Literatur Ästhetik des Verfalls

Begnadeter Provokateur, gesellschaftspolitischer Visionär und begabter Selbstdarsteller: Julia Encke inspiziert die Kunstfigur Michel Houellebecq, Frankreichs berühmtesten Schriftsteller.
04.01.2018, 11:17
Lesedauer: 2 Min
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Ästhetik des Verfalls
Von Hendrik Werner

Die Rezeptionsgeschichte seines Werks ist eine Geschichte voller Missverständnisse: Oft wurde dem Romancier Michel Houellebecq Unrecht getan. Oft wurde ausgerechnet dieser große Moralist der Gegenwartsliteratur als unmoralisch verfemt, oft wurden provokante Texte wie „Elementarteilchen“ (1998) verkürzt gelesen. Dass sich die vormals häufig ätzende bis maßlose Kritik seit den Romanen „Karte und Gebiet“ (2011) sowie „Unterwerfung“ (2015) in ihrem Lob nahezu einig ist, spricht weder gegen sie noch für eine plötzliche Zahnlosigkeit des auch in seinen jüngeren Erzählwerken gewohnt bissigen Houellebecq.

Apropos: Ein zentrales Kapitel in Julia Enckes sehr lesenswerter Monografie über das vermeintlich ungepflegte Enfant terrible der französischen Literatur handelt von der 2014 erstmals ausgestrahlten Doku-Fiktion „Die Entführung des Michel Houellebecq“. Darin spielt der Mann im versifften Parka, der seit jeher eine Identifizierung durch die auf Urheberschaft fixierte Literaturpolizei abzuwenden versucht, sozusagen sich selbst.

Ausgangspunkt der Mockumentary ist Houellebeqcs Verschwinden im Herbst 2011. Damals war der Autor während einer Lesereise tagelang nicht auffindbar. Medien spekulierten: Komasaufen? Freitod? Mord? Immerhin hatte seine Islamkritik, die vier Jahre später in „Unterwerfung“ gipfeln sollte, dem Mann nicht nur Freunde eingetragen. Überdies hatte sich Houellebecq „Karte und Gebiet“ als Ko-Protagonist eingeschrieben; die Figur wird – übrigens! – im Jahr 2018 unter dubiosen Umständen in ihrem Landhaus ermordet. Das ist nur eine spektakuläre Volte dieses Romans, der das poststrukturalistische Gewese französischer Philosophen um den Tod des Autors kunstvoll der Lächerlichkeit preisgibt.

Auf die Effekte dieser Dopplung, die Überpointierung des körperlichen Verfalls wie auch auf die Ästhetik des Verschwindens richtet die Philologin und Jounalistin Julia Encke in „Wer ist Michel Houellebecq?“ ihr Hauptaugenmerk. Über ein Gespräch, das Houellebecq mit dem Regisseur der besagten Mockumentary, Guillaume Nicloux, führte, heißt es: „Seine sowieso schon schmal-bewegungslose Oberlippe war fast ganz erstarrt, die Backen waren so eingefallen, dass man sich nicht sicher war, wo seine Zähne waren, und natürlich rauchte er irgendwann auf seine berühmte Art, bei der er die Zigarette fest zwischen dem ersten Glied des Ring- und Mittelfingers der rechten Hand einklemmte.“

Encke benennt Houellebecqs Maskenspiele und ordnet sie ein: in jene Avantgarde-Tradition, die Sphären der Kunst und des Lebens verschmilzt. Houellebecq-Verächtern mag das kein Trost sein, immerhin aber zur Erklärung gereichen.

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