Ilgin Ülkü bei Culture Connects Kultur verbindet

Studierende der Hochschule für Künste (HfK) Bremen setzen mit dem Projekt Culture Connects Zeichen. Die türkische Violinistin und Komponistin Ilgin Ülkü hat es mitgegründet.
10.03.2018, 22:48
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Martin Ulrich

An der Hochschule für Künste (HfK) Bremen studieren Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen. Menschen, die kein Problem mit der Integration und der Zusammenarbeit haben, weil sie etwas verbindet: die Liebe zur Kultur. Mit Kultur die Integration der Neubürgerinnen und Neubürger zu erleichtern: Das ist die Idee hinter dem Projekt Culture Connects. Der deutsch-polnische Violinstudent Roman Ohem, die türkische Violinistin und Komponistin Ilgin Ülkü, der chilenische Violoncellist Arturo Figueroa, die polnische Violinistin Maja Syrnicka, der deutsche Musiker Aldo Brecke und der deutsche Mediendesigner Sven Rose haben es 2015 gestartet.

Der jüngste Auftritt von Culture Connects war im Gerhard-Marcks-Haus. Ilgin Ülkü, Violine, und Marcin Sieniawski, Violoncello, spielten Werke von Erwin Schulhoff, Maurice Ravel und Zoltán Kodály. Eine Türkin und ein Pole interpretierten also Werke eines in Prag, damals Österreich-Ungarn, geborenen Komponisten, eines Franzosen und eines Ungarn. Kultur verbindet.

Schulhoff und Marcks hatten noch eine weitere kulturelle Verbindung. Ihre Arbeiten überstiegen den geistigen Horizont der Nazis ganz erheblich. Folgerichtig wurde beide als entartete Künstler diffamiert und mit Arbeitsverboten belegt.

Das West-Eastern Divan Orchestra (Orchester des West-Östlichen Divan) war ein Vorbild für Culture Connects. Dieses Ensemble wurde 1999 von Daniel Barenboim, Edward Said und Bernd Kauffmann gegründet. Es besteht zu gleichen Teilen aus israelischen und arabischen Musikerinnen und Musikern und setzt sich für friedliche Lösungen im Nahostkonflikt ein. Es gastiert weltweit.

Die kleine Gruppe von Culture Connects hat zunächst begonnen, Flüchtlinge einzuladen und sie mit der polnischen Kultur vertraut zu machen, mit Musik und mit Essen. Dazu haben sie in der Mensa gekocht und ihre Gäste informiert und unterhalten. Dolmetscher für die Sprachen der Neubürger zu finden, war an der Hochschule kein Problem. Der Abend war ein Erfolg – also haben sie ihn zwei Mal wiederholt.

„Kommilitonen aus dem Gesang und aus der Pädagogik haben sich dann gefragt: Warum nur Polen?“, erzählt Roman Ohem. „Die kulturelle Vielfalt an der Hochschule ist ja sehr groß. Und jeder Einzelne bringt einen Teil seiner Heimat mit. Das wollten wir zeigen. Seitdem läuft es. Wir hatten einen Volksliederabend, wir hatten einen russischen Abend, wir hatten einen türkischen und einen polnischen Abend in der Glocke.“ Inzwischen hätten sie über 17 Auftritte hinter sich und seien sogar in Hamburg gewesen.

Ilgin Ülkü stammt aus Istanbul, hat in Bremen Violine studiert und mit dem Master mit Bestnote abgeschlossen. Sie gilt als großes Talent. Inzwischen studiert sie Komposition. Vor einigen Wochen hat sie im Haus im Park eigene Kompositionen gemeinsam mit der ukrainischen Pianistin Kristin Legostaeva vorgetragen. Das Konzert hat sehr gute Kritiken bekommen. Auch Kristina Legostaeva hat in Bremen studiert. Sie ist als Konzertpianistin, als Singer-Songwriterin und als Dozentin unterwegs. Während sie in Deutschland studierte, brachen in ihrer Heimat die Unruhen aus. Sie kann nicht mehr zurück. In der heißen Phase des Konfliktes hatte sie große Sorgen um ihre Mutter, die in der Ukraine geblieben ist.

Marcin Sieniawski sagt auf die Frage, ob er wie Roman Ohem einen polnischen Migrationshintergrund habe: „Ich bin Pole.“ Er gehört zu den vielseitigsten Cellisten der Welt, hat schon in der Carnegie Hall in New York gespielt, in der Wigmore Hall in London, in der Philharmonie de Paris, dem Concertgebouw in Amsterdam, um nur einige zu nennen. Der vielfach ausgezeichnete Musiker ist Professor und arbeitet derzeit auch als Solocellist. Im Gerhard-Marcks-Haus brillierten Ülkü und Sieniawski gleichermaßen. Beide spielten ausdrucksstark und beherrschten den gesamten Tonumfang ihrer Instrumente perfekt. Sie spielten sanft, sie spielten heftig und immer genau. Besonders beeindruckend war, wie frisch und modern die Kompositionen aus den 20er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts klangen.

Roman Ohem lieferte noch ein Beispiel ­dafür, wie sehr Kultur verbindet: Ein­ ­befreundeter, syrischer Pianist habe auf einem Festival in Hamburg einen Preis für seine Interpretation einer polnischen Komposition erhalten. „Für junge Musiker hat die kul­turelle Herkunft eines Menschen keine ­trennende Bedeutung mehr.“ Kultur verbindet.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+