Rentner kritisiert Stiftung Friedehorst Kündigung im Namen des Herrn

Weil sich Gerd-Rolf Rosenberger weigerte, für seinen Job bei der Stiftung Friedehorst in die Kirche einzutreten, wurde sein Arbeitsverhältnis beendet. Das kann der 66-Jährige nicht nachvollziehen.
18.07.2017, 19:45
Lesedauer: 3 Min
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Kündigung im Namen des Herrn
Von Kristin Hermann

Seit 45 Jahren ist Gerd-Rolf Rosenberger nicht mehr Mitglied in einer Kirchengemeinde. Diese Tatsache ist dem 66-Jährigen nun zum Verhängnis geworden. Weil er sich weigerte, in die Kirche einzutreten, hat Rosenberger Ende Juni seinen Minijob bei der diakonischen Stiftung Friedehorst in Bremen-Nord verloren. Die Stiftung steht in enger Verbindung zur Bremischen Evangelischen Kirche und beschäftigt insgesamt 1400 Mitarbeiter.

Der gelernte Altenpfleger kann seine Kündigung nicht nachvollziehen. Sechs Monate hat sich Rosenberger um einen 14-jährigen autistischen Jungen gekümmert, der in einer Wohneinrichtung der Stiftung lebt. „Es hat eine lange Zeit gedauert, bis ich ein gutes Verhältnis zu ihm aufgebaut habe“, sagt Rosenberger. „Das ist nun dahin.“

„Die Kündigung ist völlig unsinnig“

Sieben Stunden in der Woche haben der 66-Jährige und der Jugendliche miteinander verbracht. Eigentlich ist Rosenberger schon Rentner, doch die Arbeit habe ihm große Freude bereitet. Er und der Junge seien spazieren gegangen oder im Schwimmbad gewesen. „Wir haben zusammen daran gearbeitet, dass er nicht mehr so aggressiv sich selbst gegenüber ist“, sagt Rosenberger. Und sie hätten dabei Erfolge erzielt. Für Rosenberger findet die Kündigung deshalb auf dem Rücken des Jungen statt. „Es wird eine ganze Zeit dauern, bis sich der Junge wieder an eine neue Fachkraft gewöhnt hat. Die Kündigung ist völlig unsinnig.“

Die Stiftung kann Rosenbergers Kritik nicht ganz nachvollziehen. „Wir sind eine Wertegemeinschaft, und gehen auch ganz transparent und offen damit um“, sagt Onno Hagenah, kaufmännischer Vorstand der Stiftung Friedehorst. „Menschen, die unsere Unterstützung benötigen und zu uns kommen oder Menschen die uns einen Angehörigen anvertrauen, tun das ja oft gerade deshalb, weil sie wissen, dass bei uns christliche und diakonische Werte gelebt werden.“ Deshalb sei es wichtig, dass auch die Mitarbeiter Teil des Wertesystems sind.

Wer in Friedehorst eine Arbeitstelle antreten möchte, muss Mitglied in einer Kirche der „Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen“ sein, einem Zusammenschluss christlicher Kirchen in Deutschland. Sind neue Mitarbeiter es nicht, haben sie nach Angaben der Stiftung innerhalb der Probezeit die Chance, ihre Überzeugungen zu ändern und in die Kirche einzutreten. Das Gleiche gilt für Auszubildende. Ohne Kircheneintritt, wird ihr Arbeitsverhältnis in der Regel nicht weitergeführt.

Bekanntes Prozedere

Rosenberger kennt dieses Prozedere bereits. Von 1977 bis 1979 hat er in Friedehorst eine Ausbildung zum Altenpfleger gemacht. Einer Weiterbeschäftigung hätte in der Theorie nichts entgegengestanden, sagt er, doch auch damals wollte der überzeugte Atheist und Kommunist nicht von seinen Überzeugungen abweichen. Er entschied sich in den folgenden Jahren für die Bremer Heimstiftung und den Martinsclub als Arbeitgeber.

Dass die Stiftung in Bremen-Nord ihren eigenen Ansprüchen nicht immer gerecht werden kann, verrät ein Blick in die Stellenanzeigen der Einrichtung. So ist die Mitgliedschaft einer Kirchengemeinde zwar für pädagogische Fachkräfte oder Pflegepersonal Voraussetzung. Für Oberärzte, die für eine Rehaklinik gesucht werden, gilt aber etwas anderes. Für diese Position reicht die Identifikation mit der diakonischen Ausrichtung von Friedehorst aus. Damit wiederum könnte sich auch Rosenberger anfreunden. „Ich engagiere mich seit vielen Jahren in der antifaschistischen Bewegung und der Friedensbewegung mit Pastoren aus den verschiedenen Kirchen“, sagt er. Rosenberger findet es unfair, dass die Stiftung bei einigen Berufen unterscheidet.

Ausnahmeregelung im Einzelfall möglich

Der Vorstand begründet das mit Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt. „In Fällen, in denen es uns nicht möglich ist, Mitarbeiter zu finden, die der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen angehören, ist eine Ausnahmeregelung im Einzelfall möglich“, sagt Hagenah. In solchen Fällen würde das Kuratorium der Stiftung Bewerber genau prüfen. Ausnahmen wurden nach Angaben der Stiftung bereits unter anderem bei Mitarbeitern mit muslimischem, russisch-orthodoxem, neuapostolischem, baptistischem und evangelisch-freikirchlichem Glauben gemacht. „Wir haben auch vereinzelt Fälle von konfessionslosen Mitarbeitern“, so Onno Hagenah. Hierbei handele es sich überwiegend um Personen, die in der ehemaligen DDR mit Restriktionen bezüglich der Religion aufgewachsen sind.

Für Auszubildende, Praktikanten, Schüler oder Menschen, die Hilfe und Unterstützung bräuchten, gilt die Regel nicht, so der Vorstand. „Die Auszubildenden haben die Möglichkeit, die wertebasierte Arbeit kennenzulernen, um sich dann am Ende der Ausbildung dafür oder eben auch dagegen entscheiden zu können, für uns als Arbeitgeber zu arbeiten“, sagt Hagenah.

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