Offene Ateliers

Kreativität im Hinterhof

Künstlerinnen und Künstler gewähren Einblick in ihre Werkstätten im Bremer Viertel.
29.10.2020, 11:35
Lesedauer: 3 Min
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Von Matthias Holthaus

„Wahrscheinlich bin ich schon immer Künstlerin gewesen“, sagt die Grafikerin und Designerin Tini Emde, die an den Wochenenden vom 31. Oktober und 1. November sowie 7. und 8. November jeweils von 11 bis 18 Uhr gemeinsam mit 30 anderen Kunstschaffenden ihre Wirkungsstätte für die „Offenen Ateliers“ im Viertel öffnen wird.

Tini Emde hat ihren Arbeitsplatz im Atelierhof im Fehrfeld. Seit April 2019 kreiert sie dort ihre vielen verschiedenen Produkte, Malereien und Illustrationen, doch schon vorher ließ sich die Künstlerin in ihr nicht verleugnen: „Man kann das bis in die Vorkindergartenzeit verfolgen, ich habe immer gemalt“, erzählt sie, „schon vor Beginn des Kindergartens hatte ich einen eigenen Maltisch in unserer Küche stehen.“

Aufgewachsen ist sie südlich von Freiburg, doch bereits seit mehr als 20 Jahren lebt sie nun in Bremen. Zum Studium ging es auch nach Basel, „da war es schon klar, dass es in die künstlerische Richtung gehen soll. Dort in Basel hat sich auch mein Interesse an Grafikdesign entwickelt.“ Wobei man freie Kunst und Grafikdesign eigentlich nicht trennen könne, meint sie, jedenfalls habe sich für sie eine große Vielfalt eröffnet. Und dieses Interesse an der Vielfalt vertiefte sie von 1999 bis 2006 an der Hochschule für Künste. Dazwischen hat sie viel gejobbt und ist gereist: „Das Reisen als Perspektivwechsel begreifen, andere Menschen kennenlernen, andere Leben leben“, sagt sie dazu, und andere Menschen hat sie sicherlich auch in Sebaldsbrück kennengelernt, da war sie nämlich vor dem Fehrfeldatelier. Genauer gesagt im „Wurst Case“, wo sich verschiedenste Handwerker und Künstler auf verschiedenste Art und Weise verwirklichen können. „Dort war man gut vernetzt“, sagt sie, „aber hier bin ich, sobald ich den Hof verlasse, im Viertel drin.“ Ein Unterschied also zum doch recht solitären Wurst Case, „und dann habe ich hier natürlich einen Raum in einem alten Hinterhof. Das ist ja auch ein Unikum“.

Spielplatz und Wohnzimmer

In diesem Unikum wirkt sie nun, dort entstehen bunte Postkarten, „Sprücheklopfer“ genannte Fliesen, Jutebeutel, Becher, großformatige Bilder und alte Teller, Zuckertöpfchen, Untertassen oder Vasen. Die werden von ihr bemalt und beschriftet und laufen auf ihrer Homepage unter Unikate, wobei eigentlich alles, was sie so erschafft, Unikate sind: „Ich habe nie den Anspruch gehabt, eine Serie zu machen, sondern eher gedacht, dass sich die Leute etwas ,to go‘ mitnehmen.“ Und das ist möglich während der Offenen Ateliers, etwas mitnehmen von den Werken Tini Emdes aus ihrem Atelier, von dem sie sagt: „Eigentlich ist das hier ein Spielplatz.“

Kein Spielplatz, sondern eher sein Wohnzimmer sei sein Atelier, sagt hingegen der Maler Thomas Lippick. Seit 2003 lebt und arbeitet er hinter dem 1870 erbauten Haus In der Runken 21, wo sich seine 180 Quadratmeter große Wirkungsstätte befindet. Und das zusammen mit dem Künstler Jörg Coblenz: „Da muss man privat eher gut miteinander sein“, sagt Lippick, doch das sind sie – sie haben nicht nur gemeinsam studiert, sondern auch bereits vor dem Atelier im Milchquartier gemeinsam in der Neustadt gearbeitet. „Wir fühlen uns hier sehr wohl und es ist ein Glück, das hier gefunden zu haben. Früher war hier eine Freikirche drin und Anfang des 20. Jahrhunderts sogar eine Kegelbahn“, erzählt er.

Seit 30 Jahren beschäftigt sich der Maler mit der klassischen Maltechnik „Eitempera“, seine Farben macht er also selbst, zudem arbeitet er mit Acryl-Gips-Hintergründen und mit Asche. „Ich arbeite mit Farben und Formen“, sagt er und deutet auf seine Bilder, die abstrakte Horizonte aufweisen. Schemenhaft glaubt man, Schiffe zu erkennen, Menschen, doch Thomas Lippick möchte dem ganz persönlichen Erlebnis der Betrachtung nicht vorgreifen – seine Werke tragen keine Titel, da diese eine Festlegung bedeuten könnten. Ums Sehen gehe es in seinen Bildern und jemand habe einmal gemeint, seine Bilder bräuchten den zweiten Blick.

Aber nicht nur für seine Bilder ist zuweilen ein zweiter Blick vonnöten, auch die Werke von Jörg Coblenz überraschen: „Er ist viel moderner, beschäftigt sich mit Realismus“, sagt Lippick über seinen Kollegen. Teilweise sind seine Bilder auch genäht oder so mit einer Nähmaschine bearbeitet, dass gezielt eingesetzte Löcher entstehen, die die Werke plastisch machen.

An beiden Wochenenden werden die Künstler in ihrem Atelier sein: „Ich liebe das Viertel, wir sind sehr glücklich mit dem Standort“, sagt Thomas Lippick dann noch. „Das Milchquartier ist eine tolle Ecke.“

Weitere Informationen

Die Offenen Ateliers im Viertel wurden am Donnerstag, 29. Oktober, abgesagt. Weitere Information dazu und zur individuellen Terminvereinbarung gibt es online: www.kunstwerkimviertel.de.

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