"Winterschlaf" im City 46

Anatomie der Selbstgerechtigkeit

Der Film "Winterschlaf“ von Regisseur Nuri Bilge Ceylan ist im City 46 zu sehen. Die Produktion, die auf dem Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, stellt hohe Ansprüche an ihre Zuschauer.
19.12.2014, 00:00
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Anatomie der Selbstgerechtigkeit
Von Iris Hetscher
Anatomie der Selbstgerechtigkeit

Nihal (Melisa Sözen) verbringt ihre Zeit in dem Felsenhotel damit, Wohltätigkeitsveranstaltungen zu organisieren und versinkt immer stärker in Resignation.

Nuri Bilge Ceylan, dpa

Die Landschaft ist weit und karg. Die Straßen führen durch die Steppe, ihre Häuser haben sich die Menschen in die bizarren Felsformationen Kappadokiens geschlagen.

Auch der ehemalige Schauspieler Aydin (Haluk Bilginer) lebt hier, mit seiner Frau Nihal (Melisa Sözer) und seiner frisch geschiedenen Schwester Necla (Demet Akbag) führt er ein von finanziellen Sorgen freies Leben: Aydin hat geerbt, er besitzt diverse Häuser. Das Trio wohnt in einem weitläufigen Felsenhotel und lässt sich von Hausangestellten alles Unangenehme abnehmen. Es ist ein seltsam sinnfreies Leben, das satt und selbstgerecht macht. Zufrieden macht es nicht.

Davon erzählt der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan in seinem 198 Minuten langen Film „Winterschlaf“, der jetzt in einer leicht gekürzten Dreistunden-Fassung im City 46 zu sehen ist. Die Produktion, die auf dem Filmfestival in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde, stellt hohe Ansprüche an ihre Zuschauer: Es gibt beinahe schmerzhaft lange Dialogszenen zwischen den Hauptakteuren, in denen Ceylan die Beziehung zwischen den Dreien intensiv seziert. Nach und nach wird klar, man lebt zwar zusammen unter einem Dach, aber isoliert voneinander.

An die Stücke Anton Tschechows oder die Filme Ingmar Bergmans erinnert „Winterschlaf“, dessen Drehbuch Ceylan gemeinsam mit seiner Frau Ebru verfasst hat, aber der Film bewahrt dabei seinen ganz eigenen Rhythmus. Und natürlich geht es unterschwellig auch immer um Macht – gegenüber der abhängigen Ehefrau, die immer tiefer in Resignation versinkt, der frustrierten Schwester und der armen Dorfbevölkerung.

Aydin spielt zwar nicht mehr Theater, hat sich aber eine neue Bühne ausgeguckt: Er schreibt moralinsaure Kolumnen für die Lokalzeitung. Das hohe Ross, auf das er sich in seinen Texten setzt, hat allerdings Scheuklappen, wenn er auf die einfache Landbevölkerung trifft, für die seine Texte eigentlich verfasst sind.

So ist er völlig blind für die Nöte der von ihm abhängigen Pächter. Damit habe er gar nichts zu tun, dafür seien Anwälte zuständig, bescheidet er einem Bittsteller lächelnd, als dieser ihm von der Angst berichtet, mit seiner Familie auf die Straße gesetzt zu werden.

Die große Leistung des Films ist es, dass er Aydin nicht als Dorftyrannen darstellt, sondern ihn als jemanden zeigt, der konfliktscheu und in sich selbst eingepuppt ist – unfähig, sich seiner Verantwortung zu stellen. Haluk Bilginer spielt diesen Menschen mit feinem Mienenspiel und dem steten Unbehagen, mit sich selbst nicht ganz im Reinen zu sein. Sein Zynismus, so wird deutlich, ist nur eine Maske, wobei er sich selbst nicht sicher ist, was eigentlich dahinter steckt.

Der Film besticht nicht nur durch die ausgeklügelte Dramaturgie und die Personenregie, er ist zudem berückend schön fotografiert. Kameramann Gökhan Tiryaki war schon bei Ceylans „Es war einmal in Anatolien“ dabei, in „Winterschlaf“ taucht er die engen, dunklen Räume des Felsenhotels in spärliches, warmes Licht. Selbst bei den Dialogszenen entsteht so nie der Eindruck eines Kammerspiels – gefilmt sind diese Szenen wie Tableaus, manchmal sogar wie Stilleben. Draußen versinkt derweil die Landschaft immer tiefer im Schnee, was den Kontrast zwischen dem hellen Draußen und dem düsteren Drinnen noch verstärkt.

„Winterschlaf“ hält sich fern von den Diskussionen, die in der Türkei über den schleichenden Umbau von einer Demokratie in einen islamisch ausgerichteten Staat stattfinden. Doch viele Szenen in dem Film lassen sich durchaus metaphorisch als Kommentare lesen zu einer immer stärker in sich erstarrenden Gesellschaft, die nicht mehr so recht weiß, wie es weitergehen soll.

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