Theaterurauffführung nach Michel Houellebecq

Abgewirtschaftete Männlichkeit

An Hamburgs Schauspielhaus bringt Falk Richter „Serotonin“ nach Michel Houellebecq zur Uraufführung. Die geradlinige Inszenierung wandelt souverän auf dem schmalen Grat zwischen Tragödie und Farce.
07.09.2019, 15:20
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Abgewirtschaftete Männlichkeit
Von Hendrik Werner
Abgewirtschaftete Männlichkeit

Muss ein Mann wirklich tun, was ein Mann angeblich tun muss? Im Vordergrund beklagt die glänzend aufgelegte Schauspielerin Josefine Israel mit einem Jennifer-Rush-Song die notorische Untreue von Jägern und Sammlern, während Florent-Claude (Tilman Strauß) im Hintergrund Zerknirschung allenfalls vorgibt. Die goldenen Ähren gehören zum bemerkenswerten Bühnenbild, das Katrin Hoffmann der Hamburger "Serotonin"-Uraufführung spendiert hat.

Arno Declair

Bremen. Für „Serotonin“, seinen jüngsten Roman (der hierzulande im Januar erschienen ist), hat der französische Schriftsteller Michel Houellebecq ein neuartiges Antidepressivum ersonnen, das den eingängigen Namen „Captorix“ trägt. Das Medikament sei „erstaunlich wirksam“, räsoniert die sporadisch von Grübel-Schüben umflorte Hauptfigur Florent-Claude Labrouste, weil es dem Patienten erlaube, „mit einer neuen Leichtigkeit an den entscheidenden Riten eines normalen Lebens innerhalb einer hochentwickelten Gesellschaft teilzuhaben (Körperpflege, ein auf gute Nachbarschaftsverhältnisse beschränktes Sozialleben, simple Behördengänge)“.

Nur und immerhin einen – in seinem Fall bedeutsamen – Nachteil hat das vermeintlich beglückungsträchtige Wundermittel: eine signifikante Schwächung der Potenz. Das ist für einen alternden, weißen, heterosexuellen Mann wie den 46-jährigen Florence-Claude, der mit seinem zarten Vornamen ebenso hadert wie mit seiner beratenden Stellung im Landwirtschaftsministerium, natürlich eine Katastrophe ersten Ranges. Schließlich gilt ihm das Ausspielen libidinöser Macht als einer der wenigen Faktoren, die ihn am Leben hält.

Würstchen im Morgenmantel

Folgerichtig sieht das Publikum im Deutschen Schauspielhaus Hamburg zum Auftakt der Spielzeit einen Protagonisten zwischen Pose und Posse: als saft- und kraftloses Würstchen im Morgenmantel – samt tragikomischer Tendenz zur Selbstzerfleischung. Jämmerlich ist dieser Typ, ärmlich und erbärmlich seine nostalgische Rückschau auf Freiheit und Jagdabenteuer, eine Allegorie des abgewirtschafteten Prinzips Männlichkeit.

Damit wenigstens irgendetwas potenziert wird in diesem spätbürgerlichen Trauerspiel, das über weite Strecken Züge einer Farce trägt, tritt Michel Houellebecqs Ich-Erzähler Florent-Claude den Zuschauern gleich in vierfacher Ausfertigung gegenüber: Carlo Ljubek, Peter Kampwirth, Tilman Strauß und Samuel Weiss lamentieren in Bademänteln und Feinripp-Unterwäsche schier endlos über Verlust, Vergänglichkeit, Verfall, titulieren sich mal monologisch, mal chorisch als „Waschlappen“ und „substanzloses Weichei“. Unterdes spotten Josefine und Sandra Gerling vom ersten Rang aus aus in Waldorf-und-Statler-Manier über das beredte Selbstmitleid, mit dem sich das einstige Alphatier, diese vermeintliche Krönung der Schöpfung, in ihre chronische Erschöpfung fügt.

Regisseur Falk Richter inszeniert die mit starkem Applaus bedachte Uraufführung „Serotonin“ in einer eigenen Stückfassung, die geradlinig, gewitzt, gelungen und mit einer Dauer von 160 Minuten – eine Pause inbegriffen – gut bemessen ist. Um Florent-Claudes Erfahrung zerstobener Omnipotenzfantasien und zerschmetterter Virilitätsträume über den schieren Text hinaus bühnentauglich zu gestalten, sind zentrale Passagen der satirisch gestimmten Produktion einer Rock-Oper nachempfunden worden.

In diesem Beritt tut sich unter den Männchenfiguren besonders Carlo Ljubek mit Mikrofon-Verrenkungen hervor, die abwechselnd Kurt Cobain und Jim Morrison zitieren. Das ebenfalls persiflierende Pendant zu diesem rührend albernen Abziehbild empfindsamer Maskulinität gibt, kurz vor der Pause, die glänzend aufgelegte Josefine Israel, die als betrogene Gespielin des vormaligen Nimmersatts Florent-Claude Jennifer Rushs kraftvoll „The Power of Love“ in Richtung Parkett röhrt.

Die Bühne ist an diesem Abend eine wahre Wundertüte, die ihr, nun ja, Potenzial langsam, aber stetig entfaltet. Anfangs sind es vor allem faszinierend dynamische Videoprojektionen (Sébastien Dupouey), vor denen sich die zynisch unterfütterte Dauerklage des gebrochenen Maulhelden ereignet. Später, als sich der zwischen privaten und politischen Notständen gut austarierte Abend thematisch zu einem apokalyptisch orchestrierten Abgesang auf die westliche Kultur unter besonderer Berücksichtigung verheerender Agrarwirtschaftsmethoden weitet, steuert Katrin Hoffmann ein detailliert ausgestattetes Schäferidyllbild von einem Landhaus bei.

Der behaglich anmutende Backsteinbau stellt das Domizil des blaublütigen Milchbauern Aymeric d'Harcourt-Holande vor. Zu diesem früheren Kommilitonen, Trink-, Rauch- und Musikrausch-Kumpanen flüchtet sich Florent-Claude auf seinem heillosen Selbstbetrauerungstrip. Trost findet er dort freilich nur bedingt, denn auch Aymeric scheint nah an der Depression gebaut zu sein.

Gelbwesten-Prophezeiung

Immerhin scheint diese Kontrastfigur aus weniger egozentrischen Gründen verzweifelt – und zumindest mit jener Perspektive auf Engagement und Wandel ausgestattet, die Florent-Claude notorisch abgeht. Aymeric schwingt sich nämlich zur Galionsfigur jener militanten Proteste auf, die sich gegen die desaströsen Folgen der EU-Milchquote richtet. Er hat eine Waffensammlung, und es wird Tote geben. Richter inszeniert diese wesentliche Buchpassage, die Teile der Literaturkritik als Prophezeiung der Gelbwesten-Bewegung interpretiert haben, mit ungleich mehr Ernst und Emphase als die lachhaften Litaneien des bauchnabelfixierten Serotonin-Junkies Florent-Claude. Auch dieser moderat angebahnte Wechsel der Betriebstemperatur steht der gelungenen Produktion gut an.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen: 10.9., 19.30 Uhr; 21.9.,

20 Uhr; 22.9., 16 Uhr; 23. u. 25.10., 19.30 Uhr;

16. u. 21.11., 19.30 Uhr.

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