Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil liest im Haus im Park aus ihrem neusten Buch Krankheit als Kraftquelle

Hauptsache gesund? Annelie Keil ist der Meinung, dass der „Gesundheitswahn“ der Gesellschaft die Menschen krank macht – und hat ein Buch darüber geschrieben, wie sich Krankheit als Teil des Lebens akzeptieren lässt. In „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt“ plädiert sie für einen neuen Umgang mit der eigenen Diagnose. Warum diese auch etwas Gutes sein kann, hat Keil jetzt bei der Lesung aus ihrem Buch im Haus im Park zur Diskussion gestellt.
29.01.2015, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Tobias Meyer

Hauptsache gesund? Annelie Keil ist der Meinung, dass der „Gesundheitswahn“ der Gesellschaft die Menschen krank macht – und hat ein Buch darüber geschrieben, wie sich Krankheit als Teil des Lebens akzeptieren lässt. In „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt“ plädiert sie für einen neuen Umgang mit der eigenen Diagnose. Warum diese auch etwas Gutes sein kann, hat Keil jetzt bei der Lesung aus ihrem Buch im Haus im Park zur Diskussion gestellt.

Annelie Keil ist gerade 76 Jahre alt geworden. Auf den Karten zu ihrem Geburtstag stand vor allem stets ein Wunsch geschrieben: Gesundheit. „Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe, als gesund zu sein“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. Sie sagt es mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen; sie weiß, dass diese These provoziert. Vor allem hier, an diesem Donnerstagabend im Haus im Park auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Ost. Vor einem Publikum, in dem viele Menschen sitzen, die sich ganz neu oder seit langer Zeit mit einer Diagnose herumschlagen müssen.

Sie sagt es, obwohl – oder gerade weil – sie selber an Brustkrebs erkrankte und einen Herzinfarkt hinter sich gebracht hat. Annelie Keil sagt es, weil sie davon überzeugt ist, dass Krankheit auch eine Chance sein kann: „Krankheit fordert uns kritisch und zärtlich dazu auf, das Leben neu in die Hand zu nehmen“, schreibt sie in ihrem neuen Buch „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt.“

Das Leben neu in die Hand nehmen – das musste auch Annelie Keil immer wieder seit ihrer Kindheit. Als uneheliches Mädchen wird sie ins Waisenhaus gesteckt, wächst dort die ersten fünf Jahre ohne Eltern auf, bis ihre Mutter sie 1945 abholt. Auf der Flucht werden sie von russischen Soldaten gefasst, verbringen zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft.

Annelie Keil lässt sich von diesem schwierigen Start ins Leben jedoch nicht unterkriegen, macht Abitur, studiert Soziologie und Politikwissenschaften, Psychologie und Pädagogik, promoviert, gründet die Universität Bremen mit, erhält später das Bundesverdienstkreuz. Auch Krankheiten können sie in all der Zeit nicht daran hindern, den Mut zum Leben nicht zu verlieren. „Es gibt mit jeder neuen Herausforderung auch neue Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens“, sagt Keil.

Dieser Frage versucht die heute am Rande von Schwachhausen lebende Gesundheitswissenschaftlerin auch in ihrem neuen Buch auf den Grund zu gehen. Darauf findet sie viele Antworten, die manchmal einfach sind („Leben ist Liebe“; „Dasein ist immer Mitsein“) und manchmal herausfordernd („Ein Kranker übt sich in der Vergänglichkeit des Lebens“; „Leben spüren heißt Weiten und Grenzen spüren“).

Meistens aber wirken ihre Antworten klug, auch durch die vielen wissenschaftlichen Erkenntnisse und eigenen Erfahrungen in der Arbeit mit Kranken, die die Grundlage für Keils Überlegungen bilden. Da ist zum Beispiel Frau M., von der Annelie Keil erzählt: Frau M. ist alt und dement. Sie spricht kaum noch ein Wort. Keil bringt ihr eines Tages Dosen mit Düften mit und plötzlich ruft Frau M.: „Vanille!“ und fängt an über ihre Kindheit zu sprechen und über ihre Mutter und über das, was ihr in Erinnerung geblieben ist – der selbst gemachte Vanillepudding, der Höhepunkt der Mahlzeit in einer Zeit, in der es kaum etwas gab.

„Diese Erinnerungsinseln bei Dementen müssen berührt werden“, sagt Keil, die über die gesamte Lesung betont, wie wichtig Berührungen in jeder Hinsicht für die Lebensqualität eines Einzelnen sind. „Wer krank ist, ist eben auch gesund – er kämpft um jeden Teil, der noch funktioniert.“

Dass Krankheit von der Gesellschaft verteufelt wird, könne sie nicht verstehen: „Krankheit in unserer Zeit ist eine Niederlage – und Gesundheit eine neue Art von Religion“, konstatiert die 76-Jährige. Statt nach den Kompetenzen und Fähigkeiten zu fragen, die Kranke durch die Kraft, weiterzuleben, erlangten, würden diese ausgegrenzt. Dabei müsste es doch genau anders herum sein, findet Keil. „Wer ohne Befund‘, ohne Diagnose ist, der ist ja sozusagen ein unbeschriebenes Blatt. Das kann auch langweilig sein“, sagt sie lächelnd.

Worte, die vor allem Mut machen sollen. Birgit Hempel ist extra aus Arsten gekommen, um sich die Lesung anzuhören. „Annelie Keil ist eine wunderbare, kluge Frau“, sagt die 63-Jährige, die die Gesundheitswissenschaftlerin bereits zum vierten Mal live erlebt hat. „Ich gehe jedes Mal heiter von den Veranstaltungen nach Hause, weil sie schwierige Dinge einfach relativiert.“ Sie habe durch Keil gelernt, Krankheit als einen Teil des Lebens anzunehmen und sich nicht zu sehr davor zu fürchten.

Katrin Müller aus der Östlichen Vorstadt ist selbst von einer Diagnose betroffen: Die 67-Jährige hat eine chronische Darmentzündung, seit sie 40 Jahre alt ist. „Ich habe mich als fehlerhaft, als eklig empfunden“, erzählt sie. Bis sie durch die Bücher von Keil eine neue Sichtweise entwickelt hat. „Das hat mein Leben verändert.“

Durch die Krankheit habe sie positive Gedanken entwickeln können und das Leben viel mehr wertschätzen gelernt. „Das, was ich mache, mache ich jetzt richtig“, so Müller. Die Lesung an diesem Abend habe viele ihrer eigenen Gedanken bestätigt – und sie so begeistert, dass sie gleich zwei Exemplare des Buchs gekauft hat. „Das andere ist für meine Freundin, die auch erkrankt ist.“

„Aus der Krankheit kann sich eine Weisheit entwickeln, die neue Möglichkeiten zur Gestaltung des Lebens eröffnet“, sagt auch Annelie Keil. Manchmal – und das betont sie in ihrem Buch – suche sich aber auch die gequälte Seele einen Weg über die Organe. „Situationen, Ereignisse, Stress, Erwartungen – all das kann Zündstoff für Krankheiten sein.“ Oft gebe es nicht immer nur eine Ursache und eine Wirkung, sondern psychosomatische Zusammenhänge. Am Ende gehe es eben nicht nur darum, einen bewussten Umgang mit der Krankheit zu haben – sondern auch mit dem Leben.

„Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt – Krankheit und Gesundheit neu denken“ von Annelie Keil kostet 17,99 Euro. Das gebundene Buch hat 272 Seiten ist im Scorpio-Verlag erschienen, ISBN 978-3-943416-82-4

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