Kulturelle Inklusion Alles inklusive

Mit einer umjubelten Doppelpremiere in der Schauburg und im City 46 feiert Bremen den Kinostart der Doku „Weserlust Hotel“, einem fröhlichen wie philosophischen Nachklapp zum Spielfilm „All Inclusive“.
28.09.2018, 14:32
Lesedauer: 3 Min
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Alles inklusive
Von Hendrik Werner

Bremen. Am Ende sind es dann doch nur (und immerhin!) 39 Trauergäste, die in der Kapelle Abschied von Rosa Rogalsky (Doris Kunstmann) nehmen. Wieder und wieder hatten Regisseur Eike Besuden und Mitglieder seines Teams sanft darauf hingewirkt, dass Albert (Ronnie von Salewski) die im Skript niedergeschriebene Zahl 49 dem zugehörigen Satz korrekt einspeist. Aber der bestrickende Darsteller hat nun mal seinen eigenen Kopf – und für eine gelächterträchtige Pointe ist seine Fehlleistung allemal gut.

„Weserlust Hotel“ heißt die mit vorwiegend launigem Spielfilmmaterial angereicherte Dokumentation, die jetzt in den Kinos Schauburg und City 46 eine umjubelte Doppelpremiere gefeiert hat. Untertitel: „Der verrückte Filmdreh ‚All Inclusive‘“. Bei diesem 80-minütigen Werk, das dramaturgisch stimmig und angemessen turbulent in Szene gesetzt worden ist, handelt es sich um das Making-of des vor Lebensfreude, anarchischem Humor und anrührenden Szenen schier berstenden Inklusionsfilms „All Inclusive“ (2016). Gedreht hat ihn Eike Besuden, der mit dem Roadmovie „Verrückt nach Paris“ (2002; zusammen mit Pago Balke) erstmals eindrucksvoll unter Beweis stellte, wie erfolgsträchtig ein Projekt sein kann, dass beeinträchtigte und nicht beeinträchtigte Akteure vereint.

Projekt Serie

Zur Premiere in der Schauburg sind etliche Beiträger gekommen, darunter jener filmerfahrene Mann, mit dem gemeinsam Eike Besuden die Idee für die originelle Geschichte um einen unkonventionellen Hotelerben entwickelte: der Bremer Drehbuchautor und Schriftsteller David Safier. Er preist Besuden als „Meisterregisseur“ und „willensstarken Produzenten“ und skizziert die – einstweilen! – gescheiterten Versuche, den öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten das Projekt als Serie anzubieten.

Auf den Sitzplätzen vorne links wird unterdessen die Vorfreude auf die Premiere beredt. Dort haben der Hauptdarsteller Kevin Alamsyah, der Ricky, besagten Hotelerben, spielt, sowie weitere Mitglieder des Teams Platz genommen. Es ist schön (und anrührend) während der Vorführung zu ahnen, wie sehr die heterogene Truppe während der Dreharbeiten zusammengewachsen sein muss. Wenn dann alle Beteiligten gegen Ende des Making-of (wie auch des Films) zu einer ausgelassenen Sommersause an beziehungsweise auf der Weser zusammentreffen, ist eine große Verbundenheit spürbar – im Sport würde man wohl von Teamgeist sprechen –, die den Akteuren wie dem Zuschauer bleibt. Nebst bewegten und bewegenden Bildern von einem zeitweilig vermissten Schauspieler (Ronnie), von einer blockierten Straßenbahn – und dem sehr emotionalen Wiedersehen von Frank Grabski und Dominique Horwitz, die einander von den Dreharbeiten zu „Verrückt in Paris“ kennen.

Apropos Prominenz: Neben Horwitz sind auch die Aktrice Doris Kunstmann, die Ricks Mutter spielt, sowie die Bremer Schauspieler Alexander Swoboda und Erik Roßbander mit von der Partie, die gewissermaßen eine fröhliche Party im Zeichen ungezwungenen Inkludierens ist. Dabei kommen im durchaus ernsten Subtext wiederholt Chancen, aber auch Hemmnisse der Inklusion zur Sprache. Vor allem die lakonischen, mal tiefgründigen, mal gewitzten Reflexionen von Hannelore Sporleder, die im Film die Köchin Britta spielt, und Melanie Socher (als deren Kollegin Pippa) sind bedeutsame Selbstverständigungstexte, die leitmotivisch über der Produktion prangen könnten. In „All Inclusive“ gehe es darum, „dass die Behinderten mit denen, die sich für normal halten, gut zusammenleben können“. Touché und Chapeau! Nicht zuletzt das philosophische Unterfutter nimmt für die Dokumentation ein.

Viel Lokalkolorit

Aber auch der Protagonist namens Stadt hat einiges zu bieten: Lokalpatrioten dürfen sich an Bildern einer tänzelnden Weserfähre laben, an den chorischen Darbietungen der Blaumeier-Sangeskaderschmiede Chor Don Bleu (unter der bewährten Leitung des expressiven Dirigenten und Conferenciers Walter Pohl), am Wappentier der Blauen Karawane sowie an etlichen Schauplätzen mit Charme und Wiedererkennungswert. An der Spielfreude einer hochmögenden Saxofonistin und eines coolen Perkussionisten zudem.

An der schnieken Pagenuniform des ausdrucksstarken Protagonisten Ricky und den liebenswerten Aussetzern seines autistischen Freundes Albert wird das Publikum ohnedies seine Freude haben. Dieser Ausnahme-Dokumentation, die unterhaltsam und vergnüglich ist und überdies zum Nachdenken anregt, ist unbedingt Erfolg zu wünschen. Im Idealfall so viel, dass der Traum ihres smarten Machers, mit „All Inclusive“ in Serien gehen zu können, Wirklichkeit wird.

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