Interview zu Alltagsdiskriminierung Teil 2 „Rassismus nicht als Mode-Thema begreifen“

Im zweiten Teil des Interviews erklären Journalistin Sheila Mysorekar und Kulturwissenschaftlerin Margrit Kaufmann, was wir tun können, um von alten Denkmustern abzulassen.
08.08.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
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„Rassismus nicht als Mode-Thema begreifen“
Von Kim Torster

Frau Mysorekar, Frau Kaufmann, im ersten Teil des Interviews haben wir darüber gesprochen, dass Rassismus erlernt ist. Wie können wir Rassismus wieder verlernen?

Sheila Mysorekar: Zuerst muss man sich diese verankerten Bilder bewusst machen. Das ist ein langsamer Prozess. Das kann im persönlichen Bereich unangenehm sein und im professionellen Bereich sehr anstrengend. Niemand sagt, dass es einfach ist.

Margrit Kaufmann: Für mich ist es in der aktuellen Diskussion sehr wichtig zu fragen, inwiefern sich Institutionen ändern und öffnen können. Ich finde, es ist sehr wichtig, dass wir Rassismus jetzt nicht als Mode-Thema begreifen, sondern als etwas, das uns das alle weiter beschäftigen sollte. Das gilt natürlich auch für die Medien.

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Was könnten wir denn jetzt sofort umsetzen?

Mysorekar: Etwas, das ich mir jetzt sofort wünschen würde ist, dass die Politik gegen rechte Strukturen zum Beispiel in der Bundeswehr oder bei der Polizei vorgeht. Da ist ein viel stärkeres Durchgreifen notwendig.

Kaufmann: Ich stimme voll zu, die Situation ist wirklich beängstigend.

Mysorekar: Und ich finde, gerade in der Schule müssen sich ganz dringend viele Dinge ändern.

Zum Beispiel?

Mysorekar: Das fängt mit Fortbildungen im Bereich von Antirassismus von Lehrerinnen und Erziehern an. Ich weiß, dass die meisten gar nichts Böses wollen, aber sich über viele Dinge nicht im Klaren sind - zum Beispiel, wenn Eltern aus Einwandererfamilien unbewusst entwertet werden, wenn man den Kindern sagt: “Es ist schlecht, dass ihr zu Hause nur Türkisch sprecht.” Man könnte das auch positiv formulieren: “Toll, dass du so viele Sprachen kannst!” Das, was dort an Selbstvertrauen kaputt gemacht wird, ist später sehr schwierig wieder aufzuholen.

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Kaufmann: Die Ungleichheiten werden jetzt ja auch nochmal mehr durch Corona deutlich. Wir sprechen über die Bedingungen in den Schlachthöfen oder in den Geflüchtetenheimen und kritisieren sie. Gleichzeitig müssen wir erkennen: Corona betrifft viele, die auch von Rassismus betroffen sind und „Hotspots“ zeigen oftmals schlechte Arbeits- und Lebensbedingungen innerhalb unserer Gesellschaft auf, von denen die Mehrheit profitiert.

Es geht hier also auch um eine Klassenfrage.

Mysorekar: Ja, genau. Es geht eben bei Identitätspolitik auch ganz klar darum, dramatische soziale Ungleichheiten zu beseitigen, die unmittelbar mit der Identität von Menschen zusammenhängen. Ich finde es sehr ärgerlich, dass dies oft - auch von Linken - als Quatsch abgetan wird. Wer sind denn heutzutage die Arbeiter im Billiglohnsektor in Deutschland? Zum großen Teil sind das Menschen mit Migrationsgeschichte.

Dieses Interview führte Kim Torster.

Info

Zur Person

Margrit Kaufmann forscht und lehrt Kulturwissenschaft und Ethnologie an der Universität Bremen und ist Sprecherin des Vereins Bremer Institut für Kulturforschung (bik e.V.). Als wissenschaftliche Expertin für Diversity berät und begleitet sie Diversity Prozesse an der Universität Bremen und außerhalb.

Sheila Mysorekar ist freie Journalistin und Vorsitzende der Neuen deutschen Medienmacher*innen – ein bundesweiter unabhängiger Verein von Journalisten mit und ohne Migrationsgeschichte, der sich für mehr Vielfalt in den Medien einsetzt.

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Zur Sache

Teil 1 dieses Interviews „Wir sind Teil eines rassistischen Systems“, ist am Montag, 3. August erschienen. Alle Teile dieser Serie finden Sie unter www.weser-kurier.de/unsichtbaregrenzen.

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