Kliniken auf Dauer mit weniger Kapazität

Auslastung der Bremer OP-Säle noch nicht bei 100 Prozent

Die Auslastung der OP-Säle in den Bremer Krankenhäusern ist noch immer niedriger, als vor Corona. Und das wird auf absehbare Zeit wohl auch so bleiben.
23.07.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Auslastung der Bremer OP-Säle noch nicht bei 100 Prozent
Von Timo Thalmann

Die neue Normalität mit Corona im Krankenhaus bedeutet dauerhaft gesenkte Operations-Kapazitäten. „Gemessen an der Zeit vor Corona liegt unsere Auslastung derzeit bei 92 Prozent und mehr ist nicht möglich“, berichtet Karen Matiszick, Sprecherin des Bremer Krankenhausverbundes Gesundheit Nord (Geno). Ein begrenzender Faktor ist weiterhin die Zahl der Intensivbetten für die Tage nach einer schweren Operation. Nach wie vor sei man verpflichtet, in diesem Bereich Kapazitäten für Covid-19-Patienten freizuhalten und so zu planen, dass kurzfristig weitere Betten zur Verfügung gestellt werden könnten, erläutert Matiszick. Auch die internen Abläufe sehen jetzt aufgrund der strengen Hygienevorschriften etwas anders aus.

Das betrifft so einfache Dinge wie die Frage, welche Wege durch die Kliniken führen, um Bereiche mit infektiösen Patienten von anderen Teilen des Gebäudes zu trennen. Aber auch Vorräte und Beschaffung von Schutzkleidung und Masken seien nach wie vor ein Thema. „Insofern werden wir auch nicht zu einem echten Normalbetrieb zurückkehren können, solange die Pandemie andauert. Und wie lange das sein wird, kann derzeit wohl niemand vorhersagen“, sagt Matiszick.

Deutliche Steigerung

Tatsächlich ist dieser neue Normalbetrieb schon eine deutliche Steigerung gegenüber den vorhergehenden Monaten. „In der Zeit von Mitte März bis Mitte Mai haben wir rund 35 Prozent weniger Operationen durchgeführt als im gleichen Zeitraum des Vorjahres“, rechnet Matiszick vor. In absoluten Zahlen: Statt rund 8000 Operation, die 2019 in diesem Zeitraum 2019 durchgeführt wurden, waren es 2020 im selben Zeitraum nur rund 5200. Von deutlich verlängerten Wartelisten für anstehende Eingriffe spricht darum jetzt zum Beispiel Heiner Wenk, Direktor der Klinik für Allgemein-, Gefäß- und Visceralchirurgie am Klinikum Bremen-Nord. „Ich hatte da zuletzt rund 70 Patienten, die einen Termin benötigen.“

Hintergrund der gesunkenen OP-Zahlen war die Vorgabe der Bundesregierung an die Kliniken, während der Conora-Pandemie planbare Eingriffe aufzuschieben, wenn es medizinisch vertretbar ist. So sollten mehr Kapazitäten auf den Intensivstationen geschaffen werden. „Das sind natürlich immer Einzelfallentscheidungen gewesen“, sagt Wenk. Gleichwohl gibt es Operationen, bei denen die Möglichkeit einer Verschiebung wahrscheinlicher ist. Das sind etwa orthopädische Eingriffe. „Bei einem künstlichen Hüftgelenk oder einem Knie kommt es je nach Umstand nicht auf ein paar Wochen an. Bei einem Krebstumor sieht das anders aus“, sagt Wenk, der auch Vorsitzender der Bremer Krebsgesellschaft ist.

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Doch auch das kam vor, wie aus einer internationalen Studie der Universität Birmingham hervorgeht, über die das Ärzteblatt berichtet. Grundlage waren Daten von 359 Kliniken aus 71 Ländern, die dann weltweit hochgerechnet wurden. Daraus ergibt sich zum Beispiel für Deutschland eine Zahl von über 900.000 aufgeschobenen Operationen, darunter auch rund 50.000 Tumor-Operationen. Das seien 24 Prozent aller Eingriffe bei Krebserkrankungen.

Wenk machen zudem zahlreiche ebenfalls wegen Corona aufgeschobene Vorsorgeuntersuchungen Sorge. „Statistisch betrachtet müssen sie 800 Darmspiegelungen vornehmen, um einen Darmkrebs zu entdecken“, erläutert der Chirurg. Wie viele dieser auch ambulant möglichen, sogenannten Koloskopien, in den zurückliegenden drei Monaten in ganz Deutschland nicht vorgenommen wurden, wisse niemand mit Sicherheit. „Aber die Folge werden vermutlich mehr Krebserkrankungen sein, die zu einem späteren Zeitpunkt entdeckt werden, wenn die Heilungschancen bereits geringer sind.“ Wenks ärztlicher Rat lautet deshalb, die Möglichkeiten der Vorsorge auch jetzt unbedingt in Anspruch zu nehmen.

Folgen noch unklar

Unklar ist, welche Folgen die aufgeschobenen Eingriffe für das Medizinsystem haben. Künftig längere Wartezeiten für einen geplanten OP-Termin wären eine logische Konsequenz, doch ob es sich so entwickelt, mag niemand bestätigen. „Aktuell beobachten wir das nicht“, sagt Matiszick. Wo es möglich ist, seien Betroffene unter Umständen auf einen ambulant durchgeführten Eingriff ausgewichen.

Allerdings wurde auch bei den niedergelassenen Ärzten das Angebot corona-bedingt eingeschränkt. So gab es zum Beispiel die Empfehlung, Untersuchungen bei chronisch Kranken im zweiten Quartal auszusetzen. Das betrifft Frauen und Männer beispielsweise mit Diabetes, koronarer Herzkrankheit oder chronischer Bronchitis. Gewöhnlich nehmen solche Langzeit-Patienten an Desease-Management-Programmen (DMP) teil, die regelmäßig in jedem Quartal einen Arztbesuch vorschreiben, um frühzeitig Verschlechterungen des Krankheitsbildes festzustellen. Inzwischen haben die Arztpraxen die ursprüngliche Besuchsfrequenz alle drei Monate aber offenbar weitgehend wieder hergestellt.

Ähnliches berichtet auch Jörg Bauer, Hauptgeschäftsführer der Bremer Zahnärztekammer, für seine Zunft. „Wir haben seit Juli eigentlich wieder Normalbetrieb in den Praxen.“ Der zwischenzeitliche Einbruch, der den Zahnärzten noch im April große Sorgen bereitete, sei im Rückblick auch nicht so gravierend ausgefallen wie zunächst angenommen.

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