Autoren lesen und Malschüler zeigen Bilder unter dem Motto „Krimi, um die Ecke gedacht“

Kriminelle Fantasien im Atelier

Hemelingen. Wer zur „Crime Time“-Lesung von Biggi Rist, René Paul Niemann und Mirjam Phillips ins Atelier im Kubiko kam, wurde erst einmal von allerhand stimmungsvollen Bildern empfangen. Fliegenpilz und Fingerhut erscheinen unter der Überschrift „Crime Time“ in einem ganz anderen Licht.
30.05.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Edwin Platt
Kriminelle Fantasien im Atelier

Sie haben gut lachen, die finsteren Fantasien haben sie zwischen Buchdeckeln oder auf Leinwand gebannt: (von links) Pia van Nuland hat Linoleumdrucke für die Bilder im Krimiband erarbeitet, Autorin Biggi Rist, Künstler Martin Koroscha und die Autoren Mirjam Phillips und René Paul Niemann haben im Kubiko eine „Crime Time“ gestaltet.

Walter Gerbracht

Wer zur „Crime Time“-Lesung von Biggi Rist, René Paul Niemann und Mirjam Phillips ins Atelier im Kubiko kam, wurde erst einmal von allerhand stimmungsvollen Bildern empfangen. Fliegenpilz und Fingerhut erscheinen unter der Überschrift „Crime Time“ in einem ganz anderen Licht. Daneben Bäume, die ausWunden bluten, Taschenlampenlicht in nächtlichem Wald, besonders der Bereich zwischen hell und dunkel wird interessant, unter Wasser zwischen Fischen treibt leblos ein menschlicher Torso – „um die Ecke gedacht, erklären sich diese Bilder“, sagt Martin Koroscha.

Krimi um die Ecke gedacht, das war die Aufgabe, die Martin Koroscha seinen Mal- und Zeichenschülern in den Kursen gestellt hatte, bevor der „Crime Time“-Termin ins Programm genommen wurde. Biggi Rist, René Paul Niemann und Mirjam Phillips kennen diese Aufgabenstellung nur zu gut, sie arbeiten allerdings nicht mit dem Pinsel daran, sondern mit ihrem Stift oder der Tastatur.

Was wäre Krimi ohne Spannung und ohne Fantasie? Dunkle Szenen geben, im Atelier kreuz und quer an Leinen hängend, der Fantasie Nahrung und dem Spürsinn Aufgaben. Professionell hat Pia von Nuland Bilder erarbeitet, von ihr stammen die Linoleumdrucke des Sammelbandes der Bremer Krimi-Autoren.

Pia von Nuland aus Oberneuland nutzt den Abend, um kunstinteressierten Gästen ihre Technik und Arbeitsweise zu erklären. Das Schwarzweiß der Darstellungen musste für den Buchdruck sein, sie nutze dazu Grautöne. Dass jeder Druck, jede Darstellung etwas Zusätzliches zur Geschichte liefern muss, war Pia von Nulands Anspruch. Die Handlung ausschmücken, dem Täter ein Gesicht geben oder ein Detail verraten, das der Text nicht hergibt. So regt Pia von Nuland die Fantasie der Krimileser durch ihre Linoleumdrucke an.

Mirjam Phillips aus Habenhausen zeigt auf das Foto einer Plastik. Ein Junge sitzt an einem Tisch. Allein. Kein zweiter Stuhl bietet neben ihm Platz. Der Raum um ihn wirkt leer. Phillips: „Wir Autoren waren zusammen in der Kunsthalle und haben unsere Fantasie jeweils an ein Kunstwerk geheftet. Das war die Grundlage unseres Buches.“

Bevor Mirjam Phillips zu lesen beginnt, erzählt sie, dass der Künstler der Skulptur diese im Alter geschaffen hat und sich an seine Jugend erinnerte, in der er für einen Urlaub von seiner vaterlosen Familie zurückgelassen wurde. „Urlaub ist teuer, und wir haben nicht genug Geld. Du kannst bei der Tante auf dem Hof bleiben“, erklärte seine Mutter dem Jungen, bevor sie weg war.

