Serie: Bremerhavens unentdeckte Seiten

Kultige Kneipen und viel Kultur

Die „Alte Bürger“ in Bremerhaven hat sich zum Szene-Viertel entwickelt. Neben Kneipen und Bars bietet sie außerdem viel Kultur - für alle Altersklassen.
29.04.2019, 19:05
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Von Nicole Schulze-Aissen
Kultige Kneipen und viel Kultur

Beim ersten Sonnenstrahl sitzt man auf der Szene-Meile traditionell draußen. Die Straße im Stadtteil Lehe ist beliebter Treffpunkt.

Schulze-Aissen

Es ist Samstagmittag und einer der ersten warmen Frühlingstage im Jahr. Sonnenstrahlen tauchen die bunt gestrichenen Fassaden der restaurierten Altbauten an der „Alten Bürger“ in warmes Licht. Aus Läden und Cafés ist fröhliches Stimmengewirr und leise Musik zu hören. Der besondere Bereich, angesiedelt auf der Bürgermeister-Smidt-Straße zwischen Waldemar-Becke-Platz und Bürgermeister-Donandt-Platz im Bremerhavener Stadtteil Mitte, ist Szene-Meile und beliebter Treffpunkt zugleich.

Am Eingang des Hauses mit der Nummer 190 steht Jens Rillke an die Mauer gelehnt. Die signalrote Farbe des Türrahmens vom Stadtteilbüro ist stellvertretend für seine Funktion. Rillke ist der Quartiersmeister der „Alten Bürger“, wie die Straße liebevoll genannt wird. Als Schnittstelle und Ansprechpartner kümmert er sich um die Belange der Anwohner, Geschäftsinhaber und Gastronomen. Möglich ist das durch Fördermittel aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Rillke weiß, was im Quartier läuft – und das ist einiges.

„Wir haben rund 300 Veranstaltungen pro Jahr – davon allein 70 Konzerte. Die vielen verschiedenen Kneipen sind perfekt für die unterschiedlichen Musikstile“, erzählt der 55-Jährige. Er ist sichtlich stolz auf die Vielfalt in der „Alten Bürger“, und das kann er auch sein. Von der gemütlichen Szene-Bar über die Sportkneipe oder den Rock-Pub bis zum Wohnzimmer-Café – in der nur knapp einen Kilometer langen Straße findet sich alles.

Ein Brotback-Kurs im "Findus"

Dazu gehören auch Galerien, Restaurants, individuelle Geschäfte und selbst ein Theater. Dass es diese bunte Mischung überhaupt gibt, ist der Bremerhavener Vergangenheit zu verdanken. Schon Anfang des vergangenen Jahrhunderts haben sich die Seemänner des nahen Hafens hier in den Gaststätten vergnügt. Tatsächlich war die Seestadt einmal die Stadt in Europa mit den meisten Kneipen.

Im Laufe der Jahrzehnte hat die „Alte Bürger“ als Teil der Bürgermeister-Smidt-Straße so manches wirtschaftliches Auf und Ab erlebt – unter anderem durch den Abzug der amerikanischen Soldaten Anfang der 1990er-Jahre. Leerstände gibt es hier auch heute noch in manchem Erdgeschoss. Aber die „Alte Bürger“ entwickelt sich zunehmend zum kulturellen Mittelpunkt der Stadt. Ein Grund sind die vielen Studenten, die hier in den charmanten Altbauten ihr Zuhause finden.

Das Wohnzimmer-Café „Findus“ ist einer der Anlaufpunkte für Kaffeebummler, Kuchen-Liebhaber und Veggie-Fans. Selbst einen Brotback-Kurs gibt es hier. Kein Wunder, denn Christian Brinker, der mit seiner Frau Fiona die gute Stube für Esskultur betreibt, ist von Beruf Bäckermeister. „Wir wollten einen schönen Ort schaffen, an dem sich die Menschen wohlfühlen und entspannen können“, sagt der 29-Jährige. Das ist offensichtlich gelungen.

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Auf gemütlichen Sofas, Polsterstühlen und Sesseln sitzen auch an diesem Tag Studenten, Rentner und Familien mit Kindern im „Findus“ zusammen. Neben Ausstellungen und Konzerten findet hier auch einmal im Monat das „Repair-Café“ statt: Experten aus der Nachbarschaft reparieren freiwillig und kostenlos kaputte Kleidung, altes Spielzeug und selbst Toaster, die den Geist aufgegeben haben.

