Seestadt in Nöten

Wie der Zoo am Meer ohne Besucher auskommt

Der Zoo am Meer und andere Touristenmagnete in den Bremerhavener Havenwelten müssen ohne Besucher auskommen. Ein herber Schlag für alle. Das Klimahaus taut derweil seine Antarktisstation ab.
25.04.2020, 09:00
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Wie der Zoo am Meer ohne Besucher auskommt
Von Justus Randt
Wie der Zoo am Meer ohne Besucher auskommt

Großes Abtauen im Klimahaus Bremerhaven. Die Corona-Zwangspause wird genutzt, um erstmals seit elf Jahren die Antarktisstation komplett zu enteisen.

Fabian Wilking

Aus dem Büro, vorbei an der Cafeteriabaustelle, durch die Tiefsee direkt in die Antarktis. Holger Bockholt kennt die Abkürzung. Der Sprecher des Klimahauses gewährt Einblick in etwas, das in Wirklichkeit niemand erleben will: die komplett eisfrei abgeschmolzene südliche Polkappe. „Wir nutzen jetzt die Gelegenheit, alles abzutauen“, sagt Bockholt. Das Klimahaus Bremerhaven acht Grad Ost, wie es genau heißt, hat als Touristenmagnet in den Havenwelten im vergangenen Jahr 460.000 Besucher angezogen. Jetzt, in Zeiten der Corona-Pandemie, ist das markante Gebäude geschlossen. Wie auch das Deutsche Auswandererhaus, das Deutsche Schifffahrtsmuseum und der Zoo am Meer.

Alles, was dort in diesen Wochen geschieht, muss ohne Publikum auskommen: Die Eisbärbaby-Zwillinge Anna und Elsa im Zoo werden größer und größer, während sie auf ihren ersten öffentlichen Live-Auftritt warten. Die Erweiterung des Auswandererhauses läuft auf vollen Touren – hinterm Bauzaun. Das Schifffahrtsmuseum kann nur seine Freiluftexponate zeigen. Dieser Tage hat die „Paul Kossel“ einen neuen Anstrich bekommen. Das Schiffchen ist ein Mysterium für die meisten Landratten, weil sein Rumpf aus Beton besteht und doch nicht untergegangen ist. Schlimmstenfalls bröckelt es an der einen oder anderen Stelle.

"Seute Deern" in Sichtweite

Anschließend kümmern sich die Maler des Museums, Dieter Duden und Johann Wagner, um das schnittige Tragflächenboot, das vor dem denkmalgeschützten Gebäude auf seinem Podest steht. In Sichtweite ein weiteres Denkmal – die sieche „Seute Deern“. Der Holzsegler ist so marode, dass er nur einen Steinwurf weit von seinem Liegeplatz im Museumshafen verholt werden konnte. Das ehemalige Restaurantschiff drohte zu zerbrechen und wird nun an Ort und Stelle abgewrackt.

Die Antarktisstation ist der kälteste Ort im Klimahaus. Minus zehn Grad Celsius herrschen gewöhnlich in der kleinen Eislandschaft. Mit Rücksicht auf die Besucher habe man die Gletscherszenerie temperiert, sagt Holger Bockholt. Früher sei es dort sogar minus 25 Grad kalt gewesen. Zum ersten Mal, seit das Klimahaus im Juni 2009 eröffnet wurde, sei die Station jetzt entfrostet worden. „Wir nutzen die Chance.“ Gleiches gilt für den Umbau der Cafeteria und die Renovierung des samoanischen Dorfplatzes.

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Selbst unter Einsatz schwerer Geräte wie Gebläse, Sauger und Pumpen hat es rund zehn Tage gedauert, die Antarktis abzutauen und trocken zu legen. Ungefähr 25 Kubikmeter Eis seien am Boden und den Bergen auf Kühlschläuchen verbaut gewesen, sagt Bockholt. „Im Laufe der Jahre war es immer mehr Eis und damit auch immer schwerer geworden, weil wir ab und zu nachmodelliert haben. Jetzt gestalten wir die Station neu.“ Mit Besuchern im Haus wäre das alles schwer möglich. Dabei sei an anderer Stelle im Klimahaus schon alles bereit für die Besucher, sagt Holger Bockholt: „Als klar wurde, dass wir schließen müssen, war gerade unsere Sonderausstellung ,Nordsee– Südsee‘ fertig geworden.“

Auch im Auswandererhaus laufen Vorbereitungen für die Themenräume, die im Erweiterungsbau eingerichtet werden sollen. „Die Baustelle ist im vollen Gange, wir können hoffentlich im August Richtfest feiern, am 8. ist der 15. Geburtstag des Hauses“, sagt Museumsdirektorin Simone Eick. Zu den Besonderheiten des Gebäudes wird das „Garagenmuseum“ zählen: „Da öffnen wir morgens das Rolltor und bieten einen kostenlosen Museumsteaser“ – als Vorgeschmack auf das, was drinnen zu erleben ist.

Onlineangebote für Kinder und Erwachsene

An den Inhalten arbeiteten gegenwärtig Wissenschaftler aus ganz Norddeutschland in ihren Homeoffices. Zum Beispiel am Thema Exil-Chilenen. Schließlich geht es im Neubau vor allem um das „Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland“, sagt Simone Eick. „Aus- und Einwanderung werden gleichberechtigt sein.“ Unterdessen hat das Auswandererhaus Kindern und Erwachsenen online einiges zu bieten. Das Gewinnspiel „Erforsche deine Migrationsgeschichte“ beispielsweise läuft noch bis zum 3. Mai. Im Moment sei es „unheimlich still“ im Museum, sagt die Direktorin. „Dieses Haus war nie geschlossen, seit 15 Jahren nicht, nur Heiligabend.“

Auch im Schifffahrtsmuseum wird längst auf die nächste Schau hingearbeitet. Während die Renovierungs- und Umbauarbeiten im Scharoun-Bau, der Hauptausstellung, fortschreiten, ist die Kogge-Halle durch eine riesige, mehrere Etagen hohe Gipskartonwand abgetrennt. Auch sie ist frisch gestrichen – in schmuckem Blau. Wenn die Schließzeit bis dahin vorüber sein sollte, wird am 25. Juni die Ausstellung „Kogge trifft Playmobil“ eröffnet. Wissenschaftliche Projekte, wie die Suche nach Wracks und Kriegsmunition, liefen selbstverständlich weiter, sagt Museumssprecher Thomas Joppig.

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Auch im Zoo am Meer läuft alles weiter, nur eben ohne Besucher. Anders als etwa Tierparks in Schleswig-Holstein bleibt der Zoo vorerst zu. „Erst mal bis zum 4. Mai. Das ist eine Entscheidung des Landes“, sagt Direktorin Heike Kück. „Wie es weiter geht, wissen wir noch nicht.“ Dass das Publikum fehle, merkten vor allem die Seebären. „Die haben mit den Besuchern gespielt, Gegenstände aus dem Becken geworfen.“ Während die Eisbärbabys ihren großen Live-Auftritt noch vor sich haben und nur im Internet zu sehen sind, geht die Arbeit für die zwölf Zootierpfleger weiter. Sicherheitshalber in zwei Teams, die sich nicht begegnen dürfen. Unter anderem sorgen sie dafür, dass die 14 Seelöwen, Seebären und Seehunde täglich ihr Futter bekommen: Zehn Zehn-Liter-Eimer werden verfüttert. Fisch läuft immer, die Kosten auch.

Info

Zur Sache

Tourismuszahlen brechen ein

„Normalerweise haben wir etwa 1,4 Millionen Tagesgäste pro Jahr, Ostern ist richtig was los“, sagt Ralf Meyer, Geschäftsführer der Tourismusgesellschaft Erlebnis Bremerhaven GmbH. In diesem Jahr steht auch in den Havenwelten, Bremerhavens beliebtesten Touristenzielen im Herzen der Stadt, die Welt kopf: „Ostern ist ein Riesengeschäft für alle Häuser, die nun seit Mitte März geschlossen sind. Ich schätze, wir hatten diesmal über 200.000 Tagesgäste weniger als sonst.“

Im vergangenen Jahr haben sich nach Meyers Angaben 64 000 Menschen das Deutsche Schifffahrtsmuseum angesehen, 160.000 das Deutsche Auswandererhaus, 292.000 Besucher wurden im Zoo am Meer gezählt, und 460 000 Menschen bewegten sich durch die Erlebniswelt des Klimahauses Bremerhaven acht Grad Ost. Meyer zufolge hätte der Zoo am Meer in den Osterferien mit täglich 3500 Gästen gerechnet – und mit 23.000 Euro an Einnahmen. Und nun? „Das Herz des Touristikers blutet“, sagt Ralf Meyer. „Eigentlich hätten wir lange Schlangen von Besuchern hier, es herrscht schönstes Wetter, aber es ist überall still, alles liegt brach. Das betrifft ja den gesamten touristischen Sektor.“

Daran hängen, einschließlich großer Besuchermagnete, auch Gastronomie, Hotellerie und Kreuzfahrtterminal mit insgesamt rund 3000 Beschäftigen in der Seestadt. „Wir haben insgesamt 19 Hotels mit 2600 Betten und hatten im vergangenen Jahr 465.000 Übernachtungen, davon allein 26 000 durch den Kreuzfahrttourismus“, sagt Meyer. „Das war eine Steigerung gegenüber dem Vorjahr, und wir hatten erneut mit einem Zuwachs gerechnet, schon wegen der Sail. Ohne die Sail haben wir jetzt bis August praktisch null Buchungen in den Hotels.“

Betroffen sei natürlich auch der Einzelhandel. „Die Einbußen lassen sich gar nicht beziffern Das ist eine ganz schwere Zeit, das lässt sich nicht mehr auffangen. Allein das Schaufenster Fischereihafen hat jährlich 800.000 Besucher.“ Eigentlich.

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