Filmpremiere in der Bremer Schauburg

Acht Fäuste für den Goldenen Handschuh

Bremer Vorstellungen von Fatih Akins Serienmörder-Moritat werden mit vier Darstellern und viel Fanta-Korn gefeiert.
22.02.2019, 15:18
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Acht Fäuste für den Goldenen Handschuh
Von Hendrik Werner

Bremen. Dieser Film ist eine notwendige Zumutung. Sein Ekel-Potenzial spricht keineswegs gegen ihn, sondern zeugt von der ungeheuren Gründlichkeit, mit der seine literarische Vorlage und deren krudes Sujet illustriert worden sind. Der Hamburger Fatih Akin hat Heinz Strunks als Roman getarnte Milieustudie und Serienkiller-Biografie „Der Goldene Handschuh“ (2016) verfilmt.

Nicht so sehr als Horrorfilm wie vielfach kolportiert; vielmehr als deprimierendes Sozialdrama um verwüstete Seelen in der Großstadt im Allgemeinen und abgehängte Alkoholiker im Besonderen. Mit einem Hauptdarsteller, dessen beklemmendes Spiel allein schon das – fordernde – Ansehen des 110-Minüters lohnt: Der 23-jährige Jonas Dassler verkörpert auf zugleich stumpfe und eindringliche Weise Fritz „Fiete“ Honka (1935-1998), der in den 70er-Jahren vier Frauen auf St. Pauli ermordete, die er in der Kiezkneipe „Der Goldene Handschuh“ abgeschleppt hatte.

Bei der Ausmalung von dessen Sadismus und Saufexzessen, Watschen und Würgen, Erschlagen und Erstechen, Vergewaltigen und Zerstückeln geht Fatih Akin absichtsvoll und wiederholt an Grenzen des Geschmacks und des Darstellbaren. Roh und unmittelbar, abgeschmackt und nachgerade naturalistisch. Ohne Exposition, ohne Gesten historischer Distanzierung.

Im Kino, hat der französische Schriftsteller und Filmregisseur Jean Cocteau einmal bemerkt, könne man dem Tod bei der Arbeit zusehen. Dasslers monströser Honka hat bei der Verrichtung seines Jobs verschiedentlich mit einer grotesken Eigendynamik des Menschenmaterials zu kämpfen: Eine Frau, die er ersticken will, hat einen überraschend langen Atem. Eine andere lässt sich weniger leicht mit der Säge zerlegen als gedacht.

Blut, Schweiß, Korn-Dunst

Blut, Schweiß, Korn-Dunst, Tränen und andere Sekrete dringen aus allen Poren der Protagonisten, deren gezeichnete Gesichter und unförmige Leiber oftmals in peinigend hyperrealistischen Großaufnahmen aufscheinen. Der Tod ist ein dreckiges und stinkendes Geschäft. Dagegen vermögen auch jene Duftbäumchen nichts, die Honka in seiner prekären wie unheimlichen Bude zwischen Porzellanpuppen und Pin-up-Girls verteilt.

Was explizite Gewaltdarstellungen anbelangt, ist „Der Goldene Handschuh“ weit weniger subtil und akademisch zeichenhaft als Lars von Triers horrende Massenmördermär „The House That Jack Built“, die jüngst bezeichnend kurz im Kino zu sehen war. Ironisch grundierte Schlachtszenen, wie sie beispielhaft die martialische Gesellschaftssatire „American Psycho“ (2000) nach Bret Easton Ellis vorführt, sind Mangelware. Es sei denn, jemand fände es lustig, wenn der Täter seine entblößten Opfer mit Kochlöffel und Würstchen traktiert.

So wenige Entlastungslacher die von den Ausstattern detailgenau ins Bild gesetzte Horrorwohnung des alkoholkranken Hilfsarbeiters Honka auch hergibt, so wohltuende Brechungen unterlegen die rustikalen Kaschemmenszenen diesem insgesamt schwer verdaulichen und doch lohnenden Film. Das liegt nicht zuletzt am Bremer Schauspieler Dirk Böhling, der wie drei seiner Mitstreiter die hiesige Premiere am Donnerstagabend in der Schauburg adelte. Die derbe Komik, mit der Böhlings Figur „Soldaten-Norbert“ ein Jüngelchen auf dem Kneipenklo angeht, zählt ebenso zu den willkommenen Verschnaufmomenten zwischen den Schlachthaus- und Vollrauschszenen wie die skurrilen Wortmeldungen von Hark Bohm, der als „Dornkaat-Max“ ebenfalls zum Lebendinventar der Spelunke gehört.

Abgefeimte Gossenrhetorik

Empfindsame Zeitgenossen müssen sich indes auch an diesem Schauplatz auf Zeugnisse abgefeimter Gossenrhetorik („Ich könnte Fotzen fressen wie Kartoffelsalat„; „Bitte wässern Sie Ihren Aal nicht in der Dame“) einstellen. Das galt bereits für die gleichfalls nicht zimperliche Uraufführung des strapaziösen Strunk-Stoffes am Hamburger Schauspielhaus im November 2017: Auch dort war eine lallende und lästernde Zechergesellschaft zu besichtigen, die abwechselnd grenzwertige Zoten und Fanta-Korn im Munde führt. Der war zur Premierenfeier auch in der Schauburg im Ausschank. Was Alkohol aus Menschen machen kann, wurde dem Publikum ja zuvor ad nauseam vorgeführt.

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