Neujahrskonzert in der Bremer Glocke "Als würden sie um ihr Leben spielen"

Der Geschäftsführer der Philharmonie der Nationen, die am 5. Januar mit einem Neujahrskonzert in der Glocke gastiert, spricht im Interview unter anderem über die Zusammensetzung des Orchesters.
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Von Lisa Schröder

Der Geschäftsführer der Philharmonie der Nationen, die am 5. Januar mit einem Neujahrskonzert in der Glocke gastiert, spricht im Interview unter anderem über die Zusammensetzung des Orchesters.

Herr Lorenz, Musiker aus vielen Nationen spielen in Ihrem Orchester zusammen. Was heißt das für die Zusammenarbeit?

Christian Lorenz: Musiker haben eine gemeinsame Sprache – die Musik. Da ihre Ausbildung mittlerweile eine internationale Angelegenheit ist, ist es für sie eigentlich ein ganz unproblematisches Zusammenwirken.

Aus welchen Ländern kommen sie?

Viele von ihnen kommen aus Osteuropa. Unser Konzertmeister ist Rumäne, unser Solo-Bratscher ist Bulgare, der Solo-Cellist ist Weißrusse. Auch Tschechen, Russen, Ukrainer, Franzosen, Japaner, Mexikaner, Deutsche, Norweger und Engländer gehören zu uns. Eine Gruppe von 50 Stammmusikern ist schon seit Jahren dabei. Zusätzlich gibt es eine wechselnde Besetzung, sodass auch junge Leute die Chance haben mitzuspielen.

Das Orchester ist ein Projekt. Es ist sicherlich auch eine gewisse Anstrengung für die Musiker, sich dafür Zeit zu nehmen.

Ich habe sie oft gefragt, warum sie kommen, denn es ist eine große Herausforderung. Sie haben Familie und müssen sich in ihren Orchestern für mehrere Wochen freinehmen. Das erste ist, dass Musiker eine gewisse Abenteuerlust haben. Das Reisen ist etwas, das sie inspiriert. Das zweite ist, dass sie natürlich auch dafür bezahlt werden. Das Engagement ist attraktiv. Das Wichtigste ist aber die künstlerische Qualität. Justus Frantz ist es gelungen, die Musiker bei ihrem Ehrgefühl zu packen. Sie spielen, als würden sie um ihr Leben spielen – das ist zumindest meine Wahrnehmung. Ein großartiges, emotionales Engagement ist zu spüren. Das reizt die Musiker, immer wieder zu kommen.

Ist es auch die Vision, die hinter dem Projekt steht?

Das spielt sicherlich eine Rolle. Man darf das aber nicht überbewerten. Außer, dass die Musiker des Ensembles selbst ein Beispiel für gutes Zusammenleben geben, bemerken sie es nicht ständig. Es ist ihnen aber bewusst.

Sie treten in 15 Städten mit Ihrem Neujahrskonzert auf. Was wird gespielt?

Im ersten Teil gibt es Werke von Mozart, zunächst die Ouvertüre zur „Die Zauberflöte“. In der Oper geht es um die dunklen Mächte der Königin der Nacht und das aufgeklärte Wesen des Bundes um Sarastro. Es geht um Freundschaft und Verlässlichkeit innerhalb der Gesellschaft. Wir fanden, dass ist ein gutes Eröffnungsstück. Dann kommt Mozarts A-Dur-Klavierkonzert. Nach der Pause gibt es ein typisches Neujahrskonzertprogramm mit Walzern und Tänzen von Strauß, Brahms und Dvorák.

Sie spenden zehn Prozent des Ticketerlöses an die Welthungerhilfe. Wie kam es dazu?

Wir hörten von einem Bildungszentrum der Welthungerhilfe in einem Flüchtlingslager in Gaziantep, das direkt an der syrischen Grenze auf türkischem Gebiet liegt. Dort sind Flüchtlinge in Zelten und provisorischen Behausungen untergebracht. Es ist überhaupt nicht abzusehen, dass sie dieses Lager bald verlassen können. Das bedeutet, dort sind tausende Kinder, die Schulunterricht bekommen müssen. Im Bildungszentrum soll auch ein musikalischer Bereich entstehen. Dafür wollen wir Pate sein. Wir rechnen mit einer Spende von insgesamt 30 000 Euro.

