Gesundheitswissenschaftlerin Annelie Keil las im Haus im Park aus ihrem neuen Buch Krankheit als Kraftquelle

Osterholz. Annelie Keil ist gerade 76 geworden. Auf den Karten zum Geburtstag stand vor allem ein Wunsch: Gesundheit.
02.02.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Tobias Meyer

Annelie Keil ist gerade 76 geworden. Auf den Karten zum Geburtstag stand vor allem ein Wunsch: Gesundheit. „Als wenn es nichts Wichtigeres gäbe, als gesund zu sein“, sagt die Gesundheitswissenschaftlerin. Sie sagt es mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen, sie weiß, dass diese These provoziert. Vor allem im Haus im Park auf dem Gelände des Klinikums Bremen-Ost. Vor einem Publikum, in dem viele Menschen sitzen, die sich ganz neu oder seit langer Zeit mit einer Diagnose herumschlagen müssen.

Sie sagt es, obwohl – oder gerade weil – sie selber an Brustkrebs erkrankte und einen Herzinfarkt hinter sich gebracht hat. Annelie Keil sagt es, weil sie davon überzeugt ist, dass Krankheit auch eine Chance sein kann: „Krankheit fordert uns kritisch und zärtlich dazu auf, das Leben neu in die Hand zu nehmen“, schreibt sie in ihrem neuen Buch „Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt“.

„Es gibt mit jeder neuen Herausforderung auch neue Antworten auf die Frage nach dem Sinn des Lebens“, sagt Keil. Dieser Frage versucht die heute am Rande von Schwachhausen lebende Wissenschaftlerin auch in ihrem neuen Buch auf den Grund zu gehen. Darauf findet sie viele Antworten, die manchmal einfach sind („Leben ist Liebe“, „Dasein ist immer Mitsein“) und manchmal herausfordernd („Ein Kranker übt sich in der Vergänglichkeit des Lebens“, „Leben spüren heißt Weiten und Grenzen spüren“). Das Buch spiegelt auch wissenschaftliche Erkenntnisse und Erfahrungen im Umgang mit Kranken. Da ist zum Beispiel die alte Frau M. Sie ist dement, spricht kaum noch ein Wort. Annelie Keil bringt ihr Dosen mit Düften mit, und plötzlich ruft Frau M.: „Vanille!“ und fängt an, über ihre Kindheit zu sprechen und über Vanillepudding. „Diese Erinnerungsinseln bei Dementen müssen berührt werden“, sagt Annelie Keil, die immer wieder betont, wie wichtig Berührungen in jeder Hinsicht für die Lebensqualität eines Einzelnen sind. „Wer krank ist, ist eben auch gesund – er kämpft um jeden Teil, der noch funktioniert.“

„Krankheit in unserer Zeit ist eine Niederlage – und Gesundheit eine neue Art von Religion“, konstatiert die 76-Jährige. Statt nach den Kompetenzen und Fähigkeiten zu fragen, die Kranke durch die Kraft, weiterzuleben, erlangten, würden diese ausgegrenzt. Dabei müsste es doch genau anders herum sein. „Wer ohne Befund, ohne Diagnose, ist, der ist ja sozusagen ein unbeschriebenes Blatt. Das kann auch langweilig sein“, sagt sie lächelnd.

„Aus der Krankheit kann sich eine Weisheit entwickeln, die neue Möglichkeiten zur Gestaltung des Lebens eröffnet“, sagt die Autorin, die anderen Mut macht. Manchmal suche sich aber auch die gequälte Seele einen Weg über die Organe. Oft aber gebe es nicht immer nur eine Ursache und eine Wirkung, sondern psychosomatische Zusammenhänge. Am Ende gehe es eben nicht nur darum, einen bewussten Umgang mit der Krankheit zu haben – sondern auch mit dem Leben.

„Wenn die Organe ihr Schweigen brechen und die Seele streikt – Krankheit und Gesundheit neu denken“ von Annelie Keil kostet 17,99 Euro. Das gebundene Buch hat 272 Seiten ist im Scorpio-Verlag erschienen, ISBN 978-3-943416-82-4.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+