "Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich habe geschrien. Es war gruselig." Die schwarzen Vögel flogen immer weiter hinter ihr her, bis sie irgendwann abgedreht sind, weil sie woanders Gefahr witterten und auf die nächsten Menschen losgingen. "Erst war es ein alter Mann und dann ein Radfahrer, dem haben sie in den Nacken gehackt", hat Ellen Gutschmidt beobachtet. Sie ist zurück nach Hause und hat die Polizei angerufen. "Die Beamten haben mir gesagt, dass sie nichts machen könnten, es sei Brutzeit; da sei das so mit den Krähen."

Ein Erlebnis in dieser Woche, und nicht das einzige dieser Art. Am gleichen Tag bekam die Polizei einen Anruf vom Hausmeister der Bürgermeister-Smidt-Schule an der Contrescarpe. "Kinder und Eltern werden auf dem Schulhof von Krähen angegriffen", meldete der Mann.

Ein Vater sei leicht am Kopf verletzt worden und habe den Arzt aufsuchen müssen. Die Polizei schickte einen Streifenwagen. Wie sich zeigte, waren Krähenküken aus dem Nest gefallen, und die Eltern, keine Rabeneltern in dem Fall, wollten ihren Nachwuchs schützen. In jedem Frühjahr kommt es in Bremen zu solchen Zwischenfällen. "Die Menschen erleben eine Neuauflage von Hitchcocks ,Die Vögel’", sagt Polizeisprecher Nils Matthiesen. Er empfiehlt für solche Situationen, langsam zurückzuweichen, die Polizei zu verständigen und gegebenenfalls andere Passanten zu warnen.

Vor sechs Jahren musste an derselben Stelle, wo die Joggerin in dieser Woche angegriffen wurde, eine Krähe erschossen werden. Sie wollte ihre Jungtiere verteidigen und war dermaßen aggressiv, dass die Polizei einen Jäger herbeirief, um den Vogel "waidmännisch zu erlegen".

Eine Ausnahme, und nur möglich, weil die Polizei diese Entscheidung traf, denn ansonsten dürfen die Krähen in Bremen nicht bejagt werden. Im engeren Bereich der Stadt sowieso nicht, aber auch außerhalb, in der Natur, gilt das ganzjährige Verbot. "Krähen unterliegen dem Naturschutzrecht und nicht dem Jagdrecht, wie zum Beispiel in Niedersachsen", erklärt eine Behördensprecherin. Einzelne Ausnahmegenehmigungen gebe es nur für Hofstellen, wenn die Landwirte sich dagegen wehren wollen, dass die Krähen ihre Silofolie kaputt picken.

Die Anzahl der Rabenkrähen in Bremen ist nach Angaben der Naturschutzbehörde in den vergangenen Jahren relativ konstant geblieben und liegt bei rund 3000 Tieren. "Bis ungefähr zur Jahrtausendwende gab es einen kontinuierlichen Anstieg, weil die Vögel gemerkt haben, dass sie in der Stadt sicher leben können und dass genügend Futter vorhanden ist", sagt Henrich Klugkist, der beim Umweltsenator für den Vogelschutz zuständig ist. Mittlerweile seien die Brutplätze in der Stadt aber so gut wie alle belegt. Schon von daher könne die Population nicht weiter anwachsen.

Mehr werden es also nicht, aber auch so machen die Vögel offensichtlich Probleme. Der Stadtjägermeister kann deshalb nicht verstehen, warum nicht gezielt und vereinzelt eingegriffen werden kann. "Schießt man so einen Vogel, merken es die anderen und bleiben weg", sagt Harro Tempelmann. Krähen vergrämen, damit die Bodenbrüter in Ruhe gelassen werden – für Tempelmann wäre das legitim. "Dass nicht geschossen werden darf, ist reine Ideologie", kritisiert der Jäger.Gleichzeitig weiß aber auch Tempelmann: "Krähen sind überaus schlau, die kann man nicht im großen Stil bejagen." Die Vögel lernen ihre Feinde kennen und gehen ihnen aus dem Weg. Oder, wie gesehen, auch mal andersherum – wenn Brutzeit ist.

Die Rabenkrähe

n Die Rabenkrähe (Corvus corone) gehört zur Familie der Rabenvögel und ist ein Allesfresser. Sie wird zwischen 47 und 50 Zentimeter groß bei einer Flügelspannbreite von rund 70 Zentimetern. Sie kann rund 15 Jahre alt werden und lebt in Einehe. Zwischen April und Mai legt das Weibchen zwei bis fünf Eier. Im Gegensatz zur Saatkrähe nistet die Rabenkrähe einzeln und nicht in Kolonien.

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