Akua Naru in Bremen

Akua Naru in Bremen: Für den Moment

Rapperin Akua Naru hatte nicht mehr damit gerechnet, in diesem Jahr noch mal auf einer Bühne zu stehen. Nun ist sie nach der langen Corona-Pause mit ihrer Band im ausverkauften Theater Bremen aufgetreten.
20.09.2020, 09:20
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Akua Naru in Bremen: Für den Moment
Von Nico Schnurr

Es dauert nicht lange, das Konzert hat gerade erst begonnen, die Saxophonklänge sind verweht und das Schlagzeug setzt ein, scheppernd und treibend, da taucht im Theatersaal eine Frage auf, unausgesprochen, aber in den Gesichtern des Publikums abzulesen: Wie genau verhält man sich zu Hip-Hop, während man auf einem Sitzplatz im kuscheligen Polster versinkt?

„Ich weiß, ihr dürft nicht tanzen, nicht aufstehen“, sagt Rapperin Akua Naru, „aber ihr habt doch Arme, also bewegt sie ruhig!“ Der Hinweis von der Bühne wird dankbar angenommen, die Arme wippen im Takt des Schlagzeugs, irgendwo muss man ja mit sich hin, wenn es einen mitreißt.

Freitagabend im Viertel, Theater am Goetheplatz. Am Eingang gibt es Desinfektionsmittel und Datenzettel. Im Saal haben sie Leinenbeutel über die Sitze gehangen, die belegt werden dürfen. Ausverkauft, aber mit Abstand, viele Plätze bleiben frei. Das erste Konzert der Club-Reihe nach der Corona-Pause, alles anders und irgendwie auch nicht, die Künstlerauswahl bleibt geschmackssicher: Akua Naru tritt auf, Harvard-Forscherin, Aktivistin. Und am Freitagabend auch mal wieder Rapperin. „Ich war acht Monate zu Hause, ich hatte nicht erwartet, in diesem Jahr noch mal auf einer Bühne zu stehen“, sagt sie, „ich fühle mich wie ein Kind, das wieder auf den Spielplatz darf.“

Akua Naru spielt mit fünfköpfiger Band, anderthalb Stunden lang, Hip-Hop, aber nicht die Plastikware aus den Playlisten, sondern in Soul und Jazz getränkte Stücke, die so warm und vertraut klingen wie die Stimme der Rapperin. Mal schießt sie Silben wie Salven über die Takte. Mal flüstert, seufzt und haucht sie ihre Geschichten, so sanft, dass man die Wut fast überhört.

Wie eine Hohepriesterin des Rap

Akua Naru erzählt von Rassismus und vom Widerstand. Von Freundschaft, Liebe und schwarzen Ikonen. Ihre Songs feiern James Baldwin, Serena Williams, Malcolm X. In den Pausen berichtet sie von den Black-Lives-Matter-Protesten, der MeToo-Bewegung, dem Sexismus im Rap. „Ich bin nicht hier, um zu predigen“, fällt sie sich dann selbst ins Wort, „ich soll doch rappen.“ Die Grenzen sind bei ihr fließend. Wenn sie die Band mit ausgebreiteten Armen anleitet und sich dann mit ernster Miene wieder dem Mikrofon zuwendet, wirkt Akua Naru für einen Moment wirklich wie eine Hohepriesterin des Rap.

Die Rapperin lässt ihrer Band viel Raum, kaum ein Song endet, ohne dass die Musiker minutenlange Schleifen spielen, bei denen sie das Tempo fast ins Absurde steigern. Akua Naru steht dann daneben und versucht, das Publikum im Theatersaal zu animieren. Aber wozu eigentlich, wenn nicht zum Tanzen? Zum Staunen vielleicht. Weil das ja immer im Augenblick passiert, und man das Hier und Jetzt in der Pandemie vor lauter düsterer Zukunftsprognosen manchmal aus den Augen verliert, findet die Künstlerin.

„Ich habe auch Angst“, sagt sie in einer der Pausen, in denen sie nicht predigen will, es dann aber irgendwie doch tut. „Ich komme aus einem Land, wo sich mehr als sechs Millionen infiziert haben“, so die US-Amerikanerin, „wenn mir Corona eines gezeigt hat, dann wie unsicher die Zukunft ist.“ Aber deswegen verzweifeln? Manchmal drehten sich die Dinge auch zum Guten. Gerade stehe sie etwa auf der Bühne, die Leute besuchten ihr Konzert. Für den Moment: alright. Sie ruft es noch mal und noch mal, bis das Publikum antwortet: alright. Alright. Alright. Für den Moment: kein Einwand.

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