Außerdem laden Sie Flüchtlinge und ehrenamtliche Helfer ein. In Bremen haben Sie Flüchtlingsinitiativen 120 Karten für das Konzert in der Glocke geschenkt.

Wir wollen den Flüchtlingen und ehrenamtlichen Helfern, die sich für sie einsetzen, einen schönen Abend bereiten mit dem Besten, was unsere abendländische Kultur zu bieten hat. Auf der anderen Seite wollten wir die Not in Krisengebieten lindern helfen.

Seit zwei Jahren sind Sie Geschäftsführer der Philharmonie. Warum?

Ein Orchester nicht nur musikalisch zu sehen, sondern als Ausdruck einer Vision von Völkerverständigung und Frieden, das hat mich schon immer gereizt. Dann wurde ich gefragt, ob ich die Philharmonie nicht begleiten wolle. Da habe ich nicht lange gezögert.

Sie spielen auf der ganzen Welt. Erinnern Sie sich an einen besonderen Ort?

Unlängst. Wir waren mit der 2. Sinfonie von Gustav Mahler in Rom und haben dort in der päpstlichen Basilika San Paolo fuori le Mura gespielt. Das hat bleibenden Eindruck hinterlassen – nicht nur bei mir, sondern sicherlich auch bei den Besuchern. Die Auferstehungssinfonie für großes Orchester, Chor und zwei Solisten mit Echo aus dem Irgendwo – das war ein überwältigendes Erlebnis in dieser riesigen Basilika. Was im Konzertsaal dagegen schön ist, ist die begeisterte Reaktion des Publikums zu sehen, ob es nun die Glocke in Bremen ist, die Alte Oper in Frankfurt oder das Konzerthaus in Berlin. Es ist eine herrliche Bestätigung.

Die Philharmonie wurde 1995 gegründet, vor 20 Jahren, im Geiste eines friedenstiftenden Humanismus. Was konnte sie bis heute bewegen?

Was wir wirklich bewegen können, ist schwer zu sagen. Wir hatten jetzt beispielsweise ein Kooperationsprojekt mit der Israel Sinfonietta, mit der wir zusammen in Deutschland und in Israel gespielt haben. Das ist ein wunderbarer Ausdruck von dem, was die Philharmonie der Nationen anstrebt. Unsere Musiker, die wiederum alle in ihre Länder zurückgehen, erleben das Miteinander als Selbstverständlichkeit. Das ist wichtig. Ich glaube, dass wir einiges erreicht haben. Natürlich kann man das nicht messen. Es gibt einen schönen Satz von Justus Frantz, der sagt, wir können keine Konflikte bereinigen mit unser Musik, aber wir können ein Beispiel für Hoffnung und für ein Miteinander geben.

Brutale Kriege, der Terror von Daesch, der Ukraine-Konflikt – das alles löst auch ein Gefühl der Ohnmacht aus.

Die Gefahr lässt die Menschen vielleicht verzagen. Davon sind wir weit entfernt. Die Herausforderung für uns ist groß, aber wir wollen sie angehen. Wir glauben nicht, dass eine Abschottung oder ein Ohnmachtsgefühl richtig sind. Sie bringen weder die Gesellschaft noch uns persönlich weiter.

Musik bleibt ein Rätsel. Können Sie sich erklären, warum sie eine verbindende Wirkung hat?

Ich glaube, es gibt einen technischen und einen emotionalen Grund. Der technische Grund ist, dass bei einem Konzert viele Menschen zusammenkommen und nichts anderes tun als sich gemeinsam der Musik zu öffnen. Man isst nichts, redet nicht, spielt nicht mit dem Handy, sondern sitzt einfach da. Es gibt relativ wenig Momente, in denen das so stark ist.

Was ist der emotionale Grund?

Jeder, der einen Text schreiben möchte, merkt, dass es gar nicht leicht ist, seine eigene Befindlichkeit, seine eigene Gefühlswelt in Wort zu fassen. Musik kann uns da berühren, wo diese eigene Gefühlswelt ganz tief in uns ist. Da gibt es wunderschöne Stellen, aufwühlende, dramatische und tänzerische. Musik kann Menschen erreichen, ohne dass man sie in Wort fassen kann.

Tickets

Ihr Neujahrskonzert „Music for Friends“ gibt die Philharmonie der Nationen am 5. Januar, 20 Uhr, in der Glocke. Karten gibt es unter Telefon 04 21 / 33 66 99.

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