Krankenkassen werten Daten aus

In Bremen steigen Fehltage trotz Corona nicht an

Die Fehlzeiten von Arbeitnehmern könnten in Zeiten von Corona ansteigen, zumal, wenn eine telefonische Krankschreibung möglich ist, fürchtete mancher. Neue Daten zeigen, dass eher das Gegenteil der Fall war.
04.08.2020, 05:00
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In Bremen steigen Fehltage trotz Corona nicht an
Von Sara Sundermann
In Bremen steigen Fehltage trotz Corona nicht an

Anfangs meldeten sich nach dem Corona-Ausbruch mehr Menschen krank, danach nahmen die Fehlzeiten deutlich ab. Ein Grund dafür könnte die Arbeit im Homeoffice sein.

Sebastian Gollnow, DPA

Die Pandemie hat offenbar bisher nicht dazu geführt, dass sich Beschäftigte häufiger krank melden. Das geht aus einer aktuellen Auswertung der Krankenkasse DAK hervor. Insgesamt blieb der Krankenstand demnach im ersten Halbjahr 2020 stabil bei 4,2 Prozent, obwohl es aufgrund von Corona noch bis Ende Mai die telefonische Krankschreibung gab.

Zugleich hinterlasse Corona beim näheren Hinsehen schon Spuren, stellt man bei der DAK fest: Fast jeder fünfte Fehltag (18,3 Prozent) sei 2020 auf eine Atemwegserkrankung zurück zu führen – ein Anstieg um zwölf Prozent. Noch häufiger waren Muskel-Skelett-Probleme (20,7 Prozent).

Die DAK war zuletzt mit rund 5,6 Millionen Versicherten als drittgrößte Krankenkasse in Deutschland gelistet. Ausgewertet wurden die Daten von 2,2 Millionen DAK-versicherten Beschäftigten bundesweit. Die Auswertung zeigt: Erhöht war der Krankenstand vor allem im Lockdown-Monat März, da lag sie bei 5,5 Prozent. Im April ging der Wert zurück und erreichte der Kasse zufolge in den Monaten Mai und Juni mit 3,4 beziehungsweise 2,4 Prozent Tiefstände.

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„Unsere Befragung zeigt, dass Arbeitnehmer verantwortungsbewusst mit der telefonischen Krankschreibung umgehen“, sagt Jens Juncker, Landeschef der Bremer DAK-Gesundheit. Homeoffice werde positiv aufgenommen. „Hier zeigt sich während der Pandemie eine positive Tendenz: Der Anteil der täglich gestressten Arbeitnehmer geht um 29 Prozent zurück.“ Das könnten Gründe für zufriedeneres und gesünderes Arbeiten sein, so Juncker. Regionale Zahlen für Bremen und Niedersachsen lagen der DAK am Montag nach eigenen Angaben noch nicht vor. Der Trend, dass Krankmeldungen im März zunächst anstiegen und danach stark abnahmen, sei aber bundesweit fast einheitlich festzustellen, so Juncker.

Die Techniker Krankenkasse kann für Bremen für die Monate bis Ende Mai belastbare Zahlen zum Krankenstand nennen. Auch hier zeigt sich, dass sich nach dem Ausbruch von Corona in Deutschland anfangs kurzzeitig deutlich mehr Bremer TK-Versicherte krank meldeten, in den Wochen und Monaten danach aber weniger als vor Corona. Beispielsweise lag der Krankenstand Mitte März 2020 bei 6,2 Prozent, im Vorjahr zur selben Zeit dagegen bei nur 4,5 Prozent. Diese erhöhten Zahlen sind nur im März zu beobachten, danach kehrt sich der Trend um: Im Mai gab es der TK zufolge in diesem Jahr beispielsweise zum Teil einen Krankenstand von 3,2 Prozent statt 3,8 Prozent im Vorjahr.

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„Der hohe Krankenstand zu Beginn der Corona-Pandemie im März lässt sich vermutlich damit erklären, dass viele Arbeitgeber ihre Mitarbeiter sensibilisiert haben, bei Erkältungssymptomen lieber nicht ins Büro zu kommen“, sagt Susanne Klein, Leiterin der TK-Landesvertretung in Bremen. Der „auffällig starke Rückgang im Sommer“ habe vermutlich mehrere Gründe: Durch verbesserte Hygienemaßnahmen und mehr Homeoffice hätten sich weniger Menschen mit anderen Infektionen angesteckt, es sei zu weniger Unfällen beim Sport oder auf dem Weg zur Schule und zur Arbeit gekommen, geplante Behandlungen seien zudem verschoben worden. Die TK ist bundesweit die größte Krankenkasse und im Land Bremen mit rund 72 000 Versicherten die drittgrößte Kasse.

Homeoffice könne ein Grund für vergleichsweise geringe Krankenstände sein, sagt auch Barbara Reuhl, Referentin für Gesundheitspolitik bei der Arbeitnehmerkammer Bremen. „Viele mit einer leichten Erkrankung werden sich gedacht haben: Zu Hause kriege ich das schon hin zu arbeiten, ich ziehe mir warme Socken an und mache mir noch einen Tee mehr.“ Auch Kurzarbeit könne zu weniger Krankmeldungen führen, sagt Reuhl: Wer weniger arbeite, habe vielleicht mehr Zeit, sich auszuruhen und auszukurieren. Corona habe zwar für viele neuen, andersartigen Stress und Zukunftssorgen mit sich gebracht, aber andererseits auch oft für Entschleunigung gesorgt.

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Falls Kurzarbeit in den Daten von DAK und TK nicht berücksichtigt sei, dürfte dies ein wesentlicher Faktor für geringe Fehlzeiten sein, sagt Cornelius Neumann-Redlin, Geschäftsführer der Unternehmensverbände im Land Bremen. „Wer komplett in Kurzarbeit ist, lässt sich nicht krank schreiben, und wer nur zwei Tage pro Woche arbeitet, produziert ebenfalls weniger Fehltage.“

Ein weiterer Grund könne sein, dass viele Menschen nicht zum Arzt gingen, weil sie fürchteten, sich in der Praxis anzustecken: „Die Möglichkeit, sich telefonisch krank schreiben zu lassen, dürfte nicht allen bekannt sein.“ Zudem habe es in wirtschaftlichen Krisen in der Vergangenheit oft geringere Fehlzeiten gegeben, so Neumann-Redlin: Beschäftigte meldeten sich zum Teil nicht krank aus Angst, ihren Job zu verlieren. „Diese Sorge könnte eventuell auch jetzt ein Faktor sein.“

Welche Bedeutung existenzielle Ängste für die Gesundheit haben können, betont auch die DAK: „Einen Anstieg von sieben Prozent gibt es bei psychischen Erkrankungen, insbesondere bei Depressionen“, heißt es in einer Mitteilung. Ängste und Depressionen machte am Montag auch die Kaufmännische Krankenkasse (KKH) zum Thema: Dort stellt man für das erste Halbjahr 2020 einen Zuwachs von 80 Prozent bei Krankschreibungen aufgrund psychischer Leiden fest.

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