Bunte Revue am Kleinen Haus Akrobat schööön!

Gelungener Geschichtszirkus: Armin Petras inszeniert am Theater Bremen „Love you, Dragonfly“, ein Stück seines schreibenden Alter Ego Fritz Kater. Das Publikum applaudiert, für Bremer Verhältnisse, stürmisch.
15.09.2018, 14:29
Lesedauer: 3 Min
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Akrobat schööön!
Von Hendrik Werner

Bremen. Auf der Bühne stehen zwei Puppen. Sie sind unterschiedlich groß, vielleicht sind es auch zwei Menschen. Sie sind nicht bekleidet. Ihre Gesichter sind ohne Ausdruck. Ihre Münder sind stumm. Sie betrachten ihre Hände, bewegen ihre Arme, probieren ihre Beine aus, nähern sich an, streben wieder auseinander. In Gang gesetzt, gehalten und gestaucht, beschützt und ausgesetzt von zunächst zwei Puppenspielern, dann vier, dann fünf. Sanfte Streichmusik untermalt das stimmungsvolle Nachtstück. Hände und Arme der Spieler sowie der von Judith Mähler gefertigten Puppen, die vielleicht Menschen sind, greifen ineinander, verknäulen sich, driften dann wieder auseinander. Traumwandlerisch langsam, faszinierend, berührend. Dem vorgeführten Scheitern der Vereinigung mag ein Fünklein Hoffnung innewohnen, und der Mund entsteht mit dem Schrei.

Sechs beachtliche Bilder in 160 Minuten bietet Fritz Katers Stück „Love you, Dragonfly“, das sein natürlicher Sachwalter, Bremens neuer Hausregisseur Armin Petras, im Kleinen Haus mit einem betörend aufgelegten Ensemble auf die Bühne bringt. Uraufgeführt worden sind diese „Sechs Versuche zur Sprache des Glaubens“ vor zwei Jahren in Bonn. Es handelt sich um zum Bersten autobiografisch und hagiografisch, politsymbolisch und intertextuell aufgeladene Geschichtstableaus. Zeitlich reichen sie vom Staatsterrorismus Stalins (Sowjetunion 1935) über die Erosion des sozialistischen Blocks (Ungarn 1989) bis in die deutsche Gegenwart (mit drolligen Ansätzen einer Bremer Fassung!).

Zeitreise und Selbstzerfleischung

Zu besichtigen sind planvolle Fragmente namens "Liebe" und "Familie", "Gott" und "Freiheit", Fortschritt" und "Leben". Goutieren lassen sie sich auch, vielleicht gerade ohne Kenntnis ihrer subtilen Verästelungen und ihrer nachgerade bodenlosen Subtexte. Die Zuschauer, die am Ende für Bremer Verhältnisse durchaus stürmisch applaudieren, werden auf Textinseln der Unordnung ausgesetzt; stilistisch geschult an den Dramen Bertolt Brechts und seiner Epigonen, teils weiteren Hausgöttern des Autors abgelauscht, der ein exzessiver Literat auf zweiter Stufe ist. Hier ein Fetzen Georg Büchner, dort eine Prise Tschingis Aitmatov, da ein guter Esslöffel Jules Verne.

Es gibt Zeitreisen und Tänze, Revolutionspathos und Revolutionskaterstimmung, Konfettiregen und chorische Totenbeschwörungen, einen im Hotel Lichtsinn gedrehten Spielfilm und weitere originelle Videosequenzen (Rebecca Riedel). Es gibt Liebeshändel, Geschwisterkämpfe und reichlich deutsche Selbstzerfleischung. Es gibt luzide Lichteffekte (Norman Plathe-Narr), kolossale Kostüme (Patricia Talacko) und teils atemberaubend arrangierte Räume (Bühne: Peter Schickart). Es gibt Stuntwoman-Kabinettstückchen von Mirjam Rast (die sich an diesem Abend zudem für größere Sprechrollen empfiehlt) sowie bewegende Gitarren- und Pianoballaden des Liedermachers Philipp Poisel. Die neuen Ensemblemitglieder Deniz Orta und Ferdinand Lehmann haben einen Auftakt nach Maß. Alexander Angeletta und Fania Sorel bedienen souverän die Klaviatur großer Gefühle, des Scheiterns zumal. Gegeben wird mithin ein, nun ja, schillerndes Panoptikum; freilich ohne den erhabenen Mehltau der deutschen Klassik.

Oftmals gerät das Bombardement der Bilder absichtsvoll sperrig: Nach der Pause, die das vierte und das fünfte Bild trennt, gibt es mancherorts mehr Beinfreiheit. Die Abgänger verpassen einen Höhepunkt – unter etlichen – dieser bunten Show, die ein gelungener Geschichtszirkus ist: ein doppelbödiges Satyrspiel um Ästhetik und Start-up-Karrieren, Mammon und Geschlechtsumwandlung; dargeboten von Manolo Bertling, einem agilen Gast vom Stuttgarter Schauspiel – Petras' vormaliger Wirkungsstätte –, und Simon Zigah, der mit gleich mehreren grandiosen Soli zum Mitarbeiter des Abends avanciert.

Mit Sarah Connors Narben

Kater lädt dem Publikum viel auf, Petras verlangt den Akteuren viel ab. Ihr Theater der Verausgabung fordert jede Menge, gibt aber ungleich mehr zurück. Etwa die lustige wie bezeichnende Passage im zweiten Teil der Glaubensexerzitien. Beziehungsreicher Titel: „Familie“. Kater und Petras verquirlen darin Heiner Müllers Lehrstück-Travestie „Wolokolamsker Chaussee V. Der Findling nach Kleist“ (1986) mit Sarah Connors Narben-und-Farben-Song „Wie schön du bist“ (2015). Anderswo zitiert das Stück verdeckt „Herakles 2 oder Die Hydra“, ein Prosa-Intermedium aus Heiner Müllers „Zement“ (1972).

Man ahnt: Petras, der in Ostberlin nahe der Volksbühne aufwuchs und Mitte der 80er-Jahre Regie an der Ernst-Busch-Hochschule studierte, hat 23 Jahre nach Müllers Tod noch viel mit dem Übervater der DDR-Dramatik zu klären. Dazu passt, dass im Januar am Berliner Ensemble ein Fritz-Kater-Stück namens „heiner 1-4“ in einer Inszenierung Lars-Ole Walburgs zur Uraufführung kommt. So viel Palimpsest wird selten gewesen sein. Schön, dass Kater und Petras auch in Bremen überschreiben und Puppen tanzen lassen!

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

16. September, 18.30 Uhr; 19. September, 17. und 18. Oktober sowie 17. November, 20 Uhr.

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