Mirjam Phillips liest ihre Geschichte von der zugewandten Tante und dem traurigen Jungen vor, der sich nur langsam auf dem Hof einfindet, schließlich Hühner füttert und mit dem Onkel auf dem Trecker fahren darf. Nach einem reichlich dreckigen Tag steckt der Onkel ihn in die Badewanne. Hier lässt Phillips die Geschichte zum Krimi werden, aber nicht enden, denn nachdem der Onkel, selbst auch nackt, ihn an sich drückt, gibt es weitere Familientreffen, in denen der Junge dem Onkel ausweicht, der aber fordernd und handgreiflich den Jungen in Ecken drängt.

Philipps Klischees und Bilder sind so stark, das sie die Leser oder Hörer gruseln lassen, ohne dass Phillips ihre Fantasiegeschichte tief ausschmücken muss. Das gelingt auch, weil die Autorin aus der Person des Jungen heraus erzählt und die Zuhörer so dessen Nöte miterleben.

René Paul Niemann aus Findorff liest „Anamorphose. Die andere Seite“. „Gott sieht alles, sagte Mutter immer, und der Sohn hat nichts zu verbergen, denn seine Hemden sind gebügelt, die Schuhe geputzt, die Krawatten ordentlich, die Kleidung heil“, beginnt er. „Ich will keine Spuren hinterlassen, keinem zur Last fallen. Kleidung braucht nicht teuer sein, aber gepflegt“, damit versetzt Niemann seine Hörer in die Gedankenwelt des zwanghaften Sohnes, eines Feinmechanikers, der mit Vorliebe sonntags in die Kunsthalle geht, um vor einem Kunstwerk zu sitzen, das ihn fasziniert: Um einen zylindrischen Spiegel herum eine Malerei, die nur im mittigen zylindrischen Spiegel die biblische Kreuzigungsszene erkennen lässt. Die Malerei selbst wirkt wie willkürlich verteilte Farben.

„Die Mutter hätte über diese Kunst als überheblich gesprochen“, liest Niemann weiter. Sie lehnte Kunst ab, die sich so wichtig nähme, wo doch Glaube und Gott Anspruch auf Wichtigkeit hätten. Der Autor zeichnet die Bilder von zwei psychisch auffälligen Menschen. Mutter und Sohn, zwischen denen sich unter Öffentlichkeitsausschluss ein Drama abspielt, dem sich der Sohn nicht stellen kann. Nachdem er der alles kommentierenden und herabwertenden Mutter den Mund zugehalten hat, bis zum Ersticken, befragt er sie täglich auf ihrem Stuhl nach dem Befinden und schiebt sie sogar fürsorglich mit dem Rollstuhl durch die Nachbarschaft. „Ihr geht es nicht gut, sie schläft“, antwortet er einem Nachbarn auf dem Spazierweg.

Biggi Rist aus Lilienthal gesteht, dass sie hier ihre erste Kurzgeschichte liest. Allerdings ist Rist vom Autorenduo Liliane Skalecki und Biggi Rist her bekannt, das seit 2011 besteht und einige Krimis auf dem Buchmarkt hat. „Farbe, gerührt, nicht geschüttelt“, lautet der Titel der Geschichte, in der zwei Maler in Rivalität geraten. Einer strotzt vor Selbstbewusstsein, der andere fühlt sich zu Unrecht unterbewertet. Es kommt zu Handgreiflichkeiten, bei denen einer, halb Unfall halb Absicht, in die große Farbrührmaschine gerät und der andere den Rivalen nur noch kopflos retten kann.

Biggi Rists Text besticht durch hohe Akribie in der Recherche. Jedes Detail wird beschrieben, findet seinen Fachbegriff, und auch wenn die Positionen der Protagonisten klar herausgearbeitet werden, bleibt die Textsprache wertungsfrei. Genau das zeichnet diesen Text aus, dass er keine Partei einnimmt, keine Partei vorgibt und so den Lesern abverlangt, sich selbst zwischen zwei, weder nur guten, noch nur bösen Figuren zu positionieren.

Bei Wein oder Wasser entspinnen sich nach der Lesung Gespräche im Atelier um Texte und Bilder, und die Schlange zum Signieren der Bücher verkürzt sich nur langsam.

Atelier Bürgerhaus Hemelingen, Godehard-

straße 19 (KuBiKo). Gelesen wurde aus dem Buch „Muse, Mord und Pinselstrich“, Edition Falkenberg. Treff von Krimiautoren in der Krimibibliothek in der Stadtbibliothek, vier Mal jährlich, Kontakt über Jürgen Alberts per E-Mail: kontakt@juergen-alberts.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+