Musik und mehr im Wohnzimmer

Kreativ durch die Krise

Künstler können nicht auftreten, das Publikum kann nicht zuschauen: Die Corona-Pandemie hat den Bremer Kulturbetrieb lahmgelegt. In Zeiten der Digitalisierung gibt es jedoch einen Lichtblick: das Internet.
29.03.2020, 06:00
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Kreativ durch die Krise
Von Jean-Pierre Fellmer
Kreativ durch die Krise

Sönke Busch mit Buch und Studiomikrofon – seit dem 18 März liest er jeden Abend im Livestream vor.

Sönke Busch

Sönke Busch sitzt in einem Sessel, die Beine hat er übereinander geschlagen. Auf seinem Schoß ruht ein dickes rotes Buch: die Unendliche Geschichte von Michael Ende; Kapitel neun – Spukstadt. „Irgendwo über den brausenden Wogen des Meeres hallte Fuchurs Stimme mächtig wie der Klang einer Bronzeglocke.“ Busch liest vor, ein Studio-Mikrofon fängt seine sonore Stimme auf. Während er die ersten Zeilen vorträgt, kommen die letzten Nachzügler zur digitalen Lesung. Stumm grüßen sie die Gemeinschaft im Chatfenster zu Buschs Rechten.

Seit dem 18. März liest Busch jeden Abend aus der Geschichte vor. Es ist der Tag, an dem Bars und Clubs, Theater sowie Konzerthäuser und viele andere Einrichtungen das letzte Mal geöffnet hatten. Seitdem sitzen die meisten Menschen daheim – auch in Bremen. Musikern, Künstlern und Schauspielern fehlt auf einmal die Bühne. Viele von ihnen geben sich von dem Virus allerdings nicht geschlagen, sie bauen sich ein eigenes Podium – im Internet.

So auch Busch. Jeden Abend überträgt er seine Lesung im Livestream bei Facebook. Wer ihm zuhören möchte, der muss um 22 Uhr das Profil des Künstlers besuchen, kann aber auch nachträglich der Geschichte lauschen. „Manch einer sagte mir, dass meine Stimme auf ihn beruhigend wirke“, sagt Busch. Seine Zuhörer sähen die allabendliche Lesung weniger als Ereignis, sondern mehr als Mittel für Struktur. Viele säßen nun daheim, es fehle der Alltag. Die Lesung böte ihnen ein kleines ­Refugium, es sei wie eine gemeinsame Runde am Lagerfeuer.

Festival im Wohnzimmer

Weniger heimelig wird wohl das Wohnzimmer Festival Bremen. Dabei treten lokale Künstler auf – und zwar daheim. Initiator ist Roland Kanwicher, Radiomacher und Musiker. „Wir fühlen uns alle der Stadt und den Menschen, die hier leben, sehr verbunden“, sagt Kanwicher. Die Distanz, die Menschen wegen des Ansteckungsrisikos derzeit zueinander hielten, möchten sie mit dem Festival überbrücken.

Medienmacher leihen laut Kanwicher dafür den Musikern Aufnahmetechnik für daheim aus, um kleine Live-Stationen aufzubauen. „Wir wollen guten Sound liefern“, sagt Kanwicher. Die Ton- und Bildsignale würden dann an die Initiative #bremenist geleitet, sie kümmere sich um die Live-Regie. Es treten Roland Kanwicher, Lena Wischhusen, Michael Ryeson sowie die Bands Os und Lenna auf. Um 18 Uhr geht es los im Facebook-Livestream. Wer bei dem Festival dabei sein möchte, der schaut an diesem Sonntag, 29. März, auf der Facebook-Seite von „Olaf und Roland“ vorbei: facebook.com/olafundroland. „Dort läuft der Ur­stream, aber jeder kann ihn teilen“, sagt Kanwicher. Auch der Radiosender Bremen Vier wolle den Stream verbreiten, der WESER-KURIER wird das Live-Video ebenfalls ab 18 Uhr an dieser Stelle einbinden.

Auch in anderen Bremer Wohnzimmern wird derzeit gesungen: Das Theaterschiff hat ein Video der Schauspielerin Nicole Behnke geteilt. Sie sitzt im Panda-Jumpsuit auf einem Sofa und singt aus voller Kehle in Musical-Manier, dass ein faules Dasein, solange man daheim bleibe, derzeit bestimmt allen helfe. In einem anderen Video auf dem Kanal des Fritz-Theaters sitzt Alice Wittmer im Jogginganzug mit der Ukulele in der Hand vor dem Kamin und gibt eine Kostprobe aus dem Stück „Camping!“, für das die Proben derzeit ausfallen.

Was hat Shakespeare eigentlich gemacht, als die Theater wegen der Pest geschlossen wurden? Diese Frage stellt der Schauspieler Erik Roßbander von der Shakespeare Company im ersten Video der Reihe Daily Shakespeare, die seit dem 20. März auf dem Youtube-Kanal der Theatergruppe läuft. Ein Teil der Antwort sei an dieser Stelle schon verraten: Der Dichter blieb zuhause. Es gibt Einblicke hinter die Kulissen, eine Führung durch die Werkstatt oder einen kurzen Ausschnitt aus „Warten auf Godot“ zu sehen.

Es kann das Wohnzimmer sein, das muss es aber nicht. Das zeigen die Musiker Luka Küssner und Kai Kampf. Manchmal sitzen sie bei Sonnenschein im Fenster oder auf dem Dach, auf dem Dachboden, im geschmückten Tourbus oder, in diesen Zeiten ein Klassiker, auf dem Sofa. Sie spielen Gitarre oder Melodica, singen gemeinsam Songs, die sich Freunde gewünscht haben oder die ihnen gut gefallen. Und auch auf Bildung müssen die Bremer in Zeiten des Kontaktverbots nicht verzichten: Das Überseemuseum stellt auf seiner Facebook-Seite das Modell eines Blauwalherzens im Video vor. Es ist so groß wie ein Kleinwagen, was laut Naturkunde-Abteilungsleiter Michael Stiller auch nötig sei – schließlich müsse es 10.000 Liter Blut durch den Körper des Wales pumpen. Auch die Kunsthalle zeigt die Ausstellung „Norbert Schwontkowski: Some Of My Secrets“ vorerst virtuell.

163 Euro für Kunst auf Toilettenpapier

Viele der Kulturschaffenden haben es in diesen Tagen schwer: laufende Kosten, keine Einnahmen. Kreativität ist ein Geschäftsmodell, das auch in Pandemiezeiten funktioniert – zumindest in Maßen. So hat der vielseitige Fotograf Phil Porter auf Ebay eine Rolle Toilettenpapier versteigert – kunstvoll gestaltet und handsigniert. 163 Euro legte der Höchstbietende hin und erhielt neben dem begehrtesten Hygieneartikel der Krise auch einen Kunstdruck, ein Phil-Porter-Poster und mehr. Zudem macht er den Bremern ein „unmoralisches Angebot“, indem er auf der Plattform Startnext zum Crowdfunding für den Erhalt seines Ateliers einlädt.

Der virtuelle Hut geht auch bei anderen Künstlern wie etwa Kai Kampf oder Sönke Busch herum. Letzterer wird übrigens noch einige Male lesen, insgesamt sollen es 27 Lesungen werden, sagt Busch. Wie es danach weitergehe, stehe noch nicht fest. „Das entscheiden wir dann gemeinsam“, sagt er.

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