Bremen Kritischer Blick auf die Obernstraße

Wie gefährlich sind Straßenbahnen in der Obernstraße? Wohin mit dem Terminal für Fernbusse? Zwei Bremer Verkehrsprobleme und dazu noch die Schulwegsicherung in Riede (Landkreis Verden) beschäftigen derzeit Studenten der Hochschule Bremen.
25.05.2016, 00:00
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Kritischer Blick auf die Obernstraße
Von Ralf Michel

Wunderschön sei die Obernstraße, sagt die Mutter. Gerade, weil es zwischen Brill und Domshof für ihre kleine Tochter so viel zu entdecken gebe. Von der Hand lassen mag sie ihr Kind trotzdem nicht. Wegen der Straßenbahn, denn die sei dort gefährlich schnell unterwegs. „Eine richtige Fußgängerzone ohne Auto- und Bahnverkehr, das wäre toll.“

Klingt nachvollziehbar, die Sorge der Mutter. Ist in diesem Fall aber frei erfunden: von Carsten-W. Müller, Professor an der Hochschule Bremen. Der will seine Studenten im Modul „Städtebau und Verkehrswesen“ möglichst praxisorientiert arbeiten lassen. Die eingangs beschriebene Klage gehört zu einem von drei Szenarien, über die die angehenden Bauingenieure derzeit brüten. Die beiden anderen betreffen die Verlegung des Fernbusterminals am Breitenweg sowie die Schulwegsicherung in Felde, eine Ortschaft der Gemeinde Riede im Landkreis Verden.

Ein Dämpfer gleich zu Beginn

Montagmorgen, Raum 812 der Hochschule, der wöchentliche Workshopbericht: In drei Gruppen sitzen die Studenten um ihre Laptops, besprechen den Stand der Dinge ihres jeweiligen Projekts und beraten über die weiteren Schritte bis zur Abschlusspräsentation Ende Juni. In der Projektgruppe zum Fernbusterminal hatte die Arbeit mit einem herben Dämpfer begonnen, erzählt Dustin Springer. Erster Schritt der Untersuchung waren Bestandsaufnahmen. Die Datenerhebung zur aktuellen Lage am Breitenweg zum Beispiel oder auch die Analyse der Verkehrssituation. Doch bei den Betreibern der Fernbuslinien holte sich die Gruppe eine Abfuhr. Für derartige studentische Anfragen gebe es keine Kapazitäten, habe es geheißen. „Man hatte den Eindruck, dass denen die Situation am Breitenweg völlig egal ist“, berichtet Pia Bausch. Es half aber alles nichts, die Studenten mussten sich die benötigten Zahlen vergleichsweise mühsam aus den Fahrplänen der Buslinien zusammenklauben.

„Willkommen in der Realität“, würde ihr Professor dies wohl kommentieren. Zu der angestrebten Verzahnung von Hochschule und städteplanerischer Wirklichkeit gehören eben auch diverse völlig unvermutete Sackgassen. „Problemorientiertes Lernen“, nennt Müller das, und setzt dies schon in der Problembeschreibung für seine Studenten um. Die nämlich kommen nicht als fest umrisse Aufgabenstellungen daher, sondern in Form von drei fiktiven Leserbriefen aus der Feder des Dozenten. Unvollständig, überspitzt und nicht zwangsläufig der tatsächlichen Faktenlage entsprechend. „Die Studenten sollen sich auch die Probleme des jeweiligen Themas selbst erarbeiten“, erklärt Müller.

Nächster Arbeitsschritt der Busterminal-Gruppe war die Überprüfung von Alternativen für den Breitenweg. Drei zentral gelegene Standorte haben die Studenten untersucht – am Güterbahnhof, an der Bürgerweide und, in modifizierter Form, auch am Breitenweg. Dazu drei eher dezentral gelegene Flächen am Flughafen, an der Universität und am Bahnhof Mahndorf.

Lage, Erreichbarkeit, Kosten, Funktionalität, Verkehrssicherheit... Mit Hilfe einer umfangreichen Bewertungsmatrix versuchen die Studenten die Vor- und Nachteile des jeweiligen Standorts in Zahlen zu fassen, die am Ende eine objektive Bewertung der unterschiedlichen Alternativen ermöglichen.

Skizzen und Pläne der jeweiligen Fernbusterminals runden die Arbeit ab, und das muss auch so sein. „Eine gute Präsentation der Ergebnisse gehört dazu“, betont Carsten- W. Müller. Auch dies wird in den montäglichen Workshops geübt. Zwei Studentinnen aus der Obernstraße-Gruppe gehen ans Smartboard und berichten ihren Kommilitonen vom Stand der Dinge zu der Frage, wie verträglich die Straßenbahn in der Fußgängerzone ist. Die Gruppe hat Daten gesammelt, Passanten und Einzelhändler interviewt, Verkehrskonflikte beobachtet und schließlich die Bremer Situation mit der in anderen Städten verglichen.

Auch diese Gruppe arbeitet mit einer Tabelle, in denen einzelne Kriterien nach dem Muster gut/schlecht/sehr schlecht aufgelistet werden. Zudem haben die Studenten die einzelnen Kriterien gewichtet. Leitfrage dabei: Was ist für die Leute vor Ort wichtig? Die Unterstützung der Funktion als Fußgängerzone auf jeden Fall. Oder die Senkung des Gefährdungspotenzials. Der Verkehrsentwicklungsplan 2025 dagegen wird als „nicht so wichtig“ eingestuft.

An dieser Stelle meldet Müller Bedenken an. Das würde man bei der Stadt wohl ganz anders sehen. „Und Sie sollten bedenken, dass auf der Grundlage des Verkehrsentwicklungsplanes Gelder freigegeben werden“, sagt der Professor und rät den Studenten zu möglichst klaren und unmissverständlichen Kriterien. „Sonst erleiden Sie Schiffbruch, wenn Sie als Planer vor einem Gemeinderat stehen.“

Der ultimative Praxistest in dieser Hinsicht steht der dritten Gruppe bevor, die sich mit der Schulwegsicherung in Felde befasst. Viel Verkehr, aber keine Querungshilfen, Bushaltestellen, aber fehlende Gehwege dorthin – vor Ort kämpft eine Bürgerinitiative seit acht Jahren vergeblich um Verbesserungen, nun haben die Studenten das Thema wissenschaftlich aufgearbeitet. Mit Verkehrszählungen, Geschwindigkeitsmessungen, Vorschlägen zur Verkehrsberuhigung und allem was dazu gehört.

Der ultimative Praxistest

An verschiedenen Stellen ihres Vortrags hakt Müller ein, kritisiert selbst Kleinigkeiten, macht Verbesserungsvorschläge, insbesondere, wenn es um die Visualisierung der Untersuchungsergebnisse geht. Sein Einschreiten kommt nicht von ungefähr: Anders als die beiden anderen Gruppen wird der Abschlussbericht zur Schulwegsicherung nicht in der Hochschule vorgetragen, sondern im Gemeinderat von Riede. „Sie haben gut gearbeitet und da viel Energie reingesteckt“, lobt Müller seine Studenten. Um dann sofort wieder den Praxisbezug herzustellen: „Aber wenn Sie die Leute im Gemeinderat bei Ihrem Vortrag nicht von Beginn an mitnehmen, haben Sie verloren.“

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