Uraufführung am Bremer Schauspiel

Androiden lieben anders

Staunenswert und statuarisch, anrührend und komisch: Felix Rothenhäusler inszeniert am Kleinen Haus des Theaters Bremen Jan Eichbergs Kunststück „The End. Eine Replikantenoper“.
27.09.2019, 15:05
Lesedauer: 4 Min
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Androiden lieben anders
Von Hendrik Werner
Androiden lieben anders

Replikanten (von links): Justus Ritter, Matthieu Svetchine, Nadine Geyersbach, Annemaaike Bakker, Alexander Swoboda.

PHILIP FROWEIN

Bremen. Sprühnebel. Zellstoff. Zeit. Viel mehr Zutaten bedarf die von Katharina Pia Schütz eindrucksvoll eingerichtete Bühne im Kleinen Haus nicht, um auf zugleich subtile und treffliche Art ein Stück zu allegorisieren, das um Künstlichkeit und Vergänglichkeit kreist – und wie beiläufig eine alternative Schöpfungsgeschichte entwirft. Der unablässig perlende Sprühnebel benetzt und nässt den nach Art eines gediegenen Vorhangs gerafften Zellstoff und die davor vorzugsweise regungslos postierten fünf Akteure wie ein leichter, penetranter Dauerregen.

Nach gut 45 Minuten Spieldauer beginnt sich der Zellstoff aufzulösen – langsam, aber stetig –, mit ihm eine existenzielle Geschichte, die womöglich nur eine Schimäre oder ein Traum oder eine falsche Erinnerung ist, und nach 54 Minuten löst sich ein intensiver Theaterabend in lauten Applaus und andere Beifallskundgebungen auf.

Der Bremer Autor und Filmemacher Jan Eichberg hat „The End“ geschrieben, ein apokalyptisch grundiertes Stück mit viel Musik und noch mehr feiner Ironie und dem mal melancholischen, mal ungemein komischen Erzählduktus eines mit Groschenroman-Sequenzen verquirlten Kunstmärchens, das nicht zuletzt seiner geschmeidigen Wechselreden wegen dramatische Qualitäten hat. Samt zugehöriger Kunstsprache von „haschen“ bis „Kindelein“. Und samt musikalischer Intermezzi, die mal Mätzchen oder/und Kalauer sind (von „Für dich soll's rote Rosen regnen“ bis „I will Always Love You“), mal schwermütige Elegien („All diese Momente werden verloren sein in der Zeit“).

Ansprechend und angemessen orchestriert wird das alles durch vorwiegend düster dräuende Streicher- und Computerklänge (Jo Flüeler und Moritz Widrig), die ein ums andere Mal ins Sakrale drängen. Inhaltlich angelehnt ist diese smart zusammengewürfelte „Replikantenoper“ (Untertitel) an Ridley Scotts Science-Fiction-Film „Blade Runner“ (1982) sowie an dessen Neo-Noir-Fortschreibung durch Denis Villeneuve in „Blade Runner 2049“ (2017), vor allem aber an deren literarische Vorlage, Philip K. Dicks dystopischen Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen?“ (1968).

Telegene Darstellungsmittel

Unter anderem. Denn inszeniert hat dieses hybride Kunststück um artifizielle Intelligenz und menschliche, allzu menschliche Zugehörigkeitsbedürfnisse und andere Regungen der Regisseur Felix Rothenhäusler. Dessen bisherigen Kooperationen mit Eichberg rufen zuverlässig etliche popkulturelle Bezüge und telegene Darstellungsmittel wie Sitcom-Elemente ab – und gehen überdies immer wohltuend aufs Ganze.

Dies deshalb, weil die bloß vermeintlich leichthändig auf die Bühne gewuchteten Fragen zum Verhältnis von Original und Kopie, Bild und Simulakrum, Gleichem und Ähnlichem nicht nur den fragilen Wirklichkeitsstatus von künstlichen Menschen und Kunstmenschen betreffen, sondern immer auch Grenzen der Sagbarkeit, Darstellbarkeit und Identität in einem gleichfalls labilen Kunst(t)raum namens Theater. Trau, schau, Retorte.

54 Minuten Aufführungsdauer. Das sind nur und immerhin drei Minuten mehr, als Jan Eichberg und Felix Rothenhäusler vor zweieinhalb Jahren am nämlichen Ort zur grandiosen Zerlegung der US-Hackerserie „Mr. Robot“ benötigt haben. Wiederum liegt reichlich Würze in der Kürze, mit der dieses kreative Abbreviatur-Gespann auf berührende Weise Medienkunst und Kunstmedien, Echtheitsdiskurse sowie ein ganzheitliches Bild des Lebens dekonstruiert, das an der zusehends niedrigen Schwelle zur Hochzeit von Mensch und Maschine endgültig abgewirtschaftet zu haben scheint.

Seit' an Seite stehen sie, die abwechselnd tragischen und komischen Protagonisten einer von saurem Dauerregen umflorten Moritat, die in einem endzeitlichen Los Angeles angesiedelt ist. Staunenswert statuarisch harren sie aus an jenem tendenziell heillosen Ort, an den sie das Schicksal (der Schöpfergott? der Autor? der Regisseur?) gestellt hat. Als wären sie vom Hals abwärts paralysiert; als stünden ihnen nur noch ihre Gesichter und – verzerrte – Stimmen zu Gebote, um beredt zu werden in eigener existenzieller Sache.

Elke von Sivers hat Justus Ritter, Matthieu Svetchine, Nadine Geyersbach, Annemaaike Bakker und Alexander Swoboda in tolle Kostüme gesteckt, die eine Art Doppel-Spagat leisten: der jeweiligen Rolle in der Replikantenhatz-Binnenerzählung zu entsprechen und den Zuschauerblick in Richtung weiterer Popkultur-Paralleluniversen zu weiten („Tribute von Panem“, „Game of Thrones“ und Konsorten); den für die Produktion zentralen Künstlichkeitsstrang adäquat auszustellen und die Klitschnässe zumindest teilweise abzuweisen.

Hohe Sprechkultur

Mal stockend, mal redselig – und gegen Ende porös wie die hinfällige Zellstoff-Kulisse –, dabei durchweg konzentriert, pointiert und unterhaltsam, erzählen die fünf Autotune-Androiden die teils anrührende, teils verstörende, teils hanebüchene Fabel des zweiflerischen Replikantenjägers Rick Deckard (Swoboda) nach, der den kunstvollen Reizen der Androidin Rachael Rosen (Bakker) erliegt und mit ihr ein messianisch überhöhtes „Kindelein“ (Geyersbach) zeugt. Eine Frucht lauterer, ewig währender Liebe? Mitnichten. Prompt ist die Mutter tot, der Vater flüchtig. Doch siehe: Als das Mischwesen (Menschenkind? Android? Trugbild?) zum erwachsenen Officer KD6-3.7 gereift ist, will es dem Erzeuger Fragen stellen. Und die haben es in sich.

Dynamisiert wird diese formal bündige, inhaltlich bereichernde Aufführung durch eine hohe Sprechkultur, der Felix Rothenhäusler in bewährter Manier Irritationen, Verzögerungen und Mehrdeutigkeiten einspeist. Sein bewundernswert konsequenter Stil hat mit „The End“ einen weiteren Höhepunkt erreicht.

Weitere Informationen

Weitere Aufführungen im Kleinen Haus:

28. September und 10. Oktober, 20 Uhr;

13. Oktober, 18.30 Uhr; 25. Oktober sowie

1., 22. und 28. November, 20 Uhr.

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