Jugendliche reisten nach Polen und dokumentierten ihre Fahrt per Film

Krakau und Auschwitz interreligiös

Eine interreligiöse Jugendgruppe reiste jetzt nach Krakau und setzte sich mit Religion und Geschichte auseinander. Derzeit entsteht ein Film über die Reise, der in Schulen gezeigt werden soll.
12.06.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sandy Bradtke

Eine interreligiöse Jugendgruppe reiste jetzt nach Krakau und setzte sich mit Religion und Geschichte auseinander. Derzeit entsteht ein Film über die Reise, der in Schulen gezeigt werden soll.

Zwölf Jugendliche mit muslimischem, christlichem und jüdischem Hintergrund reisten Ende Mai für sechs Tage nach Krakau. Die Jugendgruppe besuchte auch das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz. Die Reise des Projekts Stadtplan der Religionen in Kooperation mit der Evangelischen Gemeinde Horn sowie dem Jüdischen Gemeindezentrum in Krakau hatte nicht nur einen geschichtlichen Hintergrund. Die Teilnehmer sollten auch den religiösen Alltag voneinander kennen lernen.

Vor der Reise fanden verschiedene Workshops statt, in denen die Sicht der Jugendlichen im Alter von 16 bis 23 Jahren auf den eigenen Glauben in bewegte Bilder umgesetzt wurde. Mit Kamera und Mikrofon porträtierten sie sich gegenseitig. Die Kamera war auch in Krakau ein ständiger Begleiter der Gruppe. „Wir haben insgesamt neun Stunden Videomaterial aus dem ein größerer Dokumentarfilm über die Reise entstehen soll“, berichtet Pastor Stephan Klimm von der Evangelischen Kirchengemeinde Horn. Gemeinsam mit Irina Drabkina aus Findorff und Anne Kauhanen aus der Neustadt vom Stadtplan der Religionen begleitete er die Jugendgruppe in die polnische Stadt.

Das Erlebte soll laut Klimm an andere Jugendliche weitergetragen werden. Der fertige Film wird nach den Sommerferien in vielen Schulen vorgestellt. „Die Begegnungen vor Ort waren sehr bewegend und wichtig“, betont Klimm. Die Organisation und Planung des Ablaufs vor Ort übernahm das Jüdische Gemeindezentrum in Krakau.

„Es ging darum, eine Brücke aus der Vergangenheit mit der Vernichtung der Juden hin zu heutigem aktiven jüdischen Leben zu schlagen“, erklärt Drabkina. Genau danach haben die Verantwortlichen auch die Reise benannt: Brückenschlag. Gefördert wurde das Projekt von der Sparkasse Bremen und der Waldemar Koch Stiftung.

Ein schönes Erlebnis während des Besuchs in Krakau sei für den 16-jährigen jüdischen Alexander aus der Neuen Vahr Nord die Sabbatfeier gewesen. „Wir haben verschiedene Jugendliche dort getroffen und gemeinschaftlich den Sabbat gefeiert“, erzählt Alexander. „Das war sehr schön andere zu treffen und Kontakte zu knüpfen.“

Der Umgang untereinander sei der interreligiösen Jugendgruppe nicht schwer gefallen. „Wenn wir über unsere Religionen reden, kommen wir immer irgendwann an einen Punkt, an dem wir uns nicht mehr verstehen“, sagt Isabell Koch aus Horn. „Das ist aber nicht schlimm, wenn man das akzeptiert. Dann reden wir eben wieder über etwas anderes“, so die 18-Jährige. „Wir suchen auch eher nach Gemeinsamkeiten als nach Unterschieden“, ergänzt dazu die 16-jährige Mariya aus Blockdiek.

Für Büsra Özdal (21) aus Gröpelingen sei die Reise nach eigener Aussage als Muslime spannend gewesen: „Ich habe mich gefreut, andere Muslime dort zu treffen.“ Es habe während der Zeit schöne, aber auch traurige Momente gegeben. Die Verbrechen, die in Auschwitz an den deportierten Menschen von dem NS-Regime verübt wurden, sind für die Jugendlichen schwer greifbar. „An den Stellen zu stehen, an denen Menschen erschossen, verbrannt und gequält wurden, war sehr extrem“, erzählt die 17-jährige Sihana aus Huchting. „Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die so etwas tun. Man sieht statt Menschen nur noch Monster vor sich.“

Die systematische Ermordung der Juden in Auschwitz habe die Mechanismen eines Fabrikablaufs, so Irina Drabkina: „Ich habe mich sehr viel mit den Schicksalen der Ermordeten beschäftigt, aber wenn man dort vor Ort etwas über die damaligen Abläufe im KZ hört, nimmt man das menschliche nicht mehr richtig wahr.“ Den Menschen seien ihre Namen weggenommen und durch Nummern ersetzt worden. In einer Zeremonie im KZ Auschwitz-Birkenau erzählte jeder Jugendliche etwas aus der Biografie eines dort ermordeten Bremers und nannte seinen Namen. „Man steht dort, ist hilflos und hat den Drang und den Wunsch etwas vor Ort zutun“, sagt Drabkina.

Das Projekt soll im kommenden Jahr fortgesetzt werden. „Wir würden dann gern mit den möglichst gleichen Jugendlichen, die bei der Reise nach Krakau dabei waren, nach Jerusalem fahren“, erläutert Anne Kauhanen. „Dort wollen wir uns dann den Ursprung der monotheistischen Religionen vor Ort anschauen und wieder eine Brücke schaffen von der Vergangenheit zur heute durchaus schwierigen aktuellen Lage.“

Lehrkräfte, die den Reise-Film im Unterricht zeigen wollen, können sich per E-Mail an info@stadtplan-der-religionen.de wenden.

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