Gemeinsamkeit und Nachhaltigkeit spielen eine große Rolle in der neuen „Alten Bürger“. Das zeigt das kleine charmante Geschäft ein paar Häuser weiter. Der „Glückswinkel“ ist der erste Laden in Bremerhaven, der außer nachhaltigen Alltagsprodukten aus fairem Handel künftig auch unverpackte Lebensmittel verkauft. Lose Nudeln, Trockenfrüchte, Nüsse und Co. wandern hier in die mitgebrachten Behälter der Kunden. „So vermeiden wir unnötigen Müll, und jeder kauft nur so viel, wie er braucht“, erzählt Mitinhaberin Anne Bink begeistert.

Nach und nach ist so das bunte Leben mit vielen unterschiedlichen Menschen in die „Alte Bürger“ eingezogen. Die Farbenpracht im Schaufenster nebenan zeigt das ganz besonders ansprechend. Die Inhaberin heißt tatsächlich Färber mit Nachnamen. Man könnte die 39-Jährige aber eher als eine Ton-Ingenieurin der besonderen Art bezeichnen. Angela Färber hat nicht nur ihr technisches Studium abgeschlossen, sondern vorher eine Ausbildung zur Keramikerin gemacht. Sie arbeitet mit Ton und sitzt fast schon meditativ inmitten der Regale mit bunten Tellern, Vasen, Anhängern und Schüsseln vor ihrer Töpferscheibe, die sich unermüdlich dreht. „Ich finde es hier klasse. Ursprünglich komme ich aus Koblenz, aber dort habe ich auch schon immer den Binnenschiffen mit den Containern hinterher geguckt“, sagt sie. Vor sieben Jahren hat sie sich dann ihren Traum erfüllt und in der „Alten Bürger“ 194 ihre eigene Keramikwerkstatt eröffnet. Seitdem bietet sie hier individuelle Töpferkurse und handgefertigtes Steinzeug an.

Alt und Jung gemeinsam

Draußen macht Rillke sich inzwischen auf einen kurzen Gang durchs Quartier. Beim Schlendern hat er Zeit zum Erzählen. „Was diese Straße einzigartig macht, ist zum Beispiel das alljährliche Straßenfest mit mehr als 15 000 Besuchern an drei Tagen – aber auch Aktionen wie die „Nacht der Hautkunst“. Sowas gibt es bundesweit sonst nirgendwo.“ Einmal im Jahr treffen sich dabei Tätowierer aus Deutschland und den Niederlanden in den Kneipen der „Alten Bürger“.

„Eine Enkelin hat ihrem Großvater einmal sein erstes Tattoo zum Geburtstag geschenkt“, erzählt Rillke lachend. Alt und Jung gemeinsam – das funktioniert in der „Alten Bürger“ problemlos. Während sich im Zimmertheater „Piccolo teatro“ mit Platz für gerade mal 40 Zuschauer am Wochenende das gemischte Publikum vor Lachen biegt, spielt im Veranstaltungszentrum „Pferdestall“ gleich um die Ecke eine russische Ska-Band vor Musik-Fans von 20 Jahren an aufwärts.

Die „Alte Bürger“ erfindet sich immer wieder neu: Der „Pferdestall“ war wirklich einmal der Pferdestall einer Kutschen-Spedition der Jahrhundertwende. Heute steht hier die Bühne zwischen den alten Steintränken. Und in die Räume einer ehemaligen Schlachterei ziehen jetzt Studenten mit ihrem Startup-Unternehmen ein. Sie wollen mit fermentiertem Tee das Wellness-Getränk „Kombucha“ herstellen und verkaufen – ein Projekt des bundesweit einzigen Studiengangs für Gründung, Innovation und Führung (GIF) an der Hochschule Bremerhaven.

Rillke hat seinen Rundgang beendet und steht noch kurz draußen vor seiner Quartiersmeisterei in der Sonne. Kein Wunder, denn zusätzlich zum Szene-Leben in der „Alten Bürger“ gibt es hier eines ständig – und das auch noch gratis: frische Seeluft.

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