Amy Macdonald im Interview

„WIr haben irrwitzige Ansprüche“

Die schottische Songwriterin Amy Macdonald hat mit „The Human Demands“ ihr fünftes Album veröffentlicht. Im Interview spricht sie über die neuen Songs, aber auch übers Gewichtheben.
01.11.2020, 15:23
Lesedauer: 4 Min
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Von Nadine Wenzlick

Frau Macdonald, Ihr neues Album, das mit dem legendären Produzenten Jim Abbiss entstand, hat einen wirklich frischen Sound. Wie kommt’s?

Amy Macdonald: Ich habe einen Plattenvertrag bei einem neuen Label unterschrieben und dadurch fühlte sich alles total frisch an. Ich glaube, das hat mir gefehlt. Zuletzt war irgendwie immer alles gleich. Aber auf einmal hatte ich all diese Leute um mich herum, die super motiviert waren. Irgendwann fiel dann der Name Jim Abbiss und ich war sofort ganz Ohr, denn Jim hat einige der Alben produziert, die ich geliebt habe, als ich jung war. Wir verstanden uns auf Anhieb. Ich hatte keinen bestimmten Sound im Kopf – und ich glaube, genau deshalb hat es so gut geklappt. Ich war einfach offen für alles, und irgendwie entstand das Album wie von selbst.

Sie beschäftigen sich mit großen Themen: Es geht ums Älterwerden und Herausforderungen, die einem das Leben vor die Füße wirft.

Ich bin jetzt Mitte 30. Eigentlich ist das nicht alt, aber in der Musikwelt dann doch. Vor allem, weil ich das schon sehr lange mache. Da beginnt man automatisch, ein bisschen anders über gewisse Dinge zu denken. Für einige Leute kann das Leben echt schwer sein, und auf dem Album sind viele Ideen, die darauf basieren. Wir Menschen haben diese irrwitzigen Ansprüche – nicht nur an uns selbst, sondern auch aneinander. Wir erwarten, dass die Leute sofort auf Mails antworten, jeder soll 24 Stunden am Tag verfügbar und dabei bitte auch noch glücklich sein.

Sind wir so beschäftigt, dass wir unsere wahren Bedürfnisse manchmal aus den Augen verlieren?

Absolut. Alles dreht sich nur darum, seine Arbeit so schnell es geht fertig zu bekommen. Ich weiß, dass das wichtig ist, aber ich glaube, wir können in vielen Punkten bessere Wege finden und uns das Leben leichter machen. Dieses Jahr hat das nur unterstrichen. Freundinnen von mir arbeiten seit März im Homeoffice und sind seitdem viel glücklicher. Das ist vielleicht das Gute, was das Jahr 2020 mit sich gebracht hat: Wir alle haben erkannt, was wichtig ist und was nicht.

Welche Rolle spielt das Älterwerden für Sie?

Mein 30. Geburtstag war für mich keine große Sache – eher die Tatsache, dass ich geheiratet habe. Es hat dazu geführt, dass ich viel reflektiert habe. Für unsere Hochzeitsfeier in Las Vegas sind 60 Menschen um die halbe Welt gereist, und ich dachte nur: Wie toll, dass wir diesen Menschen so wichtig sind, dass sie für uns alles stehen und liegen lassen. Das hat mich sehr bewegt. Ich war schon immer eine Tagträumerin, die viel über Gott und die Welt nachdenkt. Unsere Hochzeit hat das noch verstärkt.

Ihrem Mann haben Sie den Song „Fire“ gewidmet – und gleich dazu gesagt, dass das der einzige Liebessong bleiben wird, den Sie je für ihn schreiben. Warum?

Ich bin keine große Romantikerin. Mir ist sowas eher peinlich, und ich gehörte nie zu den Leuten, die Songs darüber schreiben, was für großen Liebeskummer sie haben oder wie verliebt sie sind. „Fire“ allerdings war der erste Song, den ich nach den Flitterwochen schrieb. Ich war super zufrieden und glücklich, und das kam einfach aus mir heraus. Als ich meinem Mann den Song vorspielte, wusste er sofort, wovon er handelt. Und so entstand der Witz, das sei der erste und letzte Song, den ich für ihn schreibe.

„Strong Again“ ist eine Aufmunterung an all jene, die mit Depressionen zu kämpfen haben. Was hat es damit auf sich?

Leider habe ich einige Freunde, die ein paar schwere Jahre im Leben hatten. Man möchte ihnen so gerne helfen, aber es geht nicht. Ich habe in solchen Situationen immer das Gefühl, das Einzige, das ich tun kann, ist Songs zu schreiben. Die Freunde, an die ich beim Schreiben dachte, haben das Stück noch nicht gehört, aber ich freue mich schon drauf, es ihnen vorzuspielen. Im Grunde geht es einfach darum, jemanden wissen zu lassen, dass man immer für ihn da ist.

„May the bridges I burn light my way“ heißt es in dem Stück „Bridges“. Sie waren immer jemand, der seinen Weg gegangen ist und seine Meinung gesagt hat. Handelt der Song davon?

Das tut er. Wobei ich zu Beginn meiner Karriere schon manchmal in Ecken gedrückt wurde, in denen ich mich nicht wirklich wohl fühlte. Aber ich war super jung und verstand das Business nicht. Ich dachte, ich müsste zu allem ja sagen. Es gibt Situationen, in denen ich rückblickend gerne direkter gewesen wäre. Heute sage ich immer, was ich denke – und die Welt wäre vielleicht besser, wenn das mehr Leute machen würden.

Woher nehmen Sie das Selbstbewusstsein dafür?

Ich habe gelernt, dass niemand wirklich weiß, was er tut. Vor allem in der Musikindustrie. Man kann sich all diese schlauen Ratschläge anhören, aber am Ende sind doch alle nur am Improvisieren. Viel hat mit Glück zu tun und damit, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Man kann also im Grunde gar nichts falsch machen.

Apropos: Es heißt, Sie hätten das Gewichtheben für sich entdeckt. Nicht gerade ein Hobby, dass man Ihnen auf den ersten Blick zutrauen würde.

Das stimmt! Ob Kreuzheben oder Kniebeugen, ich bin geradezu besessen davon. Man kennt seine eigene Stärke nicht, bis man es ausprobiert. So viele Mädchen in meinem Fitnessstudio heben ganz kleine Gewichte, und ich will immer zu ihnen gehen und sagen: Nimm' mehr, du bist stärker, als du denkst!

Zu wissen, dass man physisch stark ist, macht das auch psychisch stärker?

Ich glaube schon. Aber auch die Endorphine, die man produziert, sorgen dafür, dass man sich besser fühlt. Auch das ist ein Grund, warum ich Gewichtheben liebe: Ich weiß, wie gut ich mich danach fühle. Wenn das mit der Musik irgendwann nicht mehr läuft, werde ich Fitnesstrainerin.

Das Gespräch führte Nadine Wenzlick.

Info

Zur Person

Amy Macdonald

brachte mit ihrem Debüt „This Is The Life“ vor 13 Jahren frischen Wind in die Musiklandschaft. Auffällig: ihre Alt-Stimme und der schottische Akzent. Seitdem hat die 33-Jährige sechs Millionen Tonträger verkauft. Nun erscheint ihr fünftes Album „The Human Demands“.

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