Zahl der Beratungsgespräche zurückgegangen

Kritik an neuer Patientenberatung von Sanvartis

Kritik an privatem Dienstleister reißt nicht ab: Weil die Zahlen der Beratungsgespräche nach dem Anbieterwechsel in Bremen massiv zurückgegangen sind, will Bremen im Bund für Verbesserung sorgen.
03.09.2017, 22:44
Lesedauer: 3 Min
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Kritik an neuer Patientenberatung von Sanvartis
Von Sabine Doll

Seit der umstrittenen Vergabe der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD) vor eineinhalb Jahren an den privaten Gesundheitsdienstleister Sanvartis hat sich das bewahrheitet, was Patientenvertreter und Gesundheitspolitiker in Bremen befürchtet haben: Die Zahl der Beratungsgespräche im kleinsten Bundesland ist massiv zurückgegangen, um fast drei Viertel. Das geht aus einem Jahresbericht für 2016 hervor, den die UPD im Juni für das Bundesgebiet und die Bundesländer vorgelegt hat.

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Bremens Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD) ist damit alles andere als zufrieden. Sie will den Bund auffordern, die Beratungsqualität des bundesweiten Betreibers zu überprüfen: „Ich werde nach der Bundestagswahl einen Brief an den Patientenbeauftragten der Bundesregierung schreiben. Darin werde ich berichten, wie gut unsere Erfahrungen mit der Bremer Patientenberatung vor dem Anbieterwechsel waren. Ich werde ihn dazu auffordern, dass die UPD die persönliche Beratung so ausbaut, dass wir die Beratungsangebote erzielen, die wir vorher hatten.“ Die UPD ist Anlaufstelle für Rat suchende Patienten im Konflikt mit Ärzten, Kliniken, Pflege- und Krankenkassen. Finanziert wird das Angebot von den Krankenkassen, die alle sieben Jahre entscheiden, wer die jährlichen Fördermittel in Höhe von neun Millionen Euro erhält. Zum 1. Januar 2016 ging der Zuschlag im Einvernehmen mit dem damaligen Patientenbeauftragten der Bundesregierung, Karl-Josef Laumann (CDU), an den Duisburger Gesundheitsdienstleister Sanvartis.

Sorgen um die Unabhängigkeit von Sanvartis

Der UPD-Jahresbericht für Bremen zeigt: Wurden 2016 insgesamt 1517 Beratungsgespräche geführt, waren es zwei Jahre zuvor mit 5843 Beratungen fast viermal so viele. Vor allem bei den Vor-Ort-Beratungen fällt der Rückgang mit rund 88 Prozent besonders drastisch aus: von 887 Gesprächen auf 107.

SPD und Grüne in Bremen hatten die Vergabe an Sanvartis abgelehnt und einen Antrag dazu in der Bürgerschaft beschlossen. „Es gab Zweifel, wie unabhängig der neue Betreiber sein würde. Sanvartis steht im Ruf, der Pharmaindustrie und den Krankenkassen nahe zu stehen“, sagt die gesundheitspolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Kirsten Kappert-Gonther. „Wir hatten Sorge, dass die Beratungsleistungen in Qualität und Menge zurückgehen würden. Das sehen wir jetzt bestätigt.“

Sanvartis setzt vor allem auf telefonische Beratung. Nach eigenen Angaben betreibt es das größte medizinische Callcenter Deutschlands und arbeitet auch mit Krankenkassen sowie Pharmafirmen zusammen. Sorge um die Unabhängigkeit gab es bundesweit: „Eine Patientenberatung, die von einem Callcenter betrieben werden soll, das nach­weislich schon für die Krankenkassen tätig war, kann unmöglich die Anliegen von Patienten und Versicherten – insbesondere auch gegen­über den Kosten­trägern – glaubwürdig und umfassend vertreten“, betonte etwa die Bundesärztekammer. Um den Zuschlag zu erhalten, musste Sanvartis eine Tochterfirma gründen, die keinen Profit erwirtschaften darf.

Bremen will überprüfen: Hängt Beratungsrückgang mit Qualitätsmängeln zusammen?

Bis 2016 wurde die UPD bundesweit von drei Verbänden getragen: dem Sozialverband VDK, dem Verbraucherzentralen Bundesverband und dem Verbund unabhängiger Patientenberatung. In Bremen gab es eine eigenständige Unabhängige Patientenberatung Bremen (UPB), finanziert unter anderem von der Gesundheitsbehörde, der Krankenhausgesellschaft, der Ärzte- und Psychotherapeutenkammer und den Krankenkassen.

„Wir hatten das beste System etabliert. Wir mussten es aber ersetzen, weil es nicht möglich war, die Sanvartis-Finanzierung für eine Fortführung zu nutzen“, betont Quante-Brandt. Mit ihrem Vorstoß im Bund folgt Bremens Senatorin auch einem Beschluss der Gesundheitsdeputation, wonach die Beratung durch die UPD umfassend überprüft werden soll – um rechtzeitig auf die nächste Ausschreibung, die in vier Jahren anläuft, reagieren zu können. Dabei soll ergründet werden, warum sich weniger Menschen beraten lassen, ob der Rückgang mit der Qualität zusammenhängt – und ob es sich um ein Bremer Phänomen handelt.

Denn: Auf Bundesebene haben die Beratungen in 2016 im Vergleich zum Vorjahr von 80 452 zu 93 827 zwar zugenommen, allerdings gab es bei den Vor-Ort-Gesprächen ebenfalls einen deutlichen Rückgang: Mit 3472 Gesprächen machen sie nur noch 3,7 Prozent der Beratungen insgesamt aus, vorher lag die Quote bei 14 Prozent